Er zwang seine Gedanken wieder zurück zu Coll und wickelte seine Decke in der sich verdichtenden Nacht enger um sich. Es war kühl in den Bäumen am Fluß, die Sommerhitze war hier in andere Reiche verbannt. Wenn Coll nicht gekommen war, um ihn zu töten, warum war er dann gekommen? Sicherlich aus keinem guten Grund. Coll war jetzt nicht Coll.
Par blinzelte. Vielleicht, um das Schwert von Shannara zu stehlen?
Der Gedanke war interessant, aber er ergab keinen Sinn. Warum sollte Felsen-Dall das Schwert Par übergeben, wenn er später Coll entsandte, um es zurückzuholen? Es sei denn, Coll wäre das Werkzeug eines anderen. Aber das ergab sogar noch weniger Sinn. Es gab hier nur einen Feind. Trotz all der Beteuerungen des Ersten Suchers. Felsen-Dall hatte sich eine Menge Ärger damit eingehandelt, Par glauben zu machen, er hätte seinen Bruder getötet. Die Schattenwesen hatten Coll aus einem bestimmten Grund gesandt, aber der bestand nicht darin, das Schwert von Shannara zurückzuholen.
Par dachte einen Moment lang darüber nach, wie seltsam es war, daß das Schwert sich ihm doch noch offenbart hatte. Er hatte alles versucht, um die Magie auszulösen, und bis dahin hatte nichts funktioniert. Er hatte immer geglaubt, daß es wirklich der Talisman war und keine Fälschung, trotz aller Zweifel, warum Felsen-Dall es ihm freiwillig überlassen hatte. Er hatte seine Macht gespürt, selbst als es nicht auf ihn reagiert hatte. Aber die Zweifel hatten weiter bestanden, und mehr als einmal hatte sein Mut ihn verlassen. Jetzt plötzlich, völlig unerwartet, war die Magie zum Leben erweckt worden, und das alles nur wegen dieses Kampfes mit Coll.
Und es gab keinerlei Hinweis darauf, warum es so war.
Par glitt den Baumstamm hinab, bis er auf dem Rücken ruhte, und schaute durch die belaubten Zweige des Hickorybaums hinauf in den klaren, sternenerleuchteten Himmel. Er mußte es sich nur bequem machen, sagte er sich. Er mußte dem Schmerz in seinem Körper nur ein wenig Erleichterung verschaffen. Er konnte besser denken, wenn er dies tat. Er wußte, daß es so war.
Und während er sich das sagte, schlief er schon ein.
Als er erwachte, war es bereits dämmrig, und Coll schaute auf ihn herab. Sein Bruder saß keine zwanzig Meter von ihm entfernt zusammengekauert auf einem Wall aus Steinen, verdreht und gebeugt wie ein Käfer. Er war in das Spiegeltuch gehüllt, dessen Falten in dem schwachen, silbernen Licht bösartig schimmerten, als sei Tau in den Stoff eingewoben. Colls Gesicht wirkte hager und verzerrt, und sein sonst immer so ruhiger und stetiger Blick irrte voller Angst und Widerwillen umher.
Par war so verblüfft, daß er sich nicht rühren konnte. Es war ihm niemals in den Sinn gekommen, daß sein Bruder auf seinem Weg einen Kreis zurück beschreiben könnte – daß er überhaupt die Geistesgegenwart dazu haben würde. Warum war er gekommen? Um ihn erneut anzugreifen, um vielleicht zu versuchen, ihn zu töten? Er sah Coll an, sah in sein müdes Gesicht und seine eingesunkenen Augen. Nein, Coll war aus einem anderen Grund da. Er sah aus, als wolle er sich annähern, als wolle er sprechen oder Par nach etwas fragen. Und vielleicht ist das auch so, dachte Par plötzlich. Das Schwert von Shannara hatte Coll seinen ersten flüchtigen Blick auf die Wahrheit verschafft, seit er das Spiegeltuch umgelegt hatte. Vielleicht wollte er mehr.
Er erhob sich langsam und begann seine Hand auszustrecken.
Sofort war Coll fort, war von den Felsen in die dahinterliegenden Schatten gesprungen und eilte in den Wald.
»Coll!« schrie Par hinter ihm her. Das Echo wurde schwächer und erstarb. Der Klang von Colls Schritten verschwand in der Stille, während sich die Entfernung zwischen ihnen erneut ausdehnte.
Par suchte nach Beeren und Wurzeln. Während er das karge Frühstück aß, sagte er sich, daß er in ernsthafte Schwierigkeiten geraten würde, wenn er bis zum Einbruch der Nacht keine wirkliche Nahrung gefunden hätte. Er aß schnell und dachte dabei die ganze Zeit an Coll. In den Augen seines Bruders war solches Entsetzen zu sehen gewesen – und solcher Zorn. Auf Par, auf sich selbst, auf die Wahrheit? Er würde es nicht erfahren. Aber Coll war sich seiner noch immer bewußt, er suchte ihn von sich aus auf, und daher gab es noch immer eine Chance, ihn zu erreichen.
Aber was würde er tun, wenn dies geschehen wäre? Par hatte daran noch nicht gedacht. Das Schwert von Shannara erneut gebrauchen, antwortete er sich selbst, fast ohne zu denken. Das Schwert war sicherlich Colls größte Hoffnung, sich von dem Spiegeltuch befreien zu können. Wenn er Coll dazu bringen konnte, die Natur der Magie, die ihn in ihrer Gewalt hatte, zu erkennen, dann konnte er vielleicht eine Möglichkeit finden, den Umhang und seine Magie abzuwerfen. Vielleicht würde es Par gelingen, ihn fortzuziehen, wenn nichts anderes möglich war. Aber das Schwert war der Schlüssel! Coll hatte nichts erkannt, bis die Magie des Schwerts ihm Erkenntnis gewährt hatte, und dann hatte sich die Wahrheit in seinen Augen gezeigt. Par sagte sich, daß er es erneut einsetzen mußte. Und dieses Mal würde er nicht innehalten, bevor Coll befreit war.
Er nahm seine Decke an sich und brach erneut auf. Der Tag war schwül und still, und die Wärme verwandelte sich schnell in stickige Hitze, die Pars Kleidung vor Schweiß dampfen ließ. Er nahm Colls Spur auf und folgte ihr zum Mermidon und darüber hinweg nach Norden und dann erneut gen Süden. Dieses Mal zog sein Bruder mehrere Stunden lang in direkter Linie weiter und bewanderte das östliche Ufer bis ins Runnegebirge. Par überquerte den Fluß seitab von Varfleet, sah Schlepper und Fährschiffe träge auf der weiten Fläche manövrieren, dachte, daß es gut wäre, ein Boot zu haben, dachte eine Sekunde später, daß ein Boot nutzlos wäre, wenn er Fußabdrücken auf trockenem Boden folgen mußte. Er erinnerte sich daran, wie Coll und er vor Wochen aus Varfleet geflohen und den Mermidon entlang nach Süden gezogen waren. Das war der Anfang von allem gewesen. Er erinnerte sich daran, wie nah sie sich zu dem Zeitpunkt gewesen waren, trotz ihrer Auseinandersetzungen, welche Richtung ihr Leben nehmen sollte und wofür Par seine Magie einsetzen sollte. Das schien alles vor sehr langer Zeit geschehen zu sein.
Am späten Nachmittag erreichte Par mehrere Meilen flußabwärts von Varfleet einen kleinen Anlegeplatz mit einem Fischereidock und Handelsposten. Das Kontorgebäude war baufällig und chaotisch, und seine Pächter wortkarg, ein störrischer Haufen mit vernarbten, schwieligen Arbeiterhänden und sonnengebräunten Gesichtern. Er konnte seinen Ring gegen eine Angelleine und Angelhaken, einen Feuerstein, Brot, Käse und geräucherten Fisch eintauschen. Er brachte alles nur außer Sichtweite des Anlegeplatzes, setzte es dort gleich ab und aß die Hälfte der Lebensmittel auf, ohne sich eine Atempause zu gönnen. Als er sein Mahl beendet hatte, nahm er seine Reise gen Süden wieder auf. Er fühlte sich jetzt entschieden wohler in seiner Haut. Die Leine und die Haken würden es ihm erlauben, Fische zu fangen, und der Feuerstein würde ihm Feuer geben. Er begann einzusehen, daß die Jagd nach Coll länger dauern konnte, als er erwartet hatte.
Er stellte fest, daß er erneut darüber nachdachte, warum Coll ihn gesucht hatte – oder genauer gesagt, warum er geschickt worden war. Wenn nicht deshalb, weil er getötet werden sollte oder um das Schwert von Shannara zu stehlen, dann blieb nicht viel übrig. Vielleicht sollte Colls Erscheinen irgendeine Art Reaktion von ihm herausfordern. Damsons Warnung summte erneut in ihm – die Jagd führte wahrscheinlich zu einer Falle der Schattenwesen. Aber wie hatten die Schattenwesen wissen können, daß ihr Treffen die Magie des Schwerts von Shannara auslösen und die Wahrheit darüber, was Coll war, enthüllen würde und Par in der Lage sein könnte, in Coll etwas anderes zu sehen als ein Schattenwesen? Coll war vielleicht als Köder gesandt worden, um Par anzulocken – das klang sicherlich nach Felsen-Dall –, aber dennoch, wie hatten die Schattenwesen wissen können, daß Par die Identität seines Bruders entdecken würde?