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»So werden wir eine bessere Chance haben als mit zweihundert Männern – oder mit zweitausend, wenn wir so viele auftreiben könnten, was wir ohnehin nicht können, nicht wahr?« Der große Mann preßte abwehrend die Lippen zusammen. »Chandos, je kleiner die Gruppe ist, desto besser können wir uns verbergen. Sie werden nach etwas Größerem Ausschau halten, sie werden es erwarten. Aber zwei Dutzend Männer? Wir können sie angreifen, bevor sie erkennen, wer wir sind. Wir können bedeutend leichter zwei Dutzend Männer unter fünftausend verbergen als zweihundert. Wir brauchen nur zwei Dutzend, wenn wir nur nahe genug herankommen.«

»Er hat recht«, sagte Damson plötzlich. »Eine große Streitmacht muß in den Tunneln gehört werden. Es gibt keine Möglichkeit für sie, sich in der Stadt zu verbergen. Zwei Dutzend können wir hineinschleusen und bis zu dem Befreiungsversuch verstecken.« Sie sah Morgan offen an. »Aber ich weiß nicht, ob zwei Dutzend Männer ausreichen werden, um Padishar zu befreien, wenn es soweit ist.«

Morgan begegnete ihrem Blick. »Wegen der Schattenwesen?«

»Ja, wegen der Schattenwesen. Dieses Mal haben wir Par nicht bei uns, der sie in Schach halten konnte.«

»Nein«, stimmte Morgan zu. »Dafür habt Ihr mich.« Er griff auf seinen Rücken, zog das Schwert von Leah hervor, hielt es vor sich und rammte es dann demonstrativ in die Erde. Dort blieb es stecken, zitterte leicht, und seine polierte Oberfläche glänzte glatt und silbern im Sternenlicht. Er sah sie an. »Und ich habe dies.«

»Dein Talisman«, murmelte Chandos überrascht. »Ich dachte, es sei zerbrochen.«

»Es wurde wieder ein Ganzes, als ich in den Norden zog«, erwiderte Morgan weich, sah Quickenings Gesicht in seinem Geist auftauchen und dann wieder verblassen. »Ich habe die Magie wiedererlangt. Sie wird ausreichen, um den Schattenwesen zu widerstehen.«

Damson schaute verwirrt von einem Gesicht zum anderen. Vielleicht hatte Par ihr nichts von dem Schwert von Leah erzählt. Vielleicht hatte er während ihrer Bemühungen, Tyrsis zu entkommen und die Geächteten zu erreichen, keine Zeit dazu gehabt. Und von Quickening wußte niemand etwas. Außer Walker Boh.

Morgan kam nicht auf den Gedanken, daß er eine Erklärung abgeben mußte und er versuchte es auch nicht. »Kannst du die Männer auswählen?« fragte er Chandos statt dessen.

Die schwarzen Augen fixierten ihn. »Das kann ich, Hochländer. Zwanzigmal für Padishar Creel.« Er hielt inne. »Aber du wirst sie bitten müssen, viel Vertrauen in dich zu setzen.«

Morgan riß sein Schwert aus der Erde und ließ es wieder in die Scheide gleiten. In der Ferne patrouillierten Geächtete in der Dunkelheit am Rande der Klippe entlang. Weit dahinter brannten niedrige Herdfeuer vor den Bäumen, und das Klirren und Klappern von Kochgeschirr begann schwächer zu werden, als die Mahlzeit dem Ende zuging und sich die Gedanken dem Schlaf zuwandten. Pfeifen wurden entzündet und malten kleine Flecke Licht vor der Dunkelheit wie Glühwürmchen, die in der Verborgenheit der Bäume zitterten. Die Stimmen klangen leise und unbeschwert.

Morgan sah den großen Mann an. »Wenn es eine bessere Möglichkeit gäbe, Chandos, dann würde ich sie dankbar ergreifen.« Er hielt dem düsteren Blick des anderen stand. »Wie wirst du dich entscheiden, dafür oder dagegen?«

Chandos sah Damson an, und sein goldener Ohrring warf ein Glitzern über sie, als er den Kopf wandte. »Was meint Ihr?«

Die Frau strich ihr feuerrotes Haar zurück. Sie hatte einen entschlossenen Ausdruck in den Augen, eine Mischung von aufflammender Verärgerung und Hoffnung. »Ich denke, wir müssen etwas versuchen, oder Padishar ist verloren.« Ihr Gesicht verkrampfte sich. »Wenn wir an seiner Stelle wären, würde er dann nicht auch kommen?«

Chandos rieb die vernarbten Überreste seines Ohrs. »In Eurem Fall hat er das bereits getan, nicht wahr?« Er schüttelte den Kopf. »Narren bis zum Ende sind wir«, murmelte er, an niemanden im besonderen gewandt. »Wir alle.« Er sah wieder Morgan an. »In Ordnung, Hochländer. Zwei Dutzend Männer, mich selbst eingeschlossen. Ich werde sie heute nacht auswählen.«

Er erhob sich abrupt. »Du wirst sofort aufbrechen wollen, vermute ich. Beim ersten Licht oder so bald danach, wie wir Vorräte für die Reise zusammenstellen können.« Er sah Morgan verzerrt an. »Wir müssen das Land auf keinen Fall verlassen, nicht wahr, Hochländer?«

Morgan und Damson erhoben sich mit ihm. Morgan streckte dem Geächteten seine Hand hin. »Ich danke dir, Chandos.«

Der große Mann lachte. »Wofür? Dafür, daß ich dem Plan eines Wahnsinnigen zugestimmt habe?« Er ergriff Morgans Hand dennoch. »Ich sage dir etwas. Wenn das funktioniert, dann werde ich es sein, der dir ein Dutzend Male dankt.«

Brummend schlenderte er zu den Herdfeuern hinüber, trug seinen leeren Teller mit sich, den struppigen Kopf auf die wuchtige Brust gesenkt. Morgan sah ihm nach. Einen Moment dachte er an vergangene Zeiten und an die Orte und Gefährten, die er zurückgelassen hatte. Die Gedanken waren quälend und erfüllt von Bedauern wegen dem, was hätte sein können, und ließen ihn mit einem leeren Gefühl zurück.

Er spürte, wie Damsons Schulter seinen Arm streifte und wandte sich zu ihr um. Die smaragdgrünen Augen zeigten einen nachdenklichen Ausdruck. »Vielleicht hat er mit seiner Bemerkung über Euch recht«, bemerkte sie leise. »Vielleicht seid Ihr wirklich ein Wahnsinniger.«

Morgan zuckte die Achseln. »Ihr habt mich unterstützt.«

»Ich möchte, daß Padishar freikommt. Ihr scheint der einzige zu sein, der einen Plan hat.« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Sagt mir die Wahrheit – ist an diesem Plan mehr, als Ihr gesagt habt?«

Er lächelte. »Nicht viel mehr. Ich hoffe, daß es mir gelingt, zu improvisieren, während ich vorangehe.«

Sie sagte nichts, betrachtete ihn nur einen Moment lang, nahm dann seinen Arm und dirigierte ihn am Rand der Klippe entlang. Sie gingen lange Zeit schweigend weiter, kreuzten vom Rand der Bäume zu den Klippen und wieder zurück und atmeten den Duft der Wildblumen und Gräser in dem Wind, der von den Graten und Berggipfeln dahinter herabfegte. Der Wind war warm und tröstlich und streichelte wie Seide über Morgans Haut. Er hob ihm sein Gesicht entgegen. Er hatte das Bedürfnis, die Augen zu schließen und in ihn hinein zu verschwinden.

»Erzählt mir von Eurem Schwert«, sagte sie plötzlich. Ihre Stimme war sehr ruhig. Ihr Blick blieb fest, obwohl er seinen Blick abrupt von ihr abgewandt hatte. »Erzählt mir, wie es wieder zu einem Ganzen wurde – und warum Ihr so sehr leidet, Morgan. Denn das tut Ihr auf irgendeine Weise, nicht wahr? Ich kann es in Euren Augen sehen. Erzählt es mir. Ich möchte es hören.«

Er glaubte ihr, und er entdeckte plötzlich, daß er darüber sprechen wollte. Er ließ sich von ihr auf einen Fels mit flacher Oberfläche herabziehen. Während sie beide von den Klippen hinausschauten, begann er neben ihr in der Dunkelheit zu sprechen.

»Es gab ein Mädchen namens Quickening«, sagte er, und die Worte kamen mühsam und unbeholfen, als er sie aussprach. Er hielt inne und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. »Ich habe sie sehr geliebt.«

Er hoffte, daß sie die Tränen nicht sah, die ihm in die Augen traten.

Er verbrachte die Nacht in eine Decke eingerollt am Rande der Bäume, den Körper zwischen die Wurzeln einer uralten Ulme gezwängt, den Kopf auf seinen zusammengerollten Reiseumhang gebettet. Sein Behelfsbett erwies sich als wenig zufriedenstellend, und er erwachte steif und wund. Während er die Blätter und den Staub aus seinem Umhang herausschüttelte, fiel ihm auf, daß er Matty Roh seit der vergangenen Nacht nicht mehr gesehen hatte, daß er sie tatsächlich nicht einmal beim Essen gesehen hatte. Allerdings war er zu dem Zeitpunkt bereits ziemlich mit seinem Plan zur Befreiung von Padishar beschäftigt gewesen – seinem großen und wundervollen Plan, der ihm nach einigem Nachdenken im schwachen ersten Licht der Dämmerung recht behelfsmäßig und entschieden unvernünftig vorkam. In der letzten Nacht hatte er ziemlich gut geklungen, heute morgen dagegen erschien er wenig vertrauenerweckend zu sein.