Er überquerte einen Wasserlauf und wandte sich dann nach rechts, dem Hügel zu, auf dem Paranor stand, Türme und Mauern vor der Nacht scharf abgegrenzt. Er war diesen Weg entlanggelaufen, ohne sich dessen bewußt zu sein, und sah in ihm jetzt seine einzige Chance zur Flucht. Wenn er die Festung erreichen konnte, bevor sie ihn erwischten...
Cogline! Beobachtete der alte Mann die Szenerie?
Schlangenähnlich und glatt vor Feuchtigkeit erhob sich vor ihm etwas aus der Nacht. Klauen streckten sich nach ihm aus, und Zähne schimmerten. Es war eines der Reittiere der Schattenwesen, dort postiert, um ihm den Weg abzuschneiden. Er glitt unter seinem Zugriff hindurch, wie ein Teil der Nacht, der nicht festgehalten werden konnte, und die Magie ließ ihn so schnell und flüchtig werden wie der Wind. Das schlangenähnliche Wesen zischte und schlug wild zu, so daß Klumpen Erde aufflogen. Walker eilte mit der Schnelligkeit eines Gedankens davon. Vor ihm ragte die Festung der Druiden auf – sein Sanktuarium, seine Zuflucht vor diesen Wesen.
Eine dunkle Bewegung zu seiner Linken ließ ihn zur Seite ausweichen, als Hungersnot mit einem aus Knochen geschnitzten Schwert zuschlug, ein dumpfes, weißes Schimmern, das an den äußeren Kanten seiner Kleidung zerrte. Walker verlor den Halt und fiel, stürzte einen Abhang hinab, durch Gestrüpp und langes Gras und in eine Pfütze stehenden Wassers hinein. Etwas eilte an ihm vorbei und verfehlte ihn mit seinem zuschnappenden Kiefer nur knapp. Ein weiteres der schlangenähnlichen Wesen. Walker sprang auf und sandte in dem verzweifelten Versuch, sich abzuschirmen, Feuer und Geräusche in alle Richtungen. Er hörte befriedigt, daß etwas vor Schmerz aufschrie, daß etwas anderes grunzte, als sei es mit einer Keule geschlagen worden, und dann lief er erneut weiter. Bäume erhoben sich an den Seiten, und er verschwand hinein und suchte die Deckung der tiefen Schatten. Sein Atem kam abgehackt und ungleichmäßig, und sein Körper schmerzte. Erschreckt stellte er fest, daß er sich wieder von der Festung fortbewegte und sich von jenem Ort der Sicherheit abwandte, die er zu erreichen gehofft hatte.
Ein Schatten huschte zu seiner Linken davon, schnell und leise, ein schwarzer Umhang und das Schimmern einer Metallklinge. Tod. Walker wurde müde. Er war erschöpft von seiner Flucht und davon, daß er so häufig gezwungen gewesen war, die Richtung zu wechseln. Die Schattenwesen hatten ihn umringt und schlossen langsam den Kreis um ihn. Er glaubte nicht, daß er die Festung erreichen konnte, bevor sie ihn einholten. Er versuchte erneut umzukehren, aber er sah Bewegung zwischen sich und der Festung, und er hörte ein erwartungsvolles Rascheln von Schuppen in Gras und Gestrüpp. Walker konnte sein Entsetzen kaum noch unter Kontrolle halten und spürte es als zunehmende Lähmung in seiner Kehle. Er hatte sich zu früh gefreut, war sich seiner selbst zu sicher gewesen. Er hätte wissen müssen, daß es nicht so leicht werden würde. Er hätte es voraussehen müssen.
Zweige schlugen ihm gegen Gesicht und Arme, als er sich seinen Weg in einen Streifen tiefsten Waldes erzwang. Hinter ihm kam die Schlange heran. Ihm war, als könne er ihren Atem auf seinem Nacken spüren, die Berührung von Klauen und Zähnen auf seinem Körper. Er beschleunigte seinen Schritt, brach aus dem Unterholz zu einer Lichtung durch und fand dort Tod wartend vor, mit Umhang und Kapuze bekleidet, die Sense erhoben. Das Schattenwesen griff ihn an, verfehlte ihn, als er seitwärts auswich, schwang die Sense ein zweites Mal, und diesmal konnte Walker die Sense ergreifen und sie von sich abwenden. Sofort betäubte eine Kälte hohl und markerschütternd seine Hand und seinen Arm, und er schrak vor Schmerz zurück und stieß die Sense und denjenigen, der sie führte, mit der gleichen Bewegung beiseite. Etwas anderes kam von rechts heran, aber er lief erneut los und stürzte, glitt an Reihen dunkler Stämme vorbei, als seien sie substanzlos, während er die Taubheit unaufhörlich tiefer in sich eindringen spürte.
So kalt!
Seine Kräfte ließen jetzt nach, und er war nicht näher an jenem Ort der Sicherheit als zuvor. Denke, mahnte er sich wütend. Denke! Schatten bewegten sich überall um ihn herum, der skelettartige Umriß von Hungersnot, das abscheuliche Brummen von Seuche, das Poltern von Krieg in seiner undurchdringlichen Rüstung, das leise Eilen von Tod und bei ihnen waren die Schlangen, die sie befehligten.
Dann stieg plötzlich eine Erinnerung in ihm auf, und Walker Boh ergriff die hauchdünne Hoffnung, die sie bot. Es gab eine verborgene Falltür in der Erde unmittelbar vor ihm, und ein darunterliegender Tunnel führte wieder nach Paranor zurück. Der Gedanke an die Falltür war Allanons Erinnerung, die in dem Entsetzen und der Pein des Augenblicks lebendig geworden war und gerade rechtzeitig aufstieg. Dort, zur Linken! Walker wandte sich um, sprang vorwärts, wobei seine Hand und der Arm sich so tot anfühlten wie der, den er bereits verloren hatte. Denk nicht darüber nach! Er warf sich in ein Gestrüpp, eilte an laubreichen Hindernissen vorüber, und eine Senke hinab.
Dort!
Seine Hand sank zu Boden und grub mit schwachen Fingern nach der verborgenen Tür. Sie war hier, dachte er, hier in diesem Fleck Erde. Geräusche näherten sich hinter ihm, kamen heran. Er fand einen Eisenring, ergriff ihn und zog ihn hoch. Die Tür gab mit einem dumpfen Schlag nach und fiel zurück. Walker stürzte durch die Öffnung die dahinterliegende Treppe hinab und kam erst dann wieder auf die Füße. Schatten drangen durch den Eingang. Er hob seine verletzte Hand und den Arm, kämpfte sich durch Taubheit und Kälte und beschwor die Magie herauf. Feuer brach oben an der Treppe aus und erfüllte die Öffnung. Die Schatten verschwanden in einer Lichtkugel. Erde und Gestein brachen auf, und der Eingang brach in sich zusammen.
Walker sprang in den Tunnel hinein und würgte und hustete von dem Staub und dem Rauch. Zweimal schaute er zurück, um sicherzugehen, daß nichts ihm folgte.
Aber er war allein.
Er wurde von Zweifeln und Ängsten bedrängt, während er sich seinen Weg durch die Tunnel zurück in die Festung bahnte, bestürmt von Dämonen, die die Gesichter seiner Feinde trugen. Es schien, als könnte er seine Verfolger sogar hier hören, als seien sie in die Erde herabgestiegen, um zu beenden, was sie begonnen hatten. Tod, Krieg, Seuche und Hungersnot – was war Fels und Erde für sie? Konnten sie nicht überall hindurchdringen? Was sollte sie draußen halten?
Aber sie kamen nicht, denn trotz der Gestalten und Identitäten, die sie angenommen hatten, waren sie nicht unbesiegbar und nicht wirklich die Inkarnationen, die zu sein sie vorgaben. Er hatte sie vor Schmerz aufschreien hören, er hatte ihre Substanz gespürt. Die Taubheit in einer Hand und seinem Arm begann zu weichen, und er begrüßte dankbar das Kribbeln und spürte erneut den Schmerz des Verlusts seines anderen Armes, wünschte, er könnte diesen Teil seines Lebens noch einmal durchleben.
Er fragte sich, wieviel mehr er von sich selbst aufzugeben gezwungen sein würde, bevor sein Kampf vorüber war. Hatte er nicht Glück, einfach noch am Leben zu sein? Wie knapp er den Schattenwesen dieses Mal entkommen war!
Und dann kam es ihm plötzlich in den Sinn, daß er vielleicht nicht wirklich irgend etwas entkommen war. Vielleicht hatte man ihm gestattet zu entkommen. Vielleicht hatten die Reiter nur mit ihm gespielt. Hatten sie nicht ausreichend Möglichkeiten gehabt, ihn zu töten, wenn sie es gewollt hätten? Es schien, nach einigem Nachdenken, daß sie vielleicht eher versucht hatten, ihm Angst einzujagen, als ihn zu töten, genug Angst in ihm erwecken wollten, daß er zu keiner Handlung mehr fähig wäre, wenn er erst wieder innerhalb der Druidenfestung war.
Aber er nahm fast augenblicklich Abstand von dieser Idee. Es war lächerlich zu glauben, daß sie ihn nicht getötet hätten, wenn sie es gekonnt hätten. Sie hatten es einfach versucht und waren gescheitert. Er hatte genug Können und Magie besessen, um sich sogar in der Verwirrung eines Hinterhalts zu retten, und er würde daraus allen Trost ziehen, der ihm möglich war.