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Aber er war jetzt daran gebunden. Chandos hatte sicher bereits mit den Vorbereitungen für die Rückreise nach Tyrsis begonnen. Es war nichts dabei zu gewinnen, wenn er weitere Überlegungen anstellte.

Er streckte sich und eilte auf den kleinen Wasserlauf zu, der in einiger Entfernung unter den Bäumen hinter ihm aus den Felsen herablief. Das kalte Wasser würde ihm helfen, sein Gehirn zu befreien und den Schlaf aus seinen Augen zu vertreiben. Er hatte bis weit nach Mitternacht mit Damson Rhee gesprochen. Er hatte ihr alles über Quickening und die Reise nach Norden, nach Eldwist, erzählt. Sie hatte zugehört, ohne viel dazu zu sagen, und irgendwie hatte sie das einander nähergebracht. Er stellte fest, daß er sie jetzt mehr mochte und ihr vertraute. Das Mißtrauen, das zuvor dagewesen war, war verflogen. Er begann zu verstehen, warum Par Ohmsford und Padishar Creel zu ihr zurückgekehrt waren, nachdem die Föderation sie gefangengenommen hatte. Er dachte, daß er dasselbe getan hätte.

Dennoch gab es etwas in der Beziehung zu dem Talbewohner und dem Anführer der Geächteten, was sie ihm nicht erzählt hatte. Es war keine Täuschung und auch keine Lüge, es war einfach ein Versäumnis. Sie hatte ziemlich schnell eingestanden, daß sie Par liebte, aber da war noch etwas anderes, etwas, was ihren Gefühlen für den Talbewohner vorangegangen war, was den Hintergrund für all das bildete, was dazu geführt hatte, daß sie sich an dem Versuch, das Schwert von Shannara aus der Grube zurückzuerlangen, beteiligt hatte. Morgan war nicht sicher, was es war, aber es war in dem Gewebe ihrer Erzählung vorhanden, in der Art, wie sie von den beiden Männern sprach, in der Kraft ihrer Überzeugung, ihnen helfen zu müssen. Ein- oder zweimal glaubte Morgan fast erkennen zu können, was es war, was sie für sich behielt, aber jedes Mal war die Wahrheit ihm wieder entglitten.

Auf jeden Fall fühlte er sich besser, nachdem er jetzt jemandem von Quickening erzählt hatte, nachdem er die Gefühle, die er seit seiner Rückkehr in sich verschlossen gehalten hatte, ein wenig freigelassen hatte. Er hatte danach gut geschlafen, denn eine traumlose Ruhe hatte ihn erfüllt, und er hatte sich in der Krümmung jenes alten Baumes geborgen gefühlt und war in der Lage gewesen, ein wenig von jenem Schmerz loszulassen, der ihn so viele Wochen lang verfolgt hatte.

Er hörte das Geräusch des Wasserlaufs vor sich. Ein leises Wogen vor der Stille. Er überquerte eine Lichtung, drang durch eine Wand aus Gestrüpp hindurch und sah plötzlich auf Matty Roh hinab.

Sie saß ihm gegenüber am Ufer des Wasserlaufs, ihre Hosen hochgerollt und die bloßen Füße im Wasser baumelnd. Im selben Moment, in dem er erschien, schrak sie zurück und griff nach ihren Stiefeln. Ihre Füße kamen wie ein Blitz weißer Haut aus dem Wasser hervor und verschwanden fast augenblicklich im Schatten ihres Körpers. Aber einen kleinen Moment lang hatte er sie deutlich gesehen. Sie waren schrecklich vernarbt, und die Zehen fehlten oder waren so stark verunstaltet, daß sie fast nicht zu erkennen waren. Ihr schwarzes Haar erschauerte durch die Heftigkeit ihrer Bewegungen im Licht, als sie ihr Gesicht von ihm abwandte.

»Seht mich nicht an«, flüsterte sie barsch.

Verlegen wandte er sich sofort ab. »Es tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Ich wußte nicht, daß Ihr hier seid.«

Er zögerte, ging dann fort und folgte dem Wasserlauf auf die Felsen zu. Das Bild ihrer Füße blieb ihm unbehaglich klar im Geist.

»Ihr müßt nicht fortgehen«, rief sie ihm nach, und er blieb stehen. »Ich... ich brauche nur eine Minute.«

Er wartete, schaute hinaus in die Bäume, hörte jetzt Stimmen hinter sich erschallen, ein kurzes Auflachen hier, ein schnelles Murmeln dort.

»In Ordnung«, sagte sie, und er wandte sich wieder um. Sie stand an dem Wasserlauf, die Hosen hinuntergerollt und die Stiefel angezogen. »Es tut mir leid, daß ich Euch so angefahren habe.«

Er zuckte die Achseln und ging zu ihr hinüber. »Entschuldigt, wollte Euch nicht überraschen. Ich bin noch immer nicht ganz wach, vermute ich.«

»Es war nicht Euer Fehler.« Sie wirkte ebenfalls verlegen.

Er kniete sich neben dem Wasserlauf hin, spritzte sich Wasser auf Gesicht und Hände, benutzte Seife, um sich zu waschen und trocknete sich dann mit einem weichen Tuch ab. Er hätte ein Bad gebrauchen können, aber er wollte sich die Zeit nicht nehmen. Er war sich bewußt, daß das Mädchen ihn beobachtete, während er sich wusch. Sie wartete wie ein schweigender Schatten an seiner Seite.

Er beendete seine Waschung und blieb auf den Fersen hocken und atmete tief die Morgenluft ein. Er konnte Wildblumen und Gräser riechen.

»Ihr brecht nach Tyrsis auf, um Padishar zu befreien«, sagte sie plötzlich. »Ich möchte mit Euch gehen.«

Er schaute überrascht zu ihr auf. »Woher wißt Ihr etwas von der Befreiungsaktion?«

Sie zuckte die Achseln. »Dadurch daß ich getan habe, worin ich geübt bin – meine Augen und Ohren offenzuhalten. Kann ich mitkommen?«

Er stand auf und sah sie an. Ihre Augen befanden sich auf gleicher Höhe mit seinen. Er war wieder einmal überrascht, wie groß sie war. »Warum solltet Ihr das tun wollen?«

»Weil ich es leid bin, nur herumzustehen und nichts zu tun, als die Gespräche anderer Leute zu belauschen.« Ihr Blick war fest und entschlossen. »Erinnert Ihr Euch an unsere Unterhaltung auf dem Weg hierher? Ich sagte, ich warte darauf, daß etwas geschieht. Nun, es ist etwas geschehen. Und ich möchte mit Euch gehen.«

Er war nicht sicher, ob er sie verstanden hatte und wußte nicht, was er sagen sollte. Es war schlimm genug, daß Damson Rhee mit ihnen zurückgehen mußte. Aber auch Matty Roh? Auf eine so gefährliche Reise, wie diese zweifellos werden würde?

Sie trat einen Schritt zurück und musterte ihn. »Ich würde es hassen, denken zu müssen, daß Ihr dumm genug seid, Euch um mich Sorgen zu machen«, sagte sie geradeheraus. »Tatsache ist, daß ich weitaus besser auf mich selbst aufpassen kann als Ihr auf Euch. Ich tue das schon seit sehr viel längerer Zeit. Ihr erinnert Euch vielleicht daran, was im Whistledown geschah, als Ihr versucht habt, mich anzufassen.«

»Das zählt nicht!« fauchte er abwehrend. »Ich war nicht vorbereitet...«

»Nein, das wart Ihr nicht«, unterbrach sie ihn. »Und das ist der Unterschied zwischen uns, Hochländer. Ihr seid nicht darin geübt, vorbereitet zu sein, aber ich bin es.« Sie trat wieder nah an ihn heran. »Ich werde Euch noch etwas sagen. Ich bin ein besserer Schwertkämpfer als jeder andere auf der Seite von Padishar Creel – und vielleicht genauso gut wie er. Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann fragt Chandos.«

Er sah sie an, schaute in durchdringende, kobaltblaue Augen, betrachtete die dünne Linie ihrer Lippen, die schlanken, eckigen Schultern. Sie hatte ihren Kopf kampflustig vorgereckt, um ihn dazu zu ermutigen, sie herauszufordern.

»Ich glaube Euch«, sagte er und meinte es auch so.

»Außerdem«, sagte sie, wobei sie sich nicht im geringsten entspannte, »braucht Ihr mich, um Euren Plan in die Tat umzusetzen.«

»Woher wißt Ihr von...«

»Ihr seid der Falsche, um mit Damson nach Tyrsis hineinzugehen«, unterbrach sie ihn und ignorierte seine Frage. »Ich sollte das tun.«

»...dem Plan?« beendete er seine Frage und brach dann ab. Er stemmte frustriert die Hände in die Hüften. »Warum solltet Ihr das tun?«

»Weil man mich nicht beachten wird, aber Euch schon. Ihr seid zu auffällig, Hochländer. Ihr seht genau nach dem aus, was Ihr seid! Auf jeden Fall ist Euer Gesicht der Föderation bekannt und meines nicht. Und wenn etwas schiefgeht, kennt Ihr nicht den Weg um Tyrsis herum, aber ich kenne ihn. Und am wichtigsten von allem ist, daß sie nicht nach zwei Frauen Ausschau halten werden. Wir können direkt an ihnen vorbeigehen, und sie werden uns keinen zweiten Blick schenken.«

Sie pflanzte sich erneut vor ihm auf. »Sagt mir, daß ich unrecht habe«, forderte sie ihn heraus.

Er lächelte wider Willen. »Ich schätze, das kann ich nicht.« Er schaute von ihr fort in das Laub der Bäume und hoffte, daß die Antwort auf ihre Forderung dort zu finden wäre. Sie war es nicht. Er sah sie wieder an. »Warum fragt Ihr nicht Chandos? Er regelt das, nicht ich.«