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Sie wandte ihren Blick Eton Shart zu, streckte ihm dann ihre Hand hin. Es war eine gleichzeitig versöhnliche, wie auch herausfordernde Geste, und er sah sie mit fragendem Blick überrascht an, zögerte einen Moment unentschlossen und streckte dann seinerseits die Hand aus, um die ihre zu ergreifen. Und dann erhob er sich. »Mylady«, sagte er und verbeugte sich. »Wie Ihr bereits sagtet: Wir müssen zusammenhalten.«

Auch Barsimmon Oridio erhob sich. »Besser ein Kampfhahn als ein gerupftes Huhn«, grollte er. Er schüttelte den Kopf und sah Wren dann mit beinahe bewunderndem Blick aus seinen betagten Augen an. »Eure Großmutter hätte uns auf die gleiche Weise beraten, Mylady.«

Jalen Ruhl und Perek Arundel standen widerwillig auf, wobei sie einander hilflose Blicke zuwarfen. Sie waren nicht überzeugt, aber sie wollten sich ihr nicht allein entgegenstellen. Wren nickte ihnen freundlich zu. Sie würde nehmen, was sie bekommen konnte.

»Danke«, sagte sie ruhig. Sie drückte Eton Shart die Hand und ließ dann los. »Dank Euch allen. Wir sollten uns in kommenden Zeiten daran erinnern, daß nur unser Glaube und unser gegenseitiges Vertrauen uns erhalten kann.«

Sie blickte in die Runde und betrachtete jedes Gesicht, genauso wie die Augen der anderen auf sie gerichtet waren. Zumindest für den Moment war sie wahrhaft ihre Königin.

13

Walker Boh dachte zwei Tage lang nach, bevor er erneut versuchte, der Belagerung Paranors durch die Schattenwesen zu entkommen.

Vielleicht hätte er es auch dann nicht versucht, aber er merkte, daß er in einen gefährlichen Bewußtseinszustand hinüberglitt. Je mehr er über verschiedene Fluchtmöglichkeiten nachdachte, desto mehr hatte er das Gefühl, noch weiter darüber nachdenken zu müssen. Jeder Plan hatte seine Fehler, und jeder Fehler wurde verstärkt, wenn er zur Überprüfung um und um gewendet wurde. Nichts, was er ersann, schien genau das Richtige, und je härter er daran arbeitete, eine todsichere Methode für eine erfolgreiche Flucht zu ersinnen, desto mehr begann er an sich zu zweifeln. Schließlich wurde es offensichtlich, daß er alles Vertrauen verlieren und schließlich gänzlich handlungsunfähig werden würde, wenn er sich erlaubte, so weiterzumachen.

Es war alles Teil eines Spiels, das die Schattenwesen mit ihm spielten, fürchtete er.

Seine erste Begegnung mit den Vier Reitern hatte ihn physisch zerschlagen zurückgelassen, aber es waren nicht jene Verletzungen, die ihn besorgt machten. Es war der psychische Schaden, der nicht heilen wollte und der in ihm verblieben war wie ein Fieber. Walker Boh hatte sein Leben immer unter Kontrolle gehabt und war immer in der Lage gewesen, die Ereignisse um sich herum zu beeinflussen und Zwänge im Zaum zu halten. Er hatte dies überwiegend dadurch erreicht, daß er sich innerhalb der vertrauten Grenzen des Darklin Reach isoliert hatte, wo die zu erwartenden Gefahren und Probleme, die zu lösen waren, bekannt und innerhalb seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten überschaubar blieben. Er hatte Gewalt über die Magie, Intelligenz, gekoppelt mit außerordentlichem Einblick, und andere verschiedenartige Fähigkeiten, die von der Erfahrung durch unmittelbare Erkenntnis bis zum Erlernten reichten – und den Fähigkeiten eines jeden, gegen den er sie einsetzte, weit überlegen waren.

Aber das hatte sich geändert. Er hatte den Darklin Reach verlassen und war in die Außenwelt gekommen. Dies war jetzt seine Heimat. Die Hütte am Hearthstone war zu Asche zerfallen, das Leben, das er gekannt hatte, war in einer anderen Zeit verschollen. Er hatte einen Weg beschritten, der sein Dasein so sicher wie der Tod verwandelt hatte. Er hatte Allanons Aufgabe angenommen und sie bis zum Schluß verfolgt. Er hatte den Schwarzen Elfenstein wiederentdeckt und Paranor zurückgebracht. Er war der erste der neuen Druiden geworden. Er war ein völlig anderer als der Mensch, der er noch vor wenigen Wochen gewesen war. Diese Verwandlung hatte ihm neuen Einblick gewährt, Kraft, Wissen und Macht. Aber sie hatte ihn auch neuen Verantwortlichkeiten, Erwartungen, Herausforderungen und Feinden überantwortet. Es würde noch zu entscheiden sein, ob ersteres ausreichte, letzteres zu bewältigen. Zumindest im Moment war diese Angelegenheit noch nicht entschieden. Walker Boh könnte scheitern und für immer verloren sein – oder er könnte einen Weg finden, wieder in Sicherheit zu gelangen. Er war ein Mensch, der am Abgrund hing.

Die Schattenwesen wußten das. Sie hatten ihn bedrängt, seit sie entdeckt hatten, daß Paranor zurückgebracht worden war. Walker war in seiner Rolle als Druide noch immer ein Kind, und jetzt war der Zeitpunkt, an dem er sicherlich am verwundbarsten war. Ihn zu belagern, ihn zu bedrängen, seine Entwicklung zu behindern, ihn wenn möglich zu töten, ihn aber auf alle Fälle zu schwächen – das war der Plan.

Und der Plan funktionierte. Walker war nach seinem ersten, mißlungenen Fluchtversuch nach Paranor zurückgekehrt und war sich mehrerer, sehr unerfreulicher Wahrheiten bewußt geworden. Erstens besaß er nicht genug Macht, um sich in einer direkten Konfrontation zu befreien. Die Vier Reiter waren ihm mehr als gewachsen, und ihre Magie entsprach der seinen. Zweitens konnte er nicht unentdeckt an ihnen vorbeigelangen. Drittens, und als schlimmster Punkt, besaßen sie weitaus mehr Erfahrung als er – und sie fürchteten ihn nicht. Sie hatten ihn gesucht. Sie hatten dies offen, ohne jede Verstellung getan. Sie hatten ihn bedroht und hatten ihn dazu herausgefordert, herauszukommen und sie zu bekämpfen. Sie umkreisten Paranor in offenkundiger Geringschätzung dessen, was er tun könnte. Er war ein Gefangener in seiner eigenen Festung, reduziert auf den Versuch, einen Plan zu ersinnen, der ihm die Freiheit bescheren würde, und die Vier Reiter wetteten darauf, daß ihm dies nicht gelingen würde. Und er sah sich gezwungen, zuzugeben, daß sie möglicherweise recht hatten.

»Du denkst zuviel darüber nach«, riet Cogline ihm schließlich, als er ihn wieder auf den Mauern vorfand, wo er auf die Geister hinabstarrte, die unter ihm kreisten. Er sah hager und blaß aus, abgezehrt und ausgelaugt. »Sieh dich an, Walker. Du schläfst kaum. Du achtest nicht auf deine Erscheinung – du hast seit deiner Rückkehr nicht mehr gebadet. Du ißt nicht.«

Mit einer schwachen Bewegung rieb sich der alte Mann über die Barthaare am Kinn. »Denk nach, Walker. Das ist es doch, was sie bezwecken. Sie haben Angst vor dir! Wenn dem nicht so wäre, würden sie einfach die Tore durchbrechen und diese Angelegenheit beenden. Aber das wird nicht nötig sein, wenn sie dich dazu bringen, daß du an dir selbst zweifelst, in Panik gerätst und Vorsicht und Vernunft außer acht läßt, die dich so weit gebracht haben. Wenn das geschieht, werden sie gewonnen haben. Früher oder später, denken sie, wirst du etwas Dummes tun, und dann werden sie dich haben.«

Es war die längste Rede, die Cogline seit seiner Rückkehr gehalten hatte. Walker sah ihn an, musterte das uralte, wettergegerbte Gesicht, den spindeldürren Körper, die Arme und Beine, die wie Stöcke aus seinen Gewändern herausragten. Cogline hatte ihn bei seiner Rückkehr mit beruhigenden Worten empfangen, aber er hatte ansonsten weitgehend in sich gekehrt und entfernt gewirkt – genauso wie er es jene wenigen Tage lang gewesen war, bevor Walker das erste Mal einen Ausbruch versucht hatte. Etwas war mit Cogline vorgegangen, ein geheimer Konflikt, aber Walker war damals, wie auch jetzt, zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen, als daß er ihn dazu aufgefordert hätte, zu offenbaren, was es war.

Dennoch ließ er sich von dem alten Mann von den Brustwehren ins Innere der Festung und zu einer warmen Mahlzeit führen. Er aß mit Begeisterung, trank ein wenig Bier und beschloß, daß ein Bad immerhin eine gute Idee war. Er saß in dem dampfenden Wasser, das ihn innerlich und äußerlich reinigte und spürte, wie die Hitze seinen Körper und Geist tröstete und entspannte. Ondit leistete ihm Gesellschaft. Er hatte sich neben der Wanne zusammengerollt, als wolle er an der Wärme teilhaben. Während Walker sich abtrocknete und wieder anzog, dachte er über die außergewöhnliche Ruhe der Moorkatze nach, jene Maske, die alle Katzen kennzeichnete, wenn sie die Welt um sich herum betrachteten und auf ihre eigene, unergründliche Weise abwogen. Ein wenig von dieser Ruhe könnte nützlich sein, dachte er.