Es sei denn, es war nicht beabsichtigt gewesen, daß er es her- ausfand...
Par blieb abrupt stehen. Er befand sich gerade unter einer riesigen, alten Eiche. Dort war es schattig und kühl. Er konnte eine Brise vom Mermidon heranwehen spüren. Er konnte das Geräusch der trägen Bewegungen des Flusses hören. Er konnte das Wasser und die Wälder riechen.
...bis es zu spät war.
Er spürte, wie sich seine Kehle verengte. Wie wäre es, wenn diese ganze Angelegenheit umgekehrt gedacht gewesen war? Wie wäre es, wenn Coll ihn gar nicht töten sollte? Wie wäre es, wenn er Coll töten sollte?
Warum?
Weil...
Er kämpfte um eine Antwort. Sie war am Rande seiner Gedanken beinahe greifbar. Ein Flüstern von Worten, das bestrebt war, erkannt zu werden, bestrebt war, verstanden zu werden.
Er konnte sie nicht ganz erreichen.
Enttäuscht ging er weiter. Er war auf der richtigen Spur, wenn er auch noch nicht alle Einzelheiten klar erkannte. Es war Coll dort draußen, der ihn führte, der floh, ohne zu wissen warum er floh, der bei Nacht zurückkam, um sicherzugehen, daß Par ihm folgte. Was Par trug, war das Schwert von Shannara, und seine Magie hatte ihm die Wahrheit gezeigt. Es waren die Schattenwesen, die dies alles inszeniert hatten, die mit ihnen spielten wie mit Kindern, die zum Vergnügen anderer agieren sollten.
Es hat etwas mit der Magie des Wunschgesangs zu tun, dachte Par plötzlich. Es hat damit zu tun.
Es würde ihm noch einfallen, das wußte er. Er mußte nur weiterhin darüber nachdenken. Er mußte nur weiterhin alles durchdenken.
Bei Sonnenuntergang des zweiten Tages hatte er Coll noch immer nicht gefunden, und er errichtete sein Lager in einer von Felsen umgebenen Nische, die ihn von hinten schützte, während er sehen konnte, was auch immer sich von vorn näherte. Er entzündete kein Feuer. Ein Feuer würde sein nächtliches Sehvermögen schwächen, wenn es dunkel wurde. Er aß noch ein wenig von seinen Vorräten, wickelte sich in seine Decke und lehnte sich zum Warten gegen die Felsen.
Die Nacht vertiefte sich, und die Sterne kamen hervor. Par beobachtete, wie sich Schatten abzeichneten und in dem fahlen Licht Gestalt annahmen. Er lauschte auf das träge Aufschlagen des Flusses gegen die Felsen und auf die Schreie der Nachtvögel, die über dem Wasser kreisten. Er atmete die kühle, feuchte Luft und erlaubte sich das erste Mal seit zwei Tagen, an Damson Rhee zu denken. Nach all der Zeit, in der sie sich in Tyrsis zusammen versteckt und beide darum gekämpft hatten, frei zu bleiben, war es seltsam, daß er ohne sie war. Er sorgte sich um sie, beruhigte sich dann aber, indem er sich sagte, daß es ihr wahrscheinlich besser ging als ihm. Sie hatte inzwischen sicherlich die Geächteten erreicht und war mit dem Versuch beschäftigt, Padishar zu befreien. Sicherlich war sie inzwischen längst in Sicherheit.
Zumindest so sicher, wie einer von ihnen beiden sein konnte, bis alles erledigt war.
Gedanken an Damson, Padishar, Morgan Leah, Wren und Walker Boh bevölkerten seinen Geist, Fragmente seiner Erinnerungen an jene, die er auf dem Weg verloren hatte. Manchmal schien es ihm, als sei ihm bestimmt, alles zu verlieren. So viel hatte er eingesetzt und so wenig gewonnen – das Gewicht dieses Gedankens drückte ihn nieder.
Er zog die Knie schützend zu seiner Brust herauf und rollte sich fest zusammen. Das Schwert von Shannara drückte gegen seinen Rücken, denn er hatte vergessen, es abzunehmen. Das Schwert, seine ihm von Allanon übertragene Aufgabe, seine Lebenschance, seine einzige Hoffnung darauf, sich eines Tages von den Schattenwesen befreien zu können – so vieles war dafür aufgegeben worden. Er fragte sich erneut, welchem Zweck der Talisman wohl diente. Sicherlich etwas Phantastischem, denn Magie wie diese war für nichts anderes geschaffen. Aber wie sollte er diesen Zweck entdecken – besonders hier, irgendwo im Runne verloren, auf der Jagd nach dem armen Coll? Besser war, er suchte Walker Boh und Wren, die anderen beiden, denen Allanon Aufgaben übertragen hatte.
Aber das war natürlich falsch. Er mußte genau das tun, was er tat. Er mußte seinen Bruder suchen, damit er ihm helfen könnte. Wenn er Coll verlor, der ihm in so vielem beigestanden hatte, der alles aufgegeben hatte, der ihn verloren hatte, nachdem er ihn bereits einmal verloren hatte, nachdem er ihn wiedergefunden hatte...
Er schüttelte den Kopf. Er würde Coll nicht verlieren. Das konnte er nicht zulassen.
Die Minuten vergingen und Par Ohmsford wartete noch immer. Coll würde kommen. Dessen war er sich sicher. Er würde kommen, wie er auch in der vorangegangenen Nacht gekommen war. Vielleicht würde er nur dasitzen und Par ansehen, aber zumindest würde er dasein, nahe bei ihm.
Er griff in seine Tunika und nahm die abgebrochene Hälfte des Skree hervor, das Damson ihm gegeben hatte. Er hatte ihn mit einem Lederband festgebunden und um seinen Hals gehängt. Wenn Damson in der Nähe war, würde das Skree leuchten. Er betrachtete es nachdenklich. Das Metall reflektierte dumpf das helle Sternenlicht, aber es leuchtete nicht. Damson war weit entfernt.
Er betrachtete das Skree noch eine Weile und ließ es dann wieder in seine Tunika gleiten. Noch ein Stück Magie, das ihm Sicherheit geben sollte, dachte er betrübt. Der Wunschgesang, das Schwert von Shannara und das Skree. Er war gut mit Talismanen ausgerüstet. Er schwamm in ihnen.
Aber Verbitterung half nichts, und so versuchte er, sie beiseite zu schieben. Er nahm das Schwert ab und legte es neben sich auf den Boden. Irgendwo draußen auf dem Mermidon klatschte ein Fisch auf dem Wasser auf. Aus den Bäumen hinter ihm drang plötzlich und zwingend der tiefe Schrei einer Eule.
Ein Vermächtnis der Magie, dachte er. Er war unfähig, sich selbst zu helfen, denn die Düsterkeit seines Gemüts war unerbittlich. Und alles, was es bewirkt ist, daß ich mich frage, ob Fel- sen-Dall nicht vielleicht recht hat – ob ich nicht tatsächlich ein Schattenwesen bin.
Der Gedanke blieb, während er in die Nacht hinausschaute.
Das Wesen, in dem sich ein Schattenwesen und Coll Ohmsford mischten, starrte aus einem Versteck in den Bäumen hervor. Es lauerte gut hundert Schritt von der Stelle entfernt, wo derjenige, der es verfolgte, darauf wartete, daß es erschien.
Aber das werde ich nicht, nein, dachte es bei sich. Ich werde hierbleiben, in der Sicherheit der Dunkelheit, wo ich hingehöre, wo die Schatten mich beschützen vor...
Wovor? Es konnte sich nicht erinnern. Vor diesem anderen Wesen? Vor der seltsamen Waffe, die es trug? Nein, vor etwas anderem. Vor dem Umhang, den es trug? Es befingerte das Material unsicher und spürte, daß sich etwas Unerfreuliches an seinen Fingerspitzen rührte, während es dies tat. Es wurde sich wieder der Vision bewußt, die es gesehen hatte, als es mit dem anderen gekämpft hatte, mit demjenigen, der war... der war... Es konnte sich nicht erinnern. Jemand, den es gekannt hatte. Früher einmal, vor langer Zeit. Verwirrung machte sich in ihm breit. Die Verwirrung verging scheinbar niemals.
Das Wesen, das halb Schattenwesen und halb Coll war, rührte sich leise, den Blick unverwandt auf die Gestalt gerichtete, die in den Felsen kauerte.
Es denkt, es kann mich von dort aus sehen, aber es irrt sich. Es kann nur dann etwas sehen, wenn ich will, daß es etwas sieht – aber es sieht nichts, solange ich den Umhang trage, nichts, solange ich die Magie habe. Ich komme zu ihm, wenn ich es will, und ich gehe fort, wenn ich es will. Es kann mich nicht sehen. Es kann mich nicht fangen. Es jagt mich, aber ich führe es dahin, wohin ich es bringen will. Ich führe es nach Süden, nach Süden zu, zu...