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Aber es war wenig Zeit, bei dem zu verweilen, was gewesen war, denn die Anforderungen der Gegenwart überschatteten alles. Sie war Königin der Elfen, und ihr war die Sicherheit und das Wohlergehen ihres Volkes anvertraut. Es war die Aufgabe, die Ellenroh ihr übertragen hatte, es war eine Aufgabe, die sie angenommen hatte. Aber nicht alle jene, für die ihr die Verantwortung auferlegt worden war, glaubten an sie. Es war nicht leicht, die Elfen davon zu überzeugen, daß sie diejenige war, die sie anführen sollte. Nachdem der erste Überschwang der Begeisterung, von Morrowindl freigekommen und wieder ins Westland zurückgebracht worden zu sein, verblaßt war, begannen sie, Fragen zu stellen. Wer war dieses kaum erwachsene Mädchen, das sich zu ihrer Königin erklärt hatte – dieses Mädchen, das nicht einmal eine reinrassige Elfin war, sondern eine Mischung aus Elf und Mensch? Wer hatte entschieden, daß sie sie anführen sollte, sie regieren und Entscheidungen treffen sollte, die ihr Leben betreffen würden? Es wurde behauptet, sie sei die Enkelin von Ellenroh, die Tochter von Alleyne, ein Kind der Elessedils und die letzte dieser Familie, die noch regieren konnte. Aber sie war auch eine Fremde, die aus dem Nirgendwo gekommen und unbekannt und ungeprüft war. Wer war sie, daß sie Königin sein sollte?

Eton Shart und Barsimmon Oridio waren unter jenen, die weiterhin zweifelten – ihr Erster Verwalter und der Befehlshaber ihrer Armeen, Männer, die zu verlieren sie sich nicht leisten konnte. Sie sagten es ihr nicht ins Gesicht, aber ihre Reserviertheit war offensichtlich. Sie hatten Ellenroh lange Zeit treu gedient, und sie hatten nicht erwartet, daß sie sie verlieren würden. Schlimmer noch, sie hatten nicht erwartet, daß plötzlich jemand, den sie kaum kannten, ihren Platz einnehmen würde. Sicherlich nicht eine Außenseiterin, und noch dazu ein Mädchen. Wren verstand ihre Zurückhaltung. Sie erkannte auch, daß sie sie nicht unerwidert bestehen lassen konnte.

Triss und die Bürgerwehr waren ihre wahre Unterstützung. Triss war mit ihr aus Morrowindl herausgelangt, hatte ihren Kampf mit der Macht der Elfensteine miterlebt, mit den Dämonen, die sie verfolgt hatten, und mit der Verantwortung, die ihr übertragen worden war. Er akzeptierte sie als Königin, weil er dort gewesen war, als Ellenroh sie dazu ernannt und sein Treuegelöbnis gefordert hatte. Triss hatte sie dem Hochkonzil, dem Heer und besonders der Bürgerwehr, die mit ihrem Schutz beauftragt war, gegenüber zur Königin erklärt. Die Bürgerwehr hatte sie, anders als die anderen Bereiche des Elfenstaates, sofort und ohne Vorbehalte akzeptiert. Nachdem sie Ellenroh verloren hatten, setzten sie sich jetzt voll und ganz für sie ein. Nichts würde dieser Königin Schaden zufügen können, schworen sie. Diese Königin würde ihren vollen Schutz genießen. Es war die Art Unterstützung, die sie verzweifelt brauchte, und Triss stellte als Hauptmann der Bürgerwehr sicher, daß sie sie hatte.

Dennoch würde die Unterstützung der Bürgerwehr allein auf lange Sicht nicht ausreichen. Sie mußte sowohl das Hohe Konzil als auch die Armee für sich gewinnen, wenn sie als Königin akzeptiert werden wollte. Das bedeutete, daß sie Eton Shart und Barsimmon Oridio für sich gewinnen mußte, und sie wußte nicht, wie sie das bewerkstelligen sollte. Trotz ihrer Bemühungen, sie davon zu überzeugen, welche Vorteile es mit sich brächte, wenn sie sie anerkannten, blieben sie auf Distanz. Die Zeit wurde knapp. Zehn Tage war es her, seit die Elfen ins Westland zurückgekehrt waren, und inzwischen wußten das auch die Föderation und die Schattenwesen. Mehr als ein Jahrhundert lang hatte die Föderation behauptet, die Elfen seien die Ursache für die Krankheit, die das Land befallen hatte, und hier war schließlich die Gelegenheit, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Unabhängig davon, daß es die falsche Gruppe von Elfen war, sann sie. Die Föderation würde sich kaum die Mühe machen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Rottet sie alle aus, und das Problem war gelöst.

Und das war der Grund dafür, daß sie mit Tiger Ty Richtung Süden flog. Die Bemühungen, mit dieser Ausrottung zu beginnen, waren bereits im Gange.

Tiger Ty berührte Spirit leicht am Hals, und der Rock reagierte, indem er nach unten auf eine Klippe zu flog, die über den Fluß hinausragte. Der Vogel stieg leicht und anmutig abwärts, und innerhalb weniger Augenblicke waren sie auf einer grasbewachsenen Böschung am Rand eines Waldes mit breitblättrigen Bäumen gelandet. Wren löste sich aus den Gurten, kletterte herab und streckte ihre verkrampften Muskeln. Sie war noch immer nicht daran gewöhnt, auf den riesigen Rocks zu fliegen, obwohl sie dies seit ihrer Rückkehr schon mehrere Male getan hatte. Auch die Flugreiter hatten begonnen, ins Westland zurückzukehren und ließen sich wieder an dem alten Wing Hove südlich des Irrybis nieder. Wren war zu ihnen gegangen, um mit ihnen zu sprechen und sie um ihre Unterstützung zu bitten, indem sie von der Gefahr berichtete, der sie alle gegenüberstanden, wenn die Schattenwesen nicht aufgehalten wurden. Tiger Ty, ein angesehenes Mitglied der Gemeinschaft, hatte für sie gesprochen und seine eigene grobe Einschätzung ihres Charakters hinzugefügt. Ein Mädchen, das mehr Mut hat als ein Dutzend von uns, hatte er gesagt. Ein Mädchen mit scharfen Kanten, aber schnell im Denken und klug. Ein Mädchen, das Magie benutzen kann, sie aber vorsichtig und respektvoll einsetzt. Die Landelfen – und die Flugreiter – könnten Schlimmeres tun.

Sie lächelte bei der Erinnerung. Die Flugreiter hatten zugestimmt, ihr zu helfen. Fast dreißig von ihnen hatten sich bereits in Arborlon niedergelassen und wurden zu einem Teil jener Truppen, die sie persönlich befehligte.

»Möchtet Ihr etwas essen?« fragte Tiger Ty und schlenderte mit seinem typischen, rollenden Gang zu ihr heran. Er war krummbeinig und spindeldürr und dazu so grauhaarig und nußbraun wie eh und je, aber nicht mehr so mürrisch. Wenn er jetzt mit ihr sprach, war etwas Neues in seiner Stimme zu hören – etwas, was fast Achtung vermuten ließ.

Sie nickte und setzte sich dann ihm gegenüber auf das Gras. Sie nahm ein Stück Käse, einen Apfel und einen Becher Bier entgegen, schlug ihre Beine übereinander und biß gerade ein Stück von dem Käse ab, als sie eine Bewegung an ihrer Brust spürte. Ein pelziges Gesicht kam aus ihrer Tunika hervor, und Faun erschien und schnupperte zögernd in die Luft.

»Ha! Dem Baumschreier fehlt es an nichts, nicht wahr?« lachte Tiger Ty, schnitt ein Stück von seinem Käse ab und gab ihn dem kleinen Wesen. Faun nahm es vorsichtig entgegen, schlüpfte ganz aus Wrens Kleidung heraus, plumpste auf das Gras herab und begann zu essen.

»Er mag Euch«, stellte Wren fest.

Tiger Ty schnaubte. »Woran Ihr sehen könnt, daß Baumschreier nicht einmal den Verstand eines Baumstumpfs haben!«

Sie aßen schweigend, beendeten ihre Mahlzeit und setzten sich dann zufrieden zurück und schauten von der Klippe über den Fluß hinaus dorthin, wo sich die Ebenen von Tirfing in einer ungebrochenen Woge staubiger Gräser in die Ferne erstreckten.

»Wie weit noch?« fragte Wren nach kurzer Zeit.

Tiger Ty zuckte die Achseln. »Höchstens noch eine Stunde. Sie sind ziemlich schnell vorangegangen, als ich sie erblickte.«

Eine Föderationsarmee, die von einem patrouillierenden Flugreiter gesichtet worden war, hatte Wren dazu veranlaßt, trotz der Einwände von Triss und der Bürgerwehr, Arborlon zu verlassen. Es war ihrem Empfinden nach notwendig, sich den Feind genau anzusehen, bevor sie dem Hohen Konzil und seinen Skeptikern einen Plan darlegte.