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Nach einer Weile gab er alles Denken auf, denn es gab nichts mehr, was er nicht bereits erwogen hatte, und es hatte keinen Sinn, daß er sich verausgabte. Er ging einfach weiter und folgte dem Fluß, der sich südwärts durch die Hügellandschaft wand. Mechanisch untersuchte er den Boden, und in seinem Innern begann sich alles in schwarzem Schweigen zu verschließen.

Im Westen verdunkelten sich plötzlich die herannahenden Wolken und ein heftiger Wind eilte ihnen warnend voraus. Vögel flogen schreiend in die Berge im Osten.

Vor ihm, nur wenige Meilen flußabwärts, tauchte die Südwache auf, deren schwarzer Obelisk sich von dem Horizont abhob. Par beobachtete, wie sie ständig größer wurde, während er sich ihr näherte, eine Festung, die dem herannahenden Sturm standhielt. Sein Blick glitt über ihre Mauern und Türme, während er sich einer Ansammlung von Bäumen und Felsen näherte, um dort Deckung zu finden. Nichts zeigte sich. Nichts bewegte sich.

Und dann stieß er plötzlich und unerwartet erneut auf Colls Spur. Er fand sie am Ufer des Flusses, mindestens sieben oder acht Meilen südwärts der Stelle, wo Coll verschwunden war. Er war sich sicher, daß es Coll war, bevor er noch einen Schuhabdruck gefunden hatte, der ihm dies bestätigte. Die Spur führte westlich in die Berge und in den aufkommenden Sturm hinein.

Aber die Spur war bereits Stunden alt. Coll war gestern ans Ufer gekommen und sofort weitergegangen. Par lag mindestens einen Tag zurück.

Dennoch begann er der Spur zu folgen. Er war dankbar, daß er überhaupt eine Spur gefunden hatte und erleichtert, daß sein Bruder noch lebte. Mühsam schleppte er sich vom Fluß landeinwärts. Das Licht schwand jetzt schnell, als sich der Sturm näherte, die Luft wurde glänzend und feucht, und die Gräser peitschten wild gegen seine Beine. Wolken tobten aufgewühlt über ihm und füllten den Himmel vollständig aus. Par schaute zurück zu der Stelle, von der aus er die Südwache zuletzt gesehen hatte, aber der Turm der Schattenwesen war in der Dämmerung verschwunden.

Regen begann in dicken Tropfen zu fallen, sie trafen erst kühl auf seiner erhitzten Haut auf, dann aber bald stechend, als der Wind scharf herabfegte und sie ihm ins Gesicht blies.

Nur Momente später hatte er den Kamm eines Hügels überschritten und sah Coll.

Sein Bruder lag bewegungslos mit dem Gesicht nach unten auf einem Fleck staubigen Grases unter einer kahlen, sturmgeschüttelten Eiche, die in einem flachen Tal aufragte. Auf den ersten Blick schien er tot zu sein. Par eilte mit schmerzendem Herzen vorwärts. Nein, war alles, was er denken konnte. Nein. Dann sah er, daß Coll sich rührte, sah, wie er seinen Arm leicht bewegte und seine Lage veränderte. Ein Bein folgte, wurde hochgezogen, dann wieder heruntergenommen. Coll war nicht tot, er war nur erschöpft. Er hatte sich völlig verausgabt.

Par kam von dem Hügel herab in die Gewalt eines Sturms, der heulte und sich aufbäumte, während er aus dem alles umhüllenden Schwarz herausschoß. Der Klang seiner Schritte wurde von einem Schrei übertönt. Er senkte den Kopf und stolperte vorwärts. Coll war wieder ruhig geworden. Er hörte Par nicht. Par würde ihn erreichen, bevor Coll wußte, daß er da war.

Und was dann, fragte Par sich plötzlich. Was würde er dann tun?

Er griff wohlüberlegt über seine Schulter und zog das Schwert von Shannara aus der Scheide. Irgendwie mußte er eine Möglichkeit finden, die Magie des Talismans erneut heraufzubeschwören und seinen Bruder festzuhalten, um sich seinen Weg zu ihm hindurch bahnen zu können und ihn zu zwingen, die Wahrheit zu sehen, den Umhang der Schattenwesen zu zerreißen und ihn zu seinem eigenen Besten zu befreien.

Zumindest hoffte er, daß das gelänge. Er atmete den Geruch und den Geschmack des Sturms ein. Jetzt würde er seine Gelegenheit bekommen. Coll war sicherlich nicht mehr so stark wie zuvor. Und er selbst würde nicht unvorbereitet sein.

Als er sich Coll näherte, unter die windgepeitschten, skelettartigen Zweige der Eiche gelangte, polterte ein Donnern – das erste dieses Sturms – aus dem Schwarz. Coll schrak bei seinem Klang hoch, rollte sich auf den Rücken und schaute nach oben in das Gesicht seines Bruders.

Par blieb verunsichert stehen. Coll sah ihn aus den Schatten der samtschwarzen Kapuze des Spiegeltuchs heraus an, doch seine Augen waren leer und ohne Verstehen. Eine Hand hob sich schwach, um den Umhang enger um den zusammengekauerten Körper zu ziehen. Er wimmerte und zog seine Knie hoch.

Par hielt den Atem an und näherte sich Coll noch einen Schritt und noch einen. Der Wind fuhr gegen ihn, fuhr unter seine Kleidung und peitschte sein Haar von einer Seite zur anderen. Er hielt das Schwert von Shannara so ruhig, wie er konnte, an seinen Körper gepreßt, konnte es jetzt aber nicht mehr verbergen und hoffte, daß Coll sich nicht nur darauf konzentrierte.

Ein gezackter Blitzstrahl schoß über den Himmel, gleich gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag, der von Horizont zu Horizont widerhallte.

Coll kam auf die Knie. Seine Augen waren vor Erschrecken weit aufgerissen. Eine Sekunde lang lockerten seine Hände ihren Griff um den Umhang, ließen ihn zurückfallen, und sein Gesicht nahm fast wieder sein altes Aussehen an. Coll Ohmsford war auf einmal wieder da, schaute zu seinem Bruder herüber, als sei er niemals fortgewesen. Erkennen lag in seinem Gesicht, eine wie betäubte, dankbare Erleichterung, die Schmerz und Verzweiflung beseitigte. Par spürte eine Woge der Hoffnung in sich aufsteigen. Er wollte seinen Bruder rufen und ihm versichern, daß alles wieder gut würde. Er wollte ihm sagen, daß er jetzt in Sicherheit war.

Aber im nächsten Moment war Coll fort. Sein Gesicht verschwand wieder in dem Schattenwesen, das von dem Spiegeltuch geschaffen worden war, und ein verzerrtes, verschlagenes Gesicht nahm seinen Platz ein. Mit entblößten Zähnen kauerte sich sein Bruder zusammen und knurrte.

Er wird erneut fliehen, dachte Par bekümmert.

Aber statt dessen eilte Coll auf ihn zu. Er war aufgesprungen und hatte die Entfernung zwischen ihnen überwunden, fast bevor Par zur Abwehr das Schwert von Shannara heben konnte. Colls Hände schlössen sich über Pars, packten das Heft des Schwerts und zogen daran, um es freizubekommen. Par hielt es fest. Er wankte vor und zurück, während er mit seinem Bruder um die Kontrolle über die Klinge kämpfte. Unterdessen strömte Regen auf sie herab, ein Wolkenbruch von solcher Wildheit, daß Par fast nichts mehr sehen konnte. Coll kämpfte aufrecht gegen ihn und drängte sich so nahe heran, daß Par den Herzschlag seines Bruders spüren konnte. Ihre Hände waren über ihren Köpfen ineinander verschlungen, während sie an dem Schwert zogen, es hierhin und dorthin schwangen, daß das Metall naß glitzerte.

Ein Blitz traf im Norden mit einem Aufflammen intensiven Lichts, dem ein gewaltiger Donnerschlag folgte. Der Boden wurde erschüttert.

Par versuchte, die Magie des Schwerts anzurufen, aber er konnte es nicht. Sie war zuvor ziemlich leicht hervorgekommen – warum rührte sie sich jetzt nicht? Er versuchte an dem Wahnsinn seines Bruders vorbeizukämpfen, an dem Zorn seines Angriffs vorbei. Er versuchte, seine Angst auszuschließen, daß nichts helfen würde, daß die Macht geheimnisvoll wieder verloren worden war. Über das rutschige, windgepeitschte Gras hinweg kämpften die Ohmsfordbrüder und stritten um den Besitz des Schwerts von Shannara. Ihr Stöhnen und Schreien ging im Geräusch des Sturms unter. Wieder und wieder versuchte Par erfolglos, die Magie heraufzubeschwören. Verzweiflung packte ihn. Er würde auch diesen Kampf verlieren, denn Coll war größer als er, und seine Größe und sein Gewicht würden ihn überwältigen. Schlimmer noch, sein Bruder schien stärker zu werden, während seine eigene Kraft nachließ. Coll war ihm vollständig überlegen, trat und kratzte und kämpfte, als sei er völlig wahnsinnig geworden.

Aber Par wollte nicht aufgeben. Er klammerte sich verzweifelt an das Schwert und war entschlossen, es um keinen Preis loszulassen. Er ließ sich von seinem Bruder zurückschieben, ließ sich rücksichtslos abdrängen, ließ sich hierhin und dorthin stoßen und hoffte dabei, daß die Anstrengung Coll ermüden würde, so daß er langsamer wurde, daß sie ihn soweit schwächen würde, daß er eine Möglichkeit finden konnte, Coll bewußtlos zu schlagen. Wenn ihm das gelang, hatte er vielleicht eine Chance.