Dann schweiften seine Gedanken plötzlich ab.
Was stimmte mit Cogline nicht?
Er ließ seine eigenen Sorgen in dem Badewasser zurück und ging hinaus, um den alten Mann zu suchen. Er fand ihn in der Bibliothek, wo er erneut die Druidengeschichten las. Cogline schaute auf, als er hereinkam. Er schien erschreckt durch sein Erscheinen oder durch das, was es bedeuten mochte – Walker konnte nicht sagen, was von beidem es war.
Walker setzte sich neben ihn auf eine geschnitzte, gepolsterte Bank. »Alter Mann, was beunruhigt dich?« fragte er leise. Er streckte die Hand aus, um sie beruhigend auf die dünne Schulter des anderen zu legen. »Ich sehe die Sorge in deinen Augen. Erzähle es mir.«
Cogline zuckte übertrieben die Achseln. »Ich mache mir Sorgen um dich, Walker. Ich weiß, wie seltsam dir alles erscheint, seit... nun, seit all das begann. Es kann nicht leicht sein. Ich denke immer, daß es etwas geben muß, was ich tun kann, um dir zu helfen.«
Walker schaute fort. Seit dem Schwarzen Elfenstein, dachte er. Seit Allanon ein Teil von mir geworden ist, in mich eingedrungen ist durch die Magie, die verblieben war, um Paranor in Sicherheit zu halten, bis die Druiden zurückkehren würden. »Seltsam« ist kaum das richtige Wort dafür.
»Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen«, antwortete er mit ironischem Lächeln. Zumindest nicht darüber. Die in die Vergangenheit und in die Gegenwart eingebundenen Kämpfe waren vergangen, als Walker Allanon in sich aufgenommen hatte, und das Leben und das Wissen der Druiden war zu seinem eigenen geworden. Er dachte daran, wie die Magie durch ihn hindurchgepeitscht war und allen Widerstand verbrannt hatte, bis er keine andere Wahl mehr gehabt hatte, als sie als seine eigene zu akzeptieren.
»Walker.« Cogline sah ihn jetzt konzentriert an. »Ich glaube nicht, daß Allanon dir das alles zugemutet hätte, wenn er nicht geglaubt hätte, daß du mit genügend Macht daraus hervorgehst, um dich der Schattenwesen erwehren zu können.«
»Du hast mehr Vertrauen als ich.«
Cogline nickte ernst. »Das war schon immer so, Walker. Wußtest du das nicht? Aber mein Vertrauen wird eines Tages auch das deine sein. Es braucht einfach Zeit. Mir wurde diese Zeit gewährt, und ich habe sie dazu genutzt, zu lernen. Ich lebe jetzt schon eine lange Zeit, Walker. Eine lange Zeit. Vertrauen ist ein Teil dessen, was mir die Kraft verleiht, weiterzumachen.«
Walker nahm seine Hand fort. »Ich hatte Vertrauen in mich selbst. Ich hatte es, als ich wußte, wer und was ich war. Aber das hat sich geändert, alter Mann. Ich bin jemand und etwas völlig anderes, und du verlangst von mir, Vertrauen zu einem Fremden zu haben. Das ist schwer für mich.«
»Ja«, stimmte Cogline zu. »Aber es wird geschehen – wenn du ihm die Zeit gewährst.«
»Ich kann die Zeit gewähren«, sagte Walker Boh schließlich.
Er ging wieder hinaus. Ondit folgte ihm, ein schwarzer Schatten, der in der Dämmerung von Lampenschein zu Lampenschein huschte, den Kopf rhythmisch schwingend, den Schwanz hinund herschwenkend. Walker war sich seiner bewußt, ohne an ihn zu denken, denn seine Gedanken waren erneut auf die Schattenwesen außerhalb der Festung gerichtet.
Es mußte einen Weg geben.
Kraft allein war nicht genug. Die Macht der Druidenmagie war beeindruckend, aber sie war selbst für die Druiden, die gekommen und gegangen waren, in sich selbst niemals genug gewesen. Wissen war ebenfalls notwendig. Geschicklichkeit. Verstand. Unvorhersagbarkeit. Dieses letztere vielleicht mehr als alles andere – etwas nicht Greifbares, das das besondere Wirkungsfeld Überlebender war. Hatte er sie? fragte er sich plötzlich. Was hatte er außer dem, was die Druidenmagie ihm gegeben hatte, auf was er sich berufen konnte? Er hatte viel aus der Tatsache gemacht, daß nichts von dem, was ihm von den Druiden angetan worden war, etwas daran ändern würde, wer er war. Aber war das so? Und wenn es so war, auf welchen Teil von sich selbst konnte er sich denn jetzt berufen, um wieder an sich zu glauben?
Und war das nicht der Schlüssel zu allem? Daß er fest genug an sich selbst glaubte, um nicht zu verzweifeln?
Er stieg wieder auf die Festungsmauern, und Ondit folgte ihm auch dorthin. Die Nacht war klar und sternenhell, und die Luft roch sauber und frisch. Er atmete sie tief ein, während er auf den Mauern entlangging und nicht auf das hinabschaute, was dort wartete, sondern seine Gedanken frei und unbelastet entgleiten ließ. Er merkte, daß er über Quickening nachdachte, die Tochter des Königs vom Silberfluß, jenem Elementargeist, der alles gegeben hatte, um einem Land aus Stein das Leben wiederzugeben, um der Erde eine Chance der Heilung zu geben. Er stellte sich ihr Gesicht vor und lauschte in seiner Erinnerung auf ihre Stimme. Er spürte ihr leichtes Gewicht, als er sie dieses letzte Mal zum Rande des Eldwist getragen hatte, das Gefühl der Sicherheit, das von ihr ausgegangen war, das Gefühl der Macht. Im Sterben hatte sie ihr Versprechen eingelöst. So hatte sie es gewollt. Und sie hatte ihm einen Teil ihres Lebens hinterlassen, einen Sinn für Zweck und Bedürfnis, einen Vorsatz, daß er in seinem Leben das tun würde, was sie nur im Tod hatte tun können.
Er blieb stehen und schaute hinaus in die Nacht. Wie weit war er gereist, dachte er in wahrem Erstaunen. Welch eine lange Reise war es gewesen. Alles zu dem Zweck, diesen Punkt zu erreichen, an diesem Ort und in dieser Zeit anzukommen.
Er unterbrach seine Überlegungen, wandte sich dem Inneren der Festung zu, den Mauern und Türmen, die über ihm aufragten und sich dunkel in die Nacht erhoben. Sollte hier sein Leben enden, fragte er sich plötzlich. Sollte hier schließlich die Reise enden?
Es wäre ein nutzloser Kampf gewesen, wenn es so sein würde.
Er wandte sich um und schaute über die Mauer hinab. Einer der Reiter ritt unmittelbar unter ihm vorbei, eine schwache Lumineszenz vor dem Dunkel. Tod, dachte er, aber es war schwer, das genau zu sagen. Es machte ohnehin keinen Unterschied. Namen ungeachtet, Identitäten außer acht gelassen, sie bedeuteten alle in der einen oder anderen Form Tod. Schattenwesen, Mörder, denen über ihre Fähigkeit, zu vernichten, hinaus jeglicher Sinn und Zweck fehlte. Warum hatten sie es zugelassen, daß sie so werden konnten? Welche Wahl hatte sie so werden lassen?
Er beobachtete, wie dieser Reiter verschwand und wartete auf den nächsten. Jede Nacht patrouillierten sie und versammelten sich in der Dämmerung wieder vor den Toren, um ihre Herausforderung erneut zu verkünden...
Er fing sich. Alle zusammen. Vor den Toren.
Ein Hoffnungsschimmer flammte in seinem Geist auf. Was wäre, wenn er dieser Herausforderung annahm?
Mit grimmigem Gesicht stieß er sich von der Mauer ab und stieg auf der Suche nach Cogline in die Festung hinab.
Die Dämmerung kündigte sich mit einem Silberschimmer des Himmels im Osten an, was Nebel und Hitze versprach. Die Luft war sogar schon so früh still und drückend, ein Überbleibsel der gestrigen Hitze, ein Versprechen, daß dieser Sommer nicht die Absicht hatte, dem Herbst schnell zu weichen. Vögel ließen ihre Rufe in mürrischem, müdem Ton erschallen, als seien sie nicht gewillt, den Tagesanfang zu verkünden.
Die Vier Reiter hatten sich vor den Toren versammelt und in dem Grau auf ihren Alptraumreittieren aufgereiht. Die Schlangen scharrten erregt auf dem Boden, während ihre Reiter stumm vor Paranors hohen Mauern saßen. Geister ohne Stimme, Leben ohne Gleichgewicht. Als das Licht hinter den Spitzen der Drachenzähne hervordrang, drängte Krieg sein gräßliches Tier vorwärts, hob seine Hand und schlug mit hohlem Donnern gegen das Tor. Der Klang verweilte in der Stille, die folgte, ein Widerhall, der in den Bäumen und der Dämmerung verklang. Das Tor wurde erschüttert und blieb dann wieder still.