Für seine Abendmahlzeit ging er fischen. Er benutzte den Haken und die Angelleine aus dem Handelskontor, kochte und aß seinen Fang und ließ das, was übriggeblieben war – eine mehr als großzügige Portion – auf einem Felsen liegen, der mehrere Dutzend Meter von seinem Schlafplatz entfernt war. Er war den größten Teil der Nacht wach, hörte und sah Dinge, die nicht da waren, und döste selten und unregelmäßig ein. Er sah Coll nicht einmal. Als er erwachte, war der Fisch fort – aber wahrscheinlich war er von wilden Tieren gefressen worden. Er glaubte es nicht, aber er hatte keine Möglichkeit, sich darüber Gewißheit zu verschaffen.
Während der nächsten drei Tage setzte er die Verfolgung fort, bahnte sich seinen Weg flußabwärts und kam dem Regenbogensee und der Südwache beständig näher. Furcht beschlich ihn, daß er Coll nicht erreichen würde, bevor es zu spät war. Irgendwie gelang es seinem Bruder, ihm immer ein Stück voraus zu sein, selbst mit seiner verminderten Fähigkeit, planvoll zu überlegen, selbst in seinem halben Schattenwesenzustand. Coll dachte nicht klar, suchte sich auch nicht den leichtesten oder schnellsten Weg aus und machte sich nicht die Mühe, seine Spuren zu verwischen. Er tat nichts anderes, als gerade außer Reichweite zu bleiben. Es war frustrierend und besorgniserregend zugleich. Es schien unvermeidbar, daß er zu spät zu Coll gelangte, um ihm noch helfen zu können – oder vielleicht auch zu spät, um sich selbst helfen zu können, wenn die Schattenwesen ihn entdeckten. Wenn Felsen-Dall Coll zuerst fand, was konnte Par dann tun? Das Schwert von Shannara benutzen? Er hatte dies bereits einmal getan, ohne daß es etwas genützt hätte. Die Magie des Wunschgesangs einsetzen? Er hatte auch das schon versucht und festgestellt, daß sie auf gefährliche Weise unberechenbar war. Dennoch würde er vielleicht keine andere Wahl haben. Er würde den Wunschgesang benutzen müssen, wenn das die einzige Möglichkeit war, seinen Bruder zu befreien. Welchen Preis er dann bezahlen mußte, spielte keine Rolle.
Er dachte jetzt oft darüber nach, wie sich der Wunschgesang entfaltet hatte und was anscheinend mit ihm geschah, wenn er ihn heraufbeschwor. Er versuchte darüber nachzudenken, was er tun konnte, um sich zu schützen, um die Magie unter Kontrolle zu halten, um zu verhindern, daß sie ihm ganz entglitt. Die Macht baute sich in einer Weise auf, die er nicht verstehen konnte, und entwickelte sich wie schon vor Jahren bei Wil Ohmsford, manifestierte sich auf vielfältig erschreckende Art, was vermuten ließ, daß sich etwas Fundamentales auch in Par ändern würde. Als er das Ausmaß dieser Entwicklung überdachte, erschrak er. Es war einst die Magie Jair Ohmsfords gewesen, ein Wunschgesang, der Bilder aus der Luft formen konnte, Bilder, die real schienen, aber doch nur im Geiste jener existierten, die zuhörten. Jetzt schien es eher die Magie von Jairs Schwester Brin zu sein, eine Magie, die Dinge in Wahrheit verwandeln konnte, die sie unwiderruflich verändern konnte. Aber bei Par konnte sie auch etwas schaffen. Sie konnte Dinge aus dem Nichts zaubern; das Feuerschwert in der Grube oder die Splitter aus Metall und Wind im Wachturm in Tyrsis. Wo war eine Macht wie diese hergekommen? Was konnte die Ursache dafür sein, daß sich die Magie so drastisch verändert hatte?
Aber am meisten ängstigte ihn die Tatsache, daß die Antwort auf alle seine Fragen über den Ursprung der Magie immer dieselbe war: ein schwaches und heimtückisch selbstsicheres Flüstern in seinem Geist, die Worte von Felsen-Dall, als er dem Ersten Sucher in dem Gewölbe mit dem Schwert von Shannara gegenübergestanden hatte.
Du bist ein Schattenwesen, Par Ohmsford. Du gehörst zu uns.
An einem Nachmittag, sechs Tage nachdem die Verfolgung begonnen hatte, vier Tage nach dem Diebstahl des Skree war die Nachmittagshitze so gewaltig, daß sie die Luft zu färben und die Lungen zu verbrennen schien. An diesem Nachmittag führte Colls Spur abrupt in den Fluß hinein und verschwand.
Par blieb am Ufer des Flusses stehen und untersuchte ungläubig den Boden. Er verfolgte die Spur zurück, um sicherzugehen, daß er nicht irregeführt worden war, und setzte sich dann auf einen schattigen Fleck unter einer weit ausladenden Pappel, um seine Gedanken zu sammeln.
Coll war in den Fluß gegangen.
Par starrte über das Wasser hinweg, über den trägen, breiten Fluß zu dem gegenüberliegenden, von Bäumen gesäumten Ufer hinüber. Der Mermidon wand sich an der Stelle, wo sie sich jetzt befanden, aus dem Runne heraus, und floß dem Regenbogensee zu. Die Berge erstreckten sich am Ostufer weiter gen Süden, aber die Westseite flachte sich zu dem hügeligen Grasland und einzelnen Hartholzhainen hin ab. Wenn Coll klar hätte denken können, hätte er sich vielleicht entschlossen, den Fluß dort zu überqueren, wo man leichter hinübergelangte. Aber Coll stand unter dem Zwang des Spiegeltuchs. Par gelangte zu der Erkenntnis, daß es nichts gab, worin er sich sicher sein konnte. Auf jeden Fall mußte er ebenfalls hinübergelangen, nachdem Coll den Fluß überquert hatte.
Er legte seine Kleidung ab, nahm die Angelleine und etwas totes Holz, um sich ein Behelfsfloß zu bauen, band seine Kleidung, die Decke, das Gepäck und das Schwert von Shannara darauf fest und glitt auf den Fluß. Das Wasser war kalt und tröstend. Er stieß sich vom Ufer ab und ließ sich in einem Winkel zum entgegengesetzten Ufer mit dem Fluß treiben. Er beeilte sich und legte ungefähr eine Meile flußabwärts wieder an. Er kletterte ans Ufer, trocknete sich ab, zog sich an, band sich das Schwert und seine Ausrüstung auf den Rücken und machte sich daran, Colls Spur wiederzufinden.
Aber die Spur war nirgendwo zu sehen.
Er suchte flußaufwärts und flußabwärts, bis es dunkel war, und entdeckte nichts. Coll war verschwunden. Par saß im Dunkeln, schaute über die Fläche des Flusses hinweg, über seine glitzernde Oberfläche und fragte sich, ob sein Bruder ertrunken war. Coll war unter normalen Umständen ein guter Schwimmer, aber vielleicht hatte ihn schließlich die Kraft verlassen. Par zwang sich, etwas zu essen, nahm einen Schluck aus dem Wasserschlauch, rollte sich in seine Decke und versuchte zu schlafen. Der Schlaf wollte nicht kommen. Gedanken an Coll und Erinnerungen an die Vergangenheit zerrten an ihm und peinigten ihn. Das Gewicht von allem, was seit Beginn der Träume auf ihn zugekommen war, lastete auf ihm, und Par wurde von widersprüchlichen Gefühlen bedrängt. Was sollte er jetzt tun? Was war, wenn Coll wirklich fort war?
Der Sonnenaufgang kam als ein tiefes, rotes Glühen im Osten herauf, wurde aber überschattet von einer Wolkenansammlung im Westen. Die Wolken rollten über den Horizont und kamen auf Callahorn zu wie eine Wand. Das Tageslicht war fahl und schwach, und die Luft wurde totenstill. Par erhob sich und brach erneut auf. Er eilte am Fluß entlang gen Süden und suchte noch immer nach seinem Bruder. Er war müde und entmutigt und nahe daran, endgültig aufzugeben. Er fragte sich noch immer, was er tat, ob er einem Geist nachjagte, ob er ein Schattenwesen jagte, ob er vorgeführt wurde wie ein stummes Tier. Woher wußte er, daß es wirklich Coll war? Vielleicht hatte Damson recht. War es nicht denkbar, daß das Schattenwesen ihn in irgendeiner Weise getäuscht hatte? Was war, wenn Felsen-Dall ihn mit dem Schwert betrogen hatte oder seine Magie so verändert hatte, daß es ihn täuschte? Angenommen, dies alles war nur eine Art wohldurchdachter Falle. Wie konnte er das feststellen?