Schmerzgequält und erschöpft betrat er erneut die Mauern Paranors und nahm seinen Weg zurück in die Festung. Cogline wartete gewiß. Er würde dem alten Mann sein Scheitern gestehen müssen. Der Gedanke betrübte ihn, und er war sich der Tatsache bewußt, daß es seine vorgefaßte Meinung über die Unbesiegbarkeit der Druiden war, die ihn daran hinderte, diesen Gedanken zu akzeptieren. Aber er konnte sich Stolz nicht leisten. Er war noch ein Novize. Er begann erst zu lernen.
Langsam fielen die Ängste und Zweifel von ihm ab, und die Dämonen verschwanden. Es würde eine andere Zeit geben, versprach er sich – eine andere Zeit und einen anderen Ort, wo er sich um die Reiter kümmern konnte.
Wenn es soweit wäre, würde er bereit sein.
11
Beim Essen erklärte Morgan Leah Damson Rhee und Chandos seinen Plan, wie sie Padishar Creel retten konnten. Er nahm sie zu einer Stelle beiseite, wo sie nicht gehört werden konnten, saß auf der breiten Klippe essend und trinkend mit ihnen zusammen, lauschte mit ihnen auf die Nachtgeräusche und beobachtete, wie die Sterne am Himmel heller wurden, während sie miteinander sprachen. Er bat zunächst Damson, noch einmal die Einzelheiten ihrer Flucht aus der Stadt zu erzählen, ließ sie die Geschichte so erzählen, wie sie es wollte, schaute zwischen dem Mädchen und dem grimmigen Gesicht des Geächteten hin und her. Als sie ihre Geschichte beendet hatte, stellte er seinen geleerten Teller beiseite – er hatte alles verspeist, während sie gesprochen hatte – und beugte sich eifrig vor.
»Sie werden einen Befreiungsversuch erwarten«, erklärte er leise und sah sie beide abwechselnd an. »Sie wissen, daß wir ihn nicht einfach aufgeben werden. Sie wissen, wie wichtig er uns ist. Aber sie werden nicht erwarten, daß wir wieder auf demselben Weg kommen. Sie erwarten sicher, daß wir uns dieses Mal auf andere Art nähern – eine bedeutendere Bemühung, mit vielleicht einer großen Anzahl von Männern, eine Art Ablenkung, die vielleicht zu einem allumfassenden Angriff führt. Sie werden erwarten, daß wir versuchen, sie in einem Moment der Unaufmerksamkeit zu erwischen. Also müssen wir ihnen, bevor sie erkennen, was sie sehen, etwas anderes geben, als sie erwarten.«
Chandos schnaubte. »Ist das dein Ernst, Hochländer?«
Morgan erlaubte sich ein schnelles Grinsen. »Vor allem müssen wir schnell hinein- und wieder herausgelangen. Je länger es dauert, desto gefährlicher wird es. Vertrau mir, Chandos. Ich möchte nur, daß ihr den Hintergrund für das, was ich vorschlagen möchte, versteht. Wir müssen ihre Gedanken nachvollziehen, um ihren Plan, uns in die Falle zu locken, vorausahnen zu können und dann einen Weg zu finden, ihn zu vereiteln.«
»Du bist also sicher, daß es eine Falle geben wird?« fragte der große Mann und rieb sein bärtiges Kinn. »Warum sollten sie Padishar nicht einfach beseitigen und es damit gut sein lassen? Oder warum sollten sie ihm nicht das antun, was sie Hirehone angetan haben?« Er schaute schnell zu Damson, die die Lippen zusammenpreßte.
Morgan legte eine Hand auf die breite Schulter des anderen. »Ich kann mir in keinem Punkt sicher sein. Aber denke einen Moment darüber nach. Wenn sie Padishar beseitigen, verlieren sie jede Möglichkeit, uns andere zu erwischen. Und sie wollen uns alle, Chandos. Sie wollen alle Geächteten auslöschen.« Er sah Damson an. »Möglicherweise werden sie Padishar auf dieselbe Weise benutzen, wie sie Hirehone benutzt haben. Aber sie werden es nicht sofort tun. Erstens wissen sie, daß wir damit rechnen. Wenn Padishar zurückkommt, was werden wir uns dann als erstes fragen? Ist es wirklich Padishar – oder ist er ein weiteres Schattenwesen? Zweitens wissen sie, daß wir eine Möglichkeit gefunden haben, die Wahrheit über Teel herauszufinden. Und sie wissen, daß wir es bei Padishar vielleicht wieder könnten. Drittens, und das ist der wichtigste Punkt, können wir die Magie gebrauchen, und die wollen sie. Felsen-Dall hat Par Ohmsford von Anfang an gejagt, und das muß etwas mit seiner Magie zu tun haben. Dasselbe gilt für Walker Boh. Und für mich.«
Er beugte sich vor. »Sie werden versuchen, Padishar dazu zu benutzen, uns zu ihnen zu bringen, denn sie wissen, daß wir keinen Befreiungsversuch unternehmen werden, ohne die Magie mit uns zu nehmen, daß wir ihre nicht herausfordern werden, ohne in der Lage zu sein, unsere eigene anzurufen. Sie wollen diese Magie – genau wie sie alle Magie wollen –, und dies ist ihre beste Chance, sie zu bekommen.«
Chandos runzelte die Stirn. »Also glaubst du, daß wir es in Wahrheit mit den Schattenwesen zu tun haben werden?«
Morgan nickte. »Es waren von Anfang an die Schattenwesen. Teel, Hirehone, der Kriecher, Felsen-Dall, der Gnarl, das kleine Mädchen, dem Par am Tofferkamm begegnet ist – überall, wo wir hingegangen sind, haben die Schattenwesen bereits gewartet. Sie kontrollieren die Föderation und auch das Bündniskonzil. Sie müssen das tun. Natürlich sind es die Schattenwesen, mit denen wir es zu tun haben werden.«
»Erklärt uns Euren Plan«, drängte Damson leise.
Morgan lehnte sich erneut zurück und verschränkte bequem seine Arme. »Wir gehen durch die Tunnel zurück nach Tyrsis – auf demselben Weg, auf dem Damson entkommen ist. Wir ziehen Föderationsuniformen an, genau wie Padishar es in der Grube gemacht hat. Wir gehen in die Stadt hinauf, zum Wachturm oder zu den Gefängnissen oder wo immer Padishar gefangengehalten wird. Wir spazieren im hellen Tageslicht hinein und befreien ihn. Wir gehen auf einem Weg hinein und auf einem anderen wieder hinaus. Vor allem aber werden wir das alles innerhalb weniger Minuten tun.«
Chandos und Damson starrten ihn beide an. »Das ist alles? Das ist der ganze Plan?« fragte Chandos.
»Einen Moment«, unterbrach Damson ihn. »Morgan, wie gelangen wir zurück in die Tunnel? Ich kann mir den Weg sicher nicht merken.«
»Nein, das könnt Ihr nicht«, stimmte Morgan zu. »Aber der Maulwurf kann es.« Er atmete tief ein. »Dieser Plan hängt weitgehend von ihm ab. Und davon, daß Ihr ihn dazu überreden könnt, uns zu helfen.« Er hielt inne und sah in ihre grünen Augen. »Ihr werdet in die Stadt zurückgehen und versuchen müssen, ihn zu finden, und dann durch die Katakomben herabkommen müssen, um uns hineinzuführen. Ihr werdet herausfinden müssen, wo Padishar gefangengehalten wird, so daß wir direkt zu ihm gehen können. Der Maulwurf kennt alle geheimen Gänge und alle Tunnel, die unter dem Zentrum von Tyrsis liegen. Er kann einen Weg für uns finden. Wenn wir einfach an ihrer Tür erscheinen, werden sie keine Zeit haben, uns aufzuhalten. Das ist unsere beste Chance – das zu tun, was sie von uns erwarten, aber nicht auf die Art, wie sie es erwarten.«
Chandos schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, Hochländer. Sie kennen Damson, sie werden nach ihr suchen.«
Morgan nickte. »Aber sie ist die einzige, der der Maulwurf vertrauen wird. Sie muß zuerst hineingehen. Durch die Tore. Ich werde mit ihr gehen.« Er sah sie an. »Was meint Ihr, Damson Rhee?«
»Ich denke, ich kann es tun«, erklärte sie ruhig. »Und der Maulwurf wird uns helfen – wenn sie ihn noch nicht erwischt haben.« Sie runzelte zweifelnd die Stirn. »Sie werden bestimmt dort unten in denselben Tunneln nach ihm suchen, durch die wir eindringen wollen.«
»Aber er kennt sie besser als die Soldaten ihn«, sagte Morgan. »Sie versuchen jetzt schon seit Wochen, ihn zu fangen, und es ist ihnen noch nicht gelungen. Wir brauchen nur einige weitere Tage.« Er sah das Mädchen und den großen Mann abwechselnd an. »Es ist die beste Chance, die wir bekommen werden. Wir müssen es versuchen.«
Chandos schüttelte erneut den Kopf. »Wie viele von uns werden dafür nötig sein?«
»Zwei Dutzend, nicht mehr.«
Chandos sah ihn mit großen Augen an. »Zwei Dutzend! Hochländer, es sind fünftausend Föderationssoldaten in Tyrsis stationiert, und wer weiß, wie viele Schattenwesen dort sind! Zwei Dutzend Männer werden keine Chance haben!«