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Auf ihrer Schulter rieb sich Faun an ihrem Hals, als wolle er ihr versichern, daß alles in Ordnung sei.

Alle Rassen benötigten ein Heilmittel, sann sie, indem sie das Thema wechselte, wenn nicht sogar die Stimmung, und dachte erneut an die Armee, die sich näherte, an die Bedrohung durch die Schattenwesen, die sie beenden mußte. Dafür mußte sie einen Weg finden. Es würde mehr notwendig sein, als die Elfen bieten konnten, um das zu vollbringen, das wußte sie. Soviel hatte Allanon den Ohmsfords gesagt, als er sie zur Erfüllung ihrer verschiedenen Aufgaben ausgesandt hatte – Par, um das Schwert von Shannara zu finden, Walker Boh, um die Druiden und Paranor zu finden, und Wren, um die Elfen zu finden. Hatten Par und Walker genauso viel Erfolg gehabt wie sie? Waren jetzt alle Aufgaben erfüllt? Sie wußte, daß sie es herausfinden mußte. Irgendwie mußte sie mit den anderen, die sich am Hadeshorn versammelt hatten, in Verbindung treten. Einerseits mußte sie erfahren, was aus ihnen geworden war, und andererseits mußte sie sie davon in Kenntnis setzen, was ihr widerfahren war. Sie mußte ihnen die Wahrheit über die Schattenwesen sagen, daß die Schattenwesen Elfen waren, die die alte Feenmagie wiederentdeckt hatten und auf die gleiche Weise wie fünfhundert Jahre zuvor der Dämonenlord und seine Schädelträger durch sie vernichtet worden waren. Wie sie diese Magie entdeckt hatten und wie sie sie unterstützte, blieb ein Geheimnis. Aber das Wissen, das sie hatte, mußte an die anderen weitergegeben werden. Sie spürte es instinktiv. Bis das vollbracht war, würde jegliches Heilmittel gegen die Krankheit der Schattenwesen unerreichbar bleiben.

Was aber war zu tun? Einige unter den Elfen waren bereits aus Arborlon hinaus in weiter entfernte Gebiete des Westlands gezogen, um dort neue Heime zu errichten. Farmer hatten begonnen, sich im Sarandanon niederzulassen, in dem fruchtbaren Tal, das dem Elfenvolk jahrhundertelang als Kornkammer gedient hatte. Fallensteller und Jäger hatten begonnen, nördlich zur Breakline und südlich zum Rock Spuren zu ziehen. Handwerker waren bestrebt, neue Märkte für ihre Waren zu eröffnen. Überall drängte man darauf, alte Heimstätten und Städte erneut aufzusuchen. Und am wichtigsten von allem war, daß die Heiler und ihre Gehilfen ausgezogen waren, um jene Stellen aufzusuchen, an denen die Krankheit des Westlands am schlimmsten war und um dort zu versuchen, ihre Verbreitung einzudämmen – womit sie eine Elfentradition fortführten, die bereits seit Anbeginn der Zeit bestand. Denn die Elfen waren schon immer Heiler gewesen, ein Volk, das eins mit der Erde zu sein glaubte, in die es hineingeboren worden war, die Künder jener Philosophie, daß der Welt die sie ernährte, etwas zurückgegeben werden mußte. Wie sich auch die Elfenheiler in Storlock um die Menschen der Erde sorgten, waren die Elfen im Gegenzug der Erde der Menschen verschrieben.

Aber sie und die Farmer, Fallensteller, Jäger, Händler und andere waren im Westland in Gefahr, es sei denn, das Elfenheer beschützte sie vor der von außen aufkommenden Bedrohung. Wenn die Königin der Elfen keinen Weg finden konnte, die Föderation lang genug in Schach zu halten, um den Schattenwesen ein Ende bereiten zu können...

Sie ließ den Gedanken unbeendet und wandte sich angewidert von dem Ellcrys ab. So vieles war notwendig, und sie konnte es, so sehr sie es auch versuchte, sicher nicht allein bewerkstelligen.

Der Himmel über den Bäumen im Westen war scharlachrot gestreift, ein bunter Fleck vor dem gebirgigen Horizont, der blutrot leuchtete. Oder zumindest war das das Bild, das in Wren Elessedils Geist aufflammte.

Deine Erinnerungen werden dich niemals verlassen, dachte sie – selbst jene nicht, von denen du es dir wünschst, selbst jene nicht, von denen du dir wünschen würdest, daß sie nie gewesen wären.

Sie ging aus den Gärten hinaus hinunter, den Blick auf den Boden vor sich gerichtet. Sie fragte sich, was mit Stresa geschehen war. Es war Tage her, seit sie den Stachelkater zuletzt gesehen hatte. Anders als Faun fühlte sich Stresa eher in der Wildnis zu Hause und zog die Wälder der Stadt vor. Er hatte sein Heim irgendwo in der Nähe von Arborlon errichtet und tauchte hin und wieder unerwartet auf, weigerte sich aber beharrlich, im Heim der Elessedilfamilie zu leben. Stresa war zufrieden mit seiner neuen Heimat und glücklich in seinem einsamen Leben, und er hatte mehr als einmal versprochen, daß er dasein würde, wenn sie ihn jemals brauchte. Das Problem war, daß sie ihn mehr brauchte, als sie zugeben mochte. Aber Stresa hatte für sie bereits viel durchgemacht, und er war jetzt glücklich. Sie hatte nicht das Recht, neuerliche Forderungen an ihn zu stellen, nur um ihre eigene Unsicherheit zu lindern.

Dennoch vermißte sie ihn sehr. Stresa, dieses seltsame, geheimnisvolle Wesen aus der Welt, die die Elfen soviel gekostet hatte, würde immer ihr Freund sein.

Es war jetzt dunkel, denn die Sonne war vollständig unter dem westlichen Horizont verschwunden. Die Sterne waren ein Gewirr punktförmiger Lichter, und der Mond östlich über den Baumwipfeln eine fahler werdende Sichel. Die Nachtgeräusche klangen sanft und tröstlich und erfüllt vom Versprechen des Schlafs. Wenn es für sie doch auch so wäre, dachte sie. Der Schlaf würde in dieser Nacht nur schwer kommen, denn sie mußte sich mit dem Hohen Konzil treffen und über das Schicksal der Elfen entscheiden. Und vielleicht auch über ihr eigenes.

Sie entfernte sich von den Gärten, ging erneut an der Schwarzen Wache vorbei, lauschte auf die kaum wahrnehmbaren Geräusche der Bürgerwehr, die ihr wie Schatten folgten. Manchmal stellte sie fest, daß sie sich wünschte, wieder eine Fahrende zu sein und nicht mehr. Daß sie ihr Leben einfach neu beginnen, aller Zwänge ihres Verwalteramtes enthoben sein und neue Freiheit erreicht haben wollte. Sie würde es aufgeben, Königin zu sein. Sie würde die Elfensteine aufgeben, jene drei blauen Talismane, die in dem Lederbeutel an ihrem Hals ruhten, das Symbol der Magie, die ihr von ihrer Mutter hinterlassen worden war, der Macht, die ihr zur Handhabung übergeben worden war. Sie würde ihr Leben verströmen, als wäre es die alt gewordene Hülle einer Jahreszeit, und sie würde zu...

Zu was? Zu was würde sie werden, fragte sie sich?

In Wahrheit wußte sie es nicht mehr – vielleicht, weil es nicht mehr wichtig war.

Als sie kaum eine Viertelstunde später die Räume des Hohen Konzils betrat, warteten diejenigen, die sie berufen hatte, bereits. Sie saßen um den Konziltisch verteilt, an dem die Königin den Vorsitz hatte. Sie trat mit Tiger Ty im Schlepptau ein (er hatte bis dahin draußen gewartet, denn er war unsicher, ob er in ihrer Abwesenheit willkommen sein würde) und ging direkt zu ihrem Platz am Kopf des Tisches. Jedermann erhob sich ehrerbietig, aber sie winkte alle mechanisch wieder auf ihre Plätze.

Der Raum war höhlenartig. Hohe Mauern aus Stein und Holz stützten eine wie ein Stern geformte Decke aus massiven Eichenbalken. Am entgegengesetzten Ende wurde der Raum von einem Podium beherrscht, das den Thron der Elfenkönige und -königinnen trug. Er war mit den Standarten der regierenden Elfenhäuser geschmückt, und in seiner Mitte stand der alte runde Tisch mit den einundzwanzig Plätzen. Bänke, die Sitzplätze für die zuschauende Öffentlichkeit bildeten, wenn das vollständige Konzil tagte, standen entlang jeder Wand.

Heute abend waren außer ihr selbst sechs Mitglieder anwesend, nur der innere Kreis des Konzils. Triss war da, als Hauptmann der Bürgerwehr, Eton Shart als Erster Verwalter, Barsimmon Oridio als Hauptmann der Elfenarmeen, Perek Arundel als Handelsverwalter, Jalen Ruhl als Vertreter der Landesverteidigung und Fruaren Laurel als Vertreterin der heilenden Zunft. Nur Laurel war neu in dem Kreis. Sie war auf Empfehlung des Konzils ernannt worden, nachdem Wren mitgeteilt hatte, daß sie einen Verwalter haben wollte, der für die Heilung des Elfenwestlands verantwortlich zeichnen sollte. Laurel arbeitete hart, eine Frau in mittleren Jahren, mit einer beständigen, liebenswürdigen Art. Aber wie Wren war auch sie unerfahren. Sie nahm in den Augen des restlichen Konzils eine zweitrangige Stellung ein. Wren mochte sie, war sich aber nicht sicher, ob man während eines Kampfes auf sie zählen konnte.