Sie nahm einen letzten Schluck aus ihrem Becher. Wenn die Dinge auch bis jetzt schon schwierig gewesen waren, so hatte sie doch das Gefühl, als wären sie gerade dabei, noch um einiges schwieriger zu werden.
Sie kletterten wieder auf Spirit hinauf, gurteten sich an ihren Plätzen fest und wurden in das blendende Blau hinaufgehoben. Faun steckte bequem an ihren Körper geschmiegt in ihrer Tunika. Spirit gewann an Höhe und ging dann zu einem flachen Gleitflug über, der sie die Windungen des Mermidon entlang bis zu der Stelle führte, wo er den Shroudslip umging. Dort verließen sie den Fluß und begannen der Linie des Irrybis dort zu folgen, wo er den Tirfing östlich begrenzte. Die Zeit verging schnell, und es schienen nur Momente vergangen zu sein, als Tiger Ty einen Arm hob und gen Süden deutete.
Eine riesige Staubsäule erhob sich in die Schwüle der Sommerhitze, die über den Ebenen hing. Tiger Ty schaute zu ihr zurück, und sie nickte.
Die Föderationsarmee.
Sie flogen genau südlich weiter, folgten einer Linie parallel zu der Armee und hielten sich im Schatten der Klippen. Tiger Ty wollte einen Kreis zurück beschreiben und mit der Sonne im Rücken von hinten an die Armee herankommen. Auf diese Weise würden sie nicht gesehen werden. Bisher wußte niemand etwas von den Flugreitern. Wren hatte entschieden, daß es besser war, wenn es so blieb.
Schnell eilten sie gen Süden, und als die Staubsäule ein gutes Stück hinter ihnen lag, beschrieben sie über die Ebenen hinweg eine Kurve nach links. Sie führten den Kreis weiter, bis sich die Sonne direkt hinter ihnen befand, und schwenkten dann wieder auf die Staubsäule zu. Sie stiegen höher als zuvor und versuchten, so viel blendendes Licht wie möglich hinter sich zu bringen, falls jemand den Himmel absuchen sollte.
Minuten später kam die Föderationsarmee in Sicht.
Sie war ein großer, dunkler Fleck vor dem von der Sonne verbrannten Grasland, drei Einheiten stark, Kolonne um Kolonne schwarz und rot gekleideter Soldaten und Reiter mit großen Eisen- und Holzkriegsgerätschaften, Sturmböcken, Wagen und Verpflegung. Die Armee schien sich endlos zu erstrecken, und der Staub in ihrem Kielwasser verhüllte meilenweit alles um sie herum. Wren spürte, wie ihr Mut angesichts der Größe des Feindes sank. Die Elfen konnten kaum ein Zehntel der Stärke aufbringen, die die Föderation versammelt hatte, und es wurde berichtet, daß noch weitere fünftausend Soldaten in Tyrsis stationiert seien. Wenn sie gezwungen waren, dieser Armee direkt gegenüberzutreten, würden die Elfen vernichtet werden.
Was natürlich der quälendste Gedanke war, dachte sie unglücklich.
Sie zählte sorgfältig die Linien, Kolonnen und Einheiten, während Tiger Ty Spirit nahe an die letzten Reihen der Armee heranführte und den Rock dann wieder scharf umlenkte, erneut gen Süden, noch immer im beschützenden, blendenden Licht der Sonne. Von unten hatten sie keine Rufe gehört oder Arme deuten sehen. Anscheinend waren sie nicht bemerkt worden.
Sie brauchten den größten Teil des restlichen Tages, um zurückzufliegen, und Wren nutzte die Zeit, um über das nachzudenken, was sie dem Hohen Konzil an diesem Abend sagen wollte. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, daß es schön wäre, einfach weiterfliegen und an einen Ort reisen zu können, der so weit entfernt war, daß die Föderation sie niemals finden würde. Aber natürlich gab es keinen solchen Ort. Denn selbst wenn die Föderation sie nicht finden konnte, die Schattenwesen konnten es. Sie hatten es auf Morrowindl bewiesen. Die Schattenwesen verbreiteten ihre Krankheit überall, und niemand würde jemals wieder vor ihr sicher sein, bevor nicht ein Heilmittel gefunden war.
Die Sonne ging schon fast unter, als Arborlon, die Heimatstadt der Elfen, wieder in Sicht kam. Sie war eine Abstufung von Holzfarben, Metallstreben und Flecken hellen Stoffs inmitten des Grün. Spirit flog in weitem Bogen über den Rill Song. Das blaue Wasser des Flusses bekam im schwindenden Licht Diamantspitzen, und schließlich landete der Rock sanft auf den grasbewachsenen Klippen des Carolan. Wren hatte sich kaum aus ihren Gurten gelöst und war zur Erde geglitten, als die Bürgerwehr, Triss allen voran, auch schon von der Stadt herabeilte, um sicherzustellen, daß ihr nichts geschähe. Sie winkte ihnen beruhigend zu, lächelte zur Begrüßung und beugte sich dann schnell zu Tiger Ty hinüber.
»Kein Wort davon, was wir gesehen haben«, flüsterte sie. »Noch nicht.«
Die glühend schwarzen Augen des Flugreiters hielten sie fest. »Bis Ihr Euch mit dem Hohen Konzil trefft?«
Sie nickte. »Bis dann.«
»Es wird ihnen nicht gefallen, was Ihr ihnen zu sagen habt – nicht, daß das etwas Neues wäre. Holzköpfige Maultiere!«
Sie lächelte schnell und verstohlen. »Ihr kennt mich. Ich möchte unnötige Schwierigkeiten immer vermeiden.«
Das rauhe Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. »Trefft Ihr sie heute abend?«
»Wahrscheinlich noch in dieser Stunde.«
»Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mich dazusetze? Und ein wenig dabei helfe, Schwierigkeiten zu vermeiden?«
Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu. »Danke, Tiger Ty. Die Flugreiter sollten dabei auch vertreten sein. Ihr könnt höchstwahrscheinlich teilnehmen.«
Sie wandte sich dann ab, als Triss und die anderen Mitglieder der Bürgerwehr herankamen. Erleichterung lag auf den harten Gesichtern.
»Mylady, seid Ihr wohlauf?« fragte Triss leise. Das war seine übliche Begrüßung. Er hatte von Morrowindl noch immer Kratzer und Quetschungen von ihrem Kampf mit dem Wisteron. Sein gebrochener linker Arm war geschient worden und ruhte in einer Stoffschlinge. Aber sein hageres Gesicht zeigte wieder Stärke, und Zuversicht und Entschlossenheit spiegelten sich in seinen Augen. Es war ihm besser gelungen als ihr, die Zerreißprobe auf Morrowindl zu verarbeiten.
»Es geht mir gut«, antwortete sie, auch das war ihre übliche Erwiderung. »Ich möchte, daß Ihr die Mitglieder des Hohen Konzils zusammenruft, Triss. Sie alle, noch in dieser Stunde.«
»Ja, Mylady«, bestätigte er, wandte sich ab und verschwand über die Klippe.
Wren winkte kurz Tiger Ty zu und ging dann hinter Triss her. Sie beschrieb einen Bogen auf die Gärten des Lebens und den Elessedilpalast zu. Die Schatten vertieften sich, und die Luft war angefüllt von quälenden Essensgerüchen. Sie griff in ihre Tunika und holte Faun hervor, um ihn auf ihre Schulter zu setzen, während sie weiterging. Sie atmete die Waldluft ein und streckte sich über die Essensgerüche hinweg nach den Baum- und Grasdüften aus, die dahinter lagen. Kühl und tröstlich in der ersterbenden Hitze des Tages wehte eine Brise vom Fluß herauf.
Mitglieder der Bürgerwehr verteilten sich um sie herum. Sie würden jetzt bei ihr bleiben, wo auch immer sie hinging, vollständig verschmolzen mit der Dunkelheit, unsichtbare Beschützer gegen jede Art von Bedrohung. Sie lächelte. Sie sorgten sich so um ihre Sicherheit, und doch war sie eher in der Lage, sich gegen Gefahren zu schützen als sie, besser geübt und besser ausgerüstet. Sie hielten sich für notwendig, und sie tat nichts, um diesen Glauben zu entkräften. Aber sie wußte immer, wo sie waren, und konnte sie immer dort draußen spüren, während sie über sie wachten. Sogar in der tiefsten Nacht. Sie war darin geübt, sich solcher Dinge bewußt zu sein, seit sie ein Kind gewesen war. Dafür hatte sie den besten Lehrer gehabt.
Garth. Die Erinnerungen drangen auf sie ein, und sie verdrängte sie. Garth war tot.
Sie erreichte den Eingang zu den Gärten des Lebens. Die Schwarze Wache stand in Habachtstellung, als sie sich näherte. Sie beschützte den Ellcrys, den Baum des Verbotenen. Ihre Augen folgten ihr, während sie vorbeiging, obwohl sie sie nicht beachtete. Sie betrat die Gärten und lauschte in deren Abgeschiedenheit auf das Zirpen und Klicken erwachender Insekten, roch die Blumen und Gräser hier deutlicher, den reichen Duft der schwarzen Erde und sah die Dunkelheit herabsinken. Sie kletterte den Hügel hinauf zu der Stelle, an der der Ellcrys stand, und blieb davor stehen. Sie tat dies jede Nacht, und es war zu einem Ritual geworden. Manchmal tat sie nichts anderes, als dort zu stehen, zu schauen und nachzudenken. Manchmal streckte sie die Hand aus und berührte den Baum, als wolle sie ihn wissen lassen, daß sie da war. Den Ellcrys zu besuchen, schien ihr neue Kräfte zu verleihen, frische Entschlossenheit, ihr Leben weiterzuführen. Die Verwandtschaft, die sie dem Baum gegenüber empfand, gegenüber der Frau, die er einst gewesen war, gegenüber seiner Kraft, stärkte sie. Von Fleisch und Blut zu Blättern und Zweigen, von Frau zu Baum, von sterblichem zu ewigem Leben.