Heute abend würde sie es herausfinden.
Sie stand vor ihrem Stuhl und sah das Hohe Konzil an. »Ich habe den Flugreiter Tiger Ty gebeten, an dieser Sitzung teilzunehmen, da die Angelegenheit seine Leute direkt betrifft.« Sie brachte dies als Feststellung hervor und bat nicht um Zustimmung. Dann winkte sie den knorrigen Flugreiter von seinem Platz an der Tür heran. »Setzt Euch bitte dorthin«, sagte sie und deutete auf einen leeren Platz neben Fruaren Laurel.
Tiger Ty setzte sich. Im Raum wurde es still, während die Versammelten darauf warteten, daß Wren sprach. Die Türen zu dem Raum waren geschlossen, und bis zu dem Zeitpunkt auf Wrens Befehl hin von der Bürgerwehr versiegelt, an dem sie die Erlaubnis erteilen würde, sie wieder zu öffnen. Fackeln brannten in ihren in den Stein eingelassenen Klammern und in freistehenden Pfählen an der Vorder- und Rückseite des Raums. Rauch stieg zur Decke auf und verschwand durch Luftscharten hoch über ihnen. Der Rauch hinterließ einen leicht kupfrigen Geschmack in der Luft des Raums.
Wren streckte sich. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihre Kleidung zu wechseln, denn sie hatte beschlossen, daß sie dem Diktat der Formalitäten keine Zugeständnisse machen wollte. Sie würden sie so akzeptieren müssen, wie sie war. Allerdings hatte sie Faun in ihren Räumen zurückgelassen. Sie wünschte, Cogline oder Walker Boh oder sonst jemand derer, die ihr einst beigestanden hatten und jetzt tot oder verstreut waren, wären bei ihr, aber es war sinnlos, sich Hilfe von irgendeiner Seite zu erhoffen. Wenn sie heute abend mit dem, was sie vorhatte, Erfolg haben wollte, würde sie dies allein bewerkstelligen müssen.
»Verwalter, Mitglieder des Konzils, meine Freunde«, begann sie und sah von einem Gesicht zum anderen. Ihre Stimme war gemessen und ruhig. »Wir sind alle einen sehr langen Weg von dort gekommen, wo wir noch vor wenigen Wochen gewesen sind. Wir haben viele Veränderungen im Leben des Elfenvolks stattfinden sehen. Keiner von uns hatte vorhersehen können, was geschehen würde. Vielleicht wünschen sich einige von uns, daß sich die Dinge anders entwickelt hätten. Aber wir sind hier, und es gibt kein Zurück. Morrowindl liegt für immer hinter uns, und die Vier Länder vor uns. Als wir vereinbart hatten, zurückzukommen, wußten wir, was uns erwarten würde – ein Kampf mit der Föderation, mit den Schattenwesen, mit heimtückisch zerstörender Elfenmagie, mit unserer Vergangenheit, die übertragen wurde, um zu unserer Zukunft zu werden. Wir wußten, was uns erwarten würde, und jetzt müssen wir uns dem stellen.«
Sie hielt inne, aber ihr Blick blieb ruhig. »Gestern haben die Flugreiter eine Föderationsarmee ausgemacht, die aus dem tiefen Südland heraufkommt. Heute bin ich, zusammen mit Tiger Ty, südwärts geflogen, um selbst einen Blick darauf zu werfen. Wir haben die Armee im Tirfing ausgemacht, einen Tagesmarsch über den Myrian hinweg. Die Armee ist zehnmal so groß wie unsere und zieht mit Belagerungs- und Kampfgerätschaften und Proviant für gut einen Monat heran. Sie kommen von Norden und von Westen. Sie suchen uns. Ich würde sagen, daß sie uns spätestens in zehn Tagen erreicht haben werden.«
Sie hielt inne und wartete auf eine Reaktion. Ihre Augen wanderten von einem Gesicht zum anderen.
»Zehnmal so groß wie unsere?« wiederholte Barsimmon Oridio zweifelnd. »Wie genau ist Eure Schätzung, Mylady?«
Wren hatte so etwas erwartet. Sie gab ihm eine Aufzählung, Kolonne für Kolonne, Einheit für Einheit, Fahrzeuge und Wagen, Fußsoldaten und Reiter und ließ nichts aus. Als sie geendet hatte, war der Hauptmann ihrer Armeen blaß geworden.
»Eine Armee dieser Größe wird uns auslöschen«, sagte Eton Shart leise. Er war gelassen wie immer, seine Hände waren vor ihm auf dem Tisch gefaltet und sein Gesichtsausdruck unlesbar.
»Wenn wir uns mit ihr einlassen«, fügte Jalen Ruhl hinzu. Der Vertreter der Landesverteidigung war schmächtig, seine Schultern waren gebeugt und seine Stimme ein tiefes Poltern in seiner schmalen Brust. »Das Westland ist groß.«
»Wollt Ihr vorschlagen, daß wir uns verbergen sollen?« fragte Barsimmon Oridio ungläubig.
»Sich zu verbergen wird nicht funktionieren«, unterbrach Eton Shart scharf. »Wir können die Stadt nicht verlassen, oder wir müssen den Ellcrys aufgeben. Wenn der Ellcrys zerstört wird, kommt das Verbotene zum Zuge. Besser wir gehen alle zugrunde, als daß das geschieht.«
Eine lange Pause entstand, während die Verwalter einander zweifelnd ansahen.
»Vielleicht irgendeine Art von Konzession?« schlug Perek Arundel vor, der von jeher Kompromisse gesucht hatte. Er war auf weiche Art gutaussehend, eher prahlerisch, aber gerissen und vermochte ein Problem schnell zu durchdenken. Er sah sich um. »Es muß einen Weg geben, Frieden mit dem Koalitionskonzil zu schließen.«
Eton Shart schüttelte erneut den Kopf. »Das ist schon zuvor versucht worden. Das Koalitionskonzil ist eine Marionette der Schattenwesen. Jeder Kompromiß wird zur Besetzung des Westlandes führen und zu dem Zugeständnis, der Föderation zu dienen. Ich glaube nicht, daß wir den ganzen Weg von Morrowindl hierher zurückgelegt haben, um uns lebenslänglich das einzuhandeln.«
Er schaute Wren an. »Was denkt Ihr, Mylady? Ich bin sicher, daß Ihr die Lage bereits für Euch selbst abgeschätzt habt.«
Wieder war sie vorbereitet. »Es scheint, als hätten wir folgende Auswahlmöglichkeiten: Entweder befestigen wir Arborlon und erwarten die Föderationsarmee hier, oder wir ziehen mit unserer Armee hinaus, um ihnen draußen entgegenzutreten.«
»Hinausziehen, um ihnen draußen entgegenzutreten?« fragte Barsimmon Oridio entsetzt. Sein schwerer Körper rührte sich kampfbereit, und sein betagtes Gesicht legte sich in Falten. »Ihr habt selbst gesagt, daß sie uns zehnfach überlegen sind. Welchen Sinn hätte es, einen Kampf zu erzwingen?«
»Es würde uns den Vorteil verschaffen, daß wir uns den Zeitpunkt und den Ort und die Umstände des Kampfes nicht diktieren lassen müssen«, erwiderte sie. Sie stand noch immer und behielt diese Haltung auch bei, damit sie weiterhin auf sie hinabsehen konnte und sie zu ihr heraufsehen mußten. »Und ich habe nichts davon gesagt, daß wir einen Kampf erzwingen sollen.«
Erneut entstand Schweigen. Barsimmon Oridio errötete. »Aber Ihr sagtet, daß...«
»Sie sagte, wir könnten hinausziehen und ihnen entgegentreten«, unterbrach Eton Shart ihn. Er hatte sich inzwischen interessiert vorgebeugt. »Sie hat nichts davon gesagt, daß wir sie bekämpfen sollen.« Sein Blick blieb auf Wren gerichtet. »Aber was würden wir tun, wenn wir dort draußen wären, Mylady?«
»Ihnen die Hölle heißmachen. Sie ablenken. Zuschlagen und davonlaufen. Was auch immer nötig sein wird, um ihr Vorankommen zu verzögern. Sie bekämpfen, wenn wir eine Gelegenheit bekommen, sie ernstlich zu verletzen, aber eine direkte Konfrontation vermeiden, wenn wir verlieren würden.«
»Ihr Vorankommen verzögern«, wiederholte der Erste Verwalter nachdenklich. »Aber früher oder später werden sie sich uns widersetzen – oder Arborlon erreichen. Was dann?«
»Es wäre besser, wenn wir unsere Zeit damit verbringen würden, Fallen aufzustellen, die Stadt zu befestigen und Vorräte zu horten«, schlug Perek Arundel vor. »Wir haben den Dämonen widerstanden, als der Ellcrys vor zweihundert Jahren versagt hat. Wir können auch der Föderation widerstehen.«
Barsimmon Oridio grunzte und schüttelte den Kopf. »Betrachtet doch die Geschichte, Perek. Die Tore der Stadt wurden eingenommen und wir wurden überrannt. Wenn das Mädchen Chosen sich nicht erneut in den Ellcrys verwandelt hätte, wäre es für uns vorbei gewesen.« Er wandte seinen schweren Kopf ab. »Außerdem hatten wir in diesem Kampf Verbündete – nicht viele, aber einige Zwerge und das Legionsfreikorps.«