Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht. »Das glaube ich nicht. Zumindest nicht in diesem Fall.« Sie hielt inne und wartete ab. »Nun? Kann ich mitkommen?«
Er seufzte und fühlte sich plötzlich erschöpft. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war es eine gute Idee, wenn sie mitkam. Sie hatte sicherlich überzeugende Argumente. Außerdem, hatte er sich nicht selbst gerade erst gesagt, daß für seinen Plan Hilfe notwendig wäre? Vielleicht war Matty Roh ein wenig von dem, was nötig war.
»In Ordnung«, stimmte er zu. »Ihr könnt mitkommen.«
»Danke.« Sie wandte sich ab und ging zurück zum Lager, den Umhang über eine Schulter geschlungen.
»Aber Chandos muß auch zustimmen!« rief er ihr hinterher, noch immer nach einem Ausweg suchend.
»Das hat er bereits!« rief sie als Antwort zurück. »Er sagte, ich sollte Euch fragen.«
Sie lächelte ihm schnell über die Schulter hinweg zu, während sie zwischen den Bäumen verschwand.
Chandos war beim Frühstück kurz angebunden und in sich gekehrt, und Morgan ließ ihn in Ruhe und zog es statt dessen vor, sich zu Damson Rhee zu setzen. Der lange Tisch, den sie besetzt hielten, war stark belagert, und die Männer waren laut, so daß der Hochländer und das Mädchen nicht viel miteinander sprachen, sondern sich auf ihre Mahlzeit und die Gespräche um sie herum konzentrierten. Matty Roh erschien ganz kurz. Sie ging auf ihrem Weg zu einem anderen Platz nah an Morgan vorbei, ohne ihn anzusehen. Nur einen Augenblick hielt sie inne, um Chandos etwas zu sagen, was ihn dazu veranlaßte, mürrisch die Stirn zu runzeln. Morgan hatte nicht gehört, was sie gesagt hatte, aber es fiel ihm nicht schwer, sich vorzustellen, was es gewesen sein konnte.
Als die Mahlzeit beendet war, stand Chandos auf, brüllte jedermann, der noch am Tisch saß an, alle sollten sich zur Arbeit begeben, und rief Damson und Morgan beiseite. Er führte sie aus den Bäumen heraus und erneut auf die weite Klippe hinauf und wartete, bis sie außer Hörweite waren, bevor er sprach. Mit finsterem Gesicht verkündete er ihnen mürrisch, daß über das Netzwerk der Geächteten während der Nacht die Nachricht eingetroffen war, daß die Elfen ins Westland zurückgekehrt wären. Diese Neuigkeit war mehrere Tage alt und nicht absolut zuverlässig, und daher wollte er wissen, wie Morgan und das Mädchen darüber dachten.
»Ich halte es für möglich«, sagte Morgan sofort. »Es war eine der Aufgaben, die den Ohmsfords übertragen worden waren, die Elfen ins Westland zurückzubringen.«
»Wenn Paranor zurückgekehrt ist, könnten auch die Elfen zurückgekehrt sein«, stimmte Damson zu.
»Und das würde bedeuten, daß alle Aufgaben erfüllt worden sind«, fügte Morgan hinzu, dessen Erregung wuchs. »Chandos, wir müssen herausfinden, ob das wahr ist.«
Der große Mann runzelte erneut die Stirn. »Du willst also noch eine weitere Reise unternehmen – als wenn eine nicht genug wäre!« Er seufzte müde. »In Ordnung, ich werde jemanden hinausschicken, um das zu überprüfen, einen Boten, der sie wissen lassen wird, daß sie in Callahorn Freunde haben. Wenn sie dort sind, werden wir sie finden.«
Er fuhr fort, indem er noch hinzufügte, daß er die Männer für die Reise nach Tyrsis ausgewählt hatte, und daß auch die Vorräte und Waffen zusammengestellt seien. Alles werde am frühen Vormittag bereit sein, und dann würden sie aufbrechen können.
Als er sich zum Gehen wandte, fragte Morgan impulsiv: »Chandos, was hältst du von Matty Roh?«
»Was ich von ihr halte?« Der große Mann lachte. »Ich denke, sie bekommt so ziemlich alles, was sie will.« Er ging weiter und rief dann über die Schulter zurück: »Ich glaube, du solltest bei ihr Vorsicht walten lassen, Hochländer.«
Er ging wieder weiter, verschwand zwischen den Bäumen und rief anderen beim Gehen Befehle zu.
Damson sah Morgan an. »Was sollte das alles?«
Morgan erzählte ihr von seinem Treffen mit Matty in Varfleet und von ihrer Reise zum Firerim Reach. Er erzählte ihr von der Beharrlichkeit des Mädchens, an dem Rettungsversuch für Padishar beteiligt zu werden. Er fragte Damson, ob sie etwas über Matty Roh wüßte. Damson wußte nichts. Sie war ihr niemals zuvor begegnet.
»Aber Matty hat recht, wenn sie sagt, daß zwei Frauen weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen«, erklärte sie. »Und wenn es ihr gelungen ist, sowohl Euch als auch Chandos davon zu Überzügen, daß sie uns auf dieser Reise begleitet, dann solltet Ihr beide Euch besser vor ihr in acht nehmen.«
Morgan ging, um seine Sachen für die Reise nach Süden zu packen, band sich seine Waffen um und ging wieder auf die Klippe hinaus. Innerhalb einer Stunde war die von Chandos ausgewählte Gruppe versammelt und startbereit. Es war ein Haufen harter und fähig wirkender Männer, von denen einige am Jut Seite an Seite mit Padishar gegen den Kriecher gekämpft hatten. Einige erkannten Morgan und nickten ihm kameradschaftlich zu. Chandos sandte einen Mann voraus, um eventuelle Schwierigkeiten auszukundschaften, und führte dann den Rest, darunter auch Morgan und Damson und Matty Roh, vom Firerim Reach fort auf die Ebenen zu.
Sie marschierten den ganzen Tag lang, stiegen von den Drachenzähnen zum Rabb hinab, wandten sich dann nach Süden, um den Fluß zu überqueren und auf Varfleet zu weiterzuziehen. Sie gingen schnell voran, marschierten durch die Hitze unter einem Himmel, der klar und wolkenlos war, und die Sonne brannte als beständiges blendendes Licht herab und ließ die Luft über dem staubigen Grasland wie Wasser schimmern. Mittags machten sie Rast und aßen etwas. Sie rasteten erneut am späten Nachmittag, und bei Einbruch der Nacht hatten sie die Ebenen erreicht, die in das Tal von Shale hinaufführten. Eine Wache wurde aufgestellt, sie nahmen eine Mahlzeit und dann zog sich die Gruppe zum Schlafen zurück. Morgan war während des Tages mit Damson zusammen gewandert und errichtete sein Lager in dieser Nacht in ihrer Nähe. Obwohl sie das wahrscheinlich weder brauchte noch wollte, hatte er ihr gegenüber die Rolle des Beschützers angenommen und war entschlossen, wenigstens auf sie aufzupassen, wenn er im Moment schon nichts für Par oder Coll tun konnte.
Matty Roh war den größten Teil des Tages für sich geblieben, war abseits von allen anderen gegangen, hatte allein gegessen, als sie gerastet hatten und hatte es offenbar vorgezogen, sich auf sich selbst zu beschränken. Niemand schien überrascht darüber, daß sie mitging, niemand schien fragen zu wollen, warum sie da war. Mehrere Male überlegte Morgan, ob er sie ansprechen sollte, aber jedesmal, wenn er den Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkte und die Distanz, die sie freiwillig zwischen sich und den anderen geschaffen hatte, beschloß er, es nicht zu tun.
Um Mitternacht wachte er auf, da ihm seine Träume und das Vorgefühl dessen, was sie erwartete, keine Ruhe ließ. Er ging zum Rand des Hains hinab, in dem sie Schutz gesucht hatten, und schaute in den Himmel hinauf und über die Ebenen hinweg. Plötzlich erschien Matty Roh neben ihm. Leise wie ein Geist stand sie neben ihm, als wäre sie schon die ganze Zeit erwartet worden. Zusammen schauten sie über die leere Fläche des Rabb hinweg, betrachteten die Konturen des Landes im fahlen Sternenlicht und atmeten die schwindende Hitze des Tages in der abkühlenden Nacht.
»Das Land, in dem ich geboren wurde, sah aus wie dieses«, sagte sie nach einiger Zeit, und ihre Stimme klang weit entfernt. »Flaches, leeres Grasland. Ein wenig Wasser, viel Hitze. Jahreszeiten, die rauh und gleichzeitig wunderschön sein konnten.« Sie schüttelte den Kopf. »Nicht wie das Hochland, vermute ich.«
Er sagte nichts, sondern nickte nur. Ein flüchtiger Windhauch zerzauste ihr schwarzes Haar. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf, doch sein Ruf verhallte unbeantwortet in der Stille.
»Ihr wißt nicht, was Ihr von mir halten sollt, nicht wahr?«
Er zuckte die Achseln. »Vermutlich nicht. Ihr seid eine ziemlich verwirrende Person.«