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Aber es war nicht sicher. Die Verwirrung umwölkte seine Gedanken erneut und quälte es. Manchmal schien es ihm, es würde besser denken, wenn es den Umhang ablegte. Aber nein, das war sicher töricht. Der Umhang beschützte es, das Spiegeltuch, das ihm gegeben von – nein, gestohlen, genommen von – nein, durch List von jemandem genommen... jemand Gefährlichem...

Die Gedanken bruchstückhaft und flüchtig kamen und gingen wieder. Sie wirbelten umher wie Strudel in einem Fluß, die einen Moment lang auf Sand und Fels auftreffen, bevor sie weiterziehen.

Tränen der Enttäuschung traten ihm in die Augen, und es hob eine schmutzige Hand, um sie wegzuwischen. Manchmal erinnerte es sich an Dinge von früher, von der Zeit, als es den Umhang noch nicht getragen hatte, von der Zeit, als es ein anderer war. Die Erinnerungen stimmten es traurig, und es schien, daß ihm etwas Böses zugefügt worden war, daß es die Erinnerungen waren, daß es sich so fühlte.

Ich sah, einen Moment lang, in dem Licht in meinem Geist, in jener Vision, ich sah etwas über mich selbst, darüber, wer ich war, bin, sein könnte. Ich möchte es erneut sehen!

Es floh jetzt vor dem Wesen, das es einst gejagt hatte, und fürchtete es, ohne zu wissen warum. Der Umhang verlieh ihm Sicherheit, aber selbst der Umhang schien nicht zu genügen, um ihn vor diesem anderen zu schützen. Und die Flucht vor seinem Verfolger schien es immer wieder zu dem Punkt zurückzuführen, wo dieser Verfolger wartete, ein Kreislauf, den es nicht verstehen konnte. Wenn es doch vor seinem Verfolger davonlief, warum brachte das Davonlaufen es dann immer wieder zurück? Manchmal tröstete der Umhang es wegen des Verfolgers und der Erinnerungen, aber manchmal fühlte es sich so an, als wäre der Umhang Feuer auf seiner Haut und als brenne es seine Identität weg und verwandle es in etwas Furchtbares.

Nimm den Umhang ab!

Nein, Narr, Narr! Der Umhang schützt dich!

Und so tobte der Kampf in dem gepeinigten Wesen, das sowohl Coll als auch ein Schattenwesen war, trieb es hierhin und dorthin, drückte es nieder und richtete es wieder auf, zog und stieß es gleichzeitig, bis nichts mehr an Vernunft und Frieden in ihm übrigblieb.

Hilf mir, bat es schweigend. Bitte, hilf mir.

Aber es wußte nicht, wen es um Hilfe bat oder was eine Hilfe sein konnte. Es schaute hinab in die Dunkelheit zu demjenigen, der es verfolgte, und dachte, daß sein Verfolger bald schlafen würde. Was sollte es dann tun? Sollte es dort hinuntergehen, kriechend, kriechend, so leise wie am Himmel dahinziehende Wolken, und es berühren, berühren...

Der Gedanke kam zu keinem Ende. Der Umhang schien sich fester um es herumzulegen und es zu quälen. Ja, vielleicht hinabkriechen, seinem Jäger zeigen, daß es keine Angst hatte (aber es hatte Angst), daß es in der Nacht, in seinem Umhang, in der Sicherheit der Magie tun konnte, was es wollte...

Hilf mir.

Es würgte an den Worten und versuchte, sie laut hinauszuschreien, aber es gelang ihm nicht. Es schloß seine Augen gegen den Schmerz und zwang sich, nachzudenken.

Nimm dir etwas von ihm, etwas, was es braucht, was es schätzt. Nimm dir etwas, was es... verletzt, wie ich verletzt bin. Der Verstand riß eine vertraute Erinnerung auf. Ich kenne es, weiß auch woher, als wir... wir... Brüder waren! Es kann helfen, es kann einen Weg finden...

Aber das Wesen, das halb Coll und halb ein Schattenwesen war, war sich dessen nicht sicher, und der Gedanke schwebte mit den anderen davon, verloren in den unzähligen Fragmenten, die sich umeinanderdrängten und in dem verwirrten Geist um Bestand kämpften. Es wurde von demjenigen, den es beobachtete, sowohl angezogen als auch abgestoßen, und dieser Widerspruch würde sich nicht auflösen lassen, egal wie sehr es sich auch bemühte.

Erneut stiegen Tränen in ihm auf, ungebeten und unerwünscht. Die schmutzige, zerkratzte Hand verkrampfte sich. Das entstellte Gesicht kämpfte darum, sich in etwas Erkennbares verwandeln zu können. Eine Sekunde lang war Coll wieder da, aus den Spinnweben der schwarzen Magie, die ihn gefangenhielt, errettet.

Muß handeln, etwas tun, was den anderen wissen lassen wird! Muß mir etwas nehmen! Ich muß!

Par war eingeschlafen, als er das Ziehen an seinem Hals spürte. Er schrak hoch und schlug in dem Versuch, diesem Ziehen Einhalt zu gebieten, wild um sich, ohne zu wissen, was es war oder wer es verursachte. Etwas würgte ihn, drückte seine Kehle zu, so daß er nicht atmen konnte. Ein Gewicht lag auf ihm, kletterte auf ihn hinauf und wickelte ihn ein.

Ein Schattenwesen.

Doch der Wunschgesang hatte ihn nicht gewarnt, also konnte es das nicht sein. In dem verzweifelten Bemühen, sich zu retten, beschwor er die Magie jetzt herauf. Er spürte, wie sie sich in betäubender Langsamkeit in ihm aufbaute. Irgend etwas atmete auf sein Gesicht und seinen Hals. Ein Aufblitzen von Zähnen war zu sehen, und er spürte grobes Haar, das an seiner Haut rieb. Er streckte seine Hand aus, um sich abzustützen, damit er sich seinem Angreifer entgegenstemmen könnte. Seine Hand streifte das Heft des Schwertes von Shannara, und das Metall verbrannte sie.

Dann ließ der Druck auf seiner Kehle abrupt nach, das Gewicht gab seinen Körper wieder frei, und durch einen Nebel aus farbigem Licht und Düsterkeit sah er eine zusammengeschrumpfte, gebeugte Gestalt in die Nacht davoneilen.

Coll! Es war Coll gewesen!

Erschreckt und ängstlich sprang er auf und kämpfte um Haltung und Gleichgewicht. Was ging hier vor? War Coll gesandt worden, um ihn nun doch zu töten? Hatte er versucht, ihn zu ersticken? Er beobachtete, wie die dunkle Gestalt in den Schatten verschwand und in den Felsen und Bäumen fast augenblicklich verloren war. Da war kein Irrtum möglich. Es war Coll gewesen. Dessen war er sich sicher.

Aber was hatte sein Bruder tun wollen?

Er dachte plötzlich an das Schwert, schaute schnell hinab und sah es unberührt neben sich auf dem Boden liegen. Nicht das Schwert, dachte er. Was dann?

Er griff sich an den Hals und wurde sich plötzlich eines neuen Schmerzes bewußt. Seine Hand war naß von Blut. Er tastete noch einmal seinen Hals ab. Er fand einen Streifen gequetschter, aufgerissener Haut und berührte ihn, ohne jede Vorsicht, weil er der Sache auf den Grund gehen wollte.

Und dann erkannte er, daß das Skree fort war.

Sein Bruder hatte es gestohlen. Offenbar hatte er, während er sich dort draußen in der Dunkelheit versteckt gehalten hatte, gesehen, wie Par es hervorgeholt hatte. Sicherlich war er herabgekommen, nachdem Par eingeschlafen war, auf ihn zugekrochen und hatte ihn am Boden festgehalten. Dann hatte er offenbar an dem Lederband um seinen Hals gezogen, so daß Par würgen mußte, hatte es durchgebissen, als nichts anderes funktionierte, und Damsons Talisman davongetragen.

Warum?

Natürlich damit Par ihm folgen würde. Damit Par gezwungen war, ihm nachzujagen.

Der Talbewohner stand da und schaute wie betäubt seinem Bruder hinterher, dem Wesen, zu dem sein Bruder geworden war. In der Stille seines Geistes schien es, als könnte er den anderen etwas rufen hören.

Hilf mir, sagte Coll.

Hilf mir.

15

Als es so hell wurde, daß er sehen konnte, folgte Par seinem Bruder. Die Sonne ging früh auf, der Tag war klar und strahlend, und die Spur, die Coll hinterließ, war wieder leicht zu erkennen. Par verdoppelte seine Bemühungen und strengte sich stärker an als zuvor. Er war entschlossen, Coll dieses Mal nicht entkommen zu lassen.

Sie befanden sich jetzt tief im Runnegebirge, waren von den Wänden seiner Schluchten umgeben, während sie dem Mermidon in südlicher Richtung folgten, und es war wenig Raum zum Ausweichen. Dennoch wich Coll immer wieder vom Ufer des Flusses ab, als suche er nach einem Weg hinaus. Manchmal kam er fast eine halbe Meile weit, bevor die Berge ihm wieder den Weg versperrten. Einmal gelang es ihm, einen niedrigen Grat zu erklettern und ihm mehrere Meilen weit zu folgen, bevor er an einer Klippe endete und Coll erneut seitwärts ausweichen mußte. Par war jedesmal gezwungen, ihm zu folgen, damit er seine Spur nicht verlor, denn er befürchtete, daß Coll vielleicht kehrtmache, während er einfach weiter am Ufer entlangwanderte. Die Anstrengung dieser Verfolgung kostete ihn alle Kraft, und die schwüle, windstille Luft machte ihn benommen. Der Tag verging, die Sonne begann unterzugehen, und er hatte Coll noch immer nicht gefunden.