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Schnell und erschreckend flammten erneut Blitze auf. In ihrem kurzen Aufleuchten erblickte Par einen Moment lang schattenhafte Gestalten, die sich auf dem Hügel über dem Tal versammelten. Es waren Dutzende, und alle waren verzerrt und gekrümmt und gebeugt, und ihre Augen schimmerten wie Blut.

Dann waren sie wieder fort, von der dunklen Sturmnacht verschluckt. Verwirrt blinzelte Par den Regen fort, der ihm in die Augen lief und versuchte, hinter Colls kämpfender Gestalt etwas zu erkennen. Was hatte er gerade dort draußen gesehen? Erneut flammte ein Blitz auf, gerade als Coll wie wild zuschlug und ihn auf das nasse Gras warf. Dieses Mal sah er nichts, sondern kämpfte darum, den Atem in seinen Lungen zu halten, als er auf dem Boden auftraf. Coll warf sich heulend auf Par, aber der nutzte den Schwung seines Bruders gegen ihn selbst, indem er den anderen über seinen Kopf schleuderte und sich freiwand. Benommen stand er auf und sah sich suchend um. Die Dunkelheit war so dicht, daß er kaum die verwüstete Eiche sehen konnte. Und von dem Hügel war überhaupt nichts zu sehen.

Coll griff ihn erneut an, aber dieses Mal war Par vorbereitet. Er durchbrach die Abwehr des anderen und schlug Coll mit dem Schwertheft fest auf den Kopf. Coll fiel wie betäubt auf die Knie und tastete suchend vor sich in der Luft, als greife er nach etwas, was nur er sehen konnte. Rote Tropfen liefen sein Gesicht von der Stelle hinab, an der der Schlag seine Haut hatte aufplatzen lassen. Es war Blut, das ausströmte und sich hellrot färbte, als es sich mit dem Regen vermischte. Seine Gesichtszüge begannen sich zu verändern, er verlor das Aussehen eines Schattenwesens und wurde wieder menschlich. Zitternd vor Verzweiflung und Erschöpfung wollte Par zuschlagen, aber er hielt inne, als er sah, wie sich der Blick des anderen plötzlich fragend auf ihn richtete.

Es war sein Bruder, der ihn ansah. Es war Coll.

Er fiel in dem nassen Gras und Schlamm auf die Knie und sah Coll an. Die Lippen seines Bruders bewegten sich, doch die Worte, die er sprach, gingen im Heulen des Windes und im Regen verloren. Er zitterte vor Kälte, begann unter der schimmernden Decke des Spiegeltuchs langsam den Kopf zu schütteln und wand sich in den dunklen Falten, als sei es das Schwerste, was er jemals hatte tragen müssen. Coll. Par sprach seinen Namen aus. Colls Hände hoben sich, packten die Falten seines Umhangs, zerrten daran und fielen dann hinab. Coll.

In dem verzweifelten Versuch, seinem Bruder zu helfen, bevor die Chance vertan war, stieß Par das Schwert von Shannara in die Erde und griff daran vorbei nach Colls Händen. Coll widersetzte sich nicht, aber seine Augen waren noch immer leer und stumpf. Par führte Colls Hände zum Knauf des Schwerts, legte die kalten zitternden Finger an ihren Platz und hielt sie mit seinen eigenen Händen zusätzlich fest. Bitte, Coll. Bitte bleib bei mir. Coll sah ihn an, sah ihn wirklich und schaute doch gleichzeitig durch ihn hindurch. Das Schwert von Shannara verband sie und hielt sie fest, hielt ihre Finger ineinander verschlungen, gegen die in das Heft eingeschnitzte erhobene Fackel und gegeneinander gepreßt.

Par sah in der regenüberströmten Oberfläche der Klinge, welche Verwirrung sich in seinem Gesicht spiegelte. »Coll!« schrie er.

Die Augen seines Bruders öffneten sich ruckartig. Bitte laß die Magie kommen, betete Par. Bitte!

Colls Blick war auf ihn gerichtet und suchte nach mehr.

»Coll, hör mir zu! Par! Dein Bruder Par!«

Coll blinzelte. Eine Spur des Erkennens war zu sehen. Ein helles Schimmern. Unter seinen eigenen Händen konnte Par fühlen, wie sich Colls Finger um das Schwertheft krampften.

Coll!

Licht flackerte schnell und blendend die Länge der glatten Klinge hinab, eine weiße Raserei, die im Handumdrehen alles umhüllte. Feuer folgte kühl und strahlend, während es aus dem Schwert in Pars Körper brannte. Er spürte, wie es sich ausbreitete und wirkte, ihn aus sich hinaus und in den Talisman hineinzog, wo er Coll wartend vorfand und dann mit ihm zu einer Einheit verbunden wurde. Er spürte, wie er sich durch das Metall hindurch und wieder hinaus zu irgendeinem weit dahinterliegenden Ort bewegte. Die Welt, aus der er herausgezogen worden war, verschwand – die Nässe und der Schlamm, die Dunkelheit und die Geräusche. Es gab Reinheit, und es gab Stille. Es gab nichts anderes.

Da waren nur Coll und er selbst. Nur sie beide.

Auf einmal wurde er sich der schimmernden, schwarzen Fläche des Spiegeltuchs bewußt, das Kopf und Schultern seines Bruders umhüllte und sich wand wie eine Schlange. Der Umhang lebte. Er wand sich hierhin und dorthin und wehrte sich heftig gegen das Ziehen von etwas Unsichtbarem, von etwas, das es zu zerreißen drohte.

Par konnte es zischen hören.

Das Schwert von Shannara. Die Magie des Schwerts.

Er ließ seine Gedanken tief in den Geist seines Bruders hineinfließen, hinunter in die Dunkelheit, die sich dort breitgemacht hatte und jetzt darum kämpfte, bleiben zu können. Hör mir zu, Coll. Lausche der Wahrheit. Er zwang den Geist seines Bruders, sich zu öffnen und schlug die Magie der Schattenwesen, die er dort wartend vorfand, zurück, ungeachtet seiner eigenen Sicherheit, nur getrieben von dem Bedürfnis, seinen Bruder zu befreien. Die Magie des Schwerts beschützte und unterstützte ihn. Hör mir zu. Seine Stimme drang wie eine Peitsche in den Geist seines Bruders. Er sammelte seine Worte und gab ihnen Gestalt und Form, Bilder, die der Intensität des Wunschgesangs entsprachen, wenn der die Geschichten der dreihundert vergangenen Jahre erzählte. Die Wahrheit, wer und was er geworden war, stürmte auf Coll ein, wurde weder verlangsamt noch abgelenkt, als sie in ihn hineinfloß. Coll sah, wie er zugrunde gerichtet worden war. Er sah, was der Umhang ihm angetan hatte. Er sah, wie er gegen seinen Bruder aufgehetzt worden war, wie er gesandt worden war, um eine düstere Absicht zu erfüllen, deren sich keiner von ihnen bewußt war. Er sah alles, was durch die Magie der Schattenwesen so sorgfältig verborgen worden war.

Er sah auch, was notwendig war, um sich davon zu befreien.

Die Qual dieser Enthüllungen war intensiv und eindringlich. Par konnte sie durch seinen Bruder hindurchhallen spüren, und Wogen dieser Qual wurden auf ihn selbst zurückgeworfen. Das Leben seines Bruders wurde vor ihm bloßgelegt, eine strenge und unerbittliche Reihe von Wahrheiten, die ihn bis ins Mark trafen. Par kämpfte gegen seinen Schrecken und seinen Schmerz an und stellte sich ihnen unerschütterlich entgegen, weil es für seinen Bruder notwendig war, daß er ungebeugt blieb. Er konnte Colls stummen Schrei der Qual darüber, was ihm offenbart wurde, hören und sah diese Qual in Colls Augen gespiegelt. Diese Erfahrung war tief und hart. Er wandte sich nicht ab. Er wurde nicht weich. Die Wahrheit war das weiße Feuer des Schwerts von Shannara, das brannte und reinigte und das ihre einzige Hoffnung war.

Coll wich zurück und schrie auf einmal, und das Geräusch brachte sie aus der weißen Stille heraus in die Schwärze zurück, in den heulenden Zorn des Sturms, wo sie beide in Schlamm und Gräsern unter der uralten Eiche knieten, während sich über ihnen dunkle, aufgewühlte Wolken auftürmten. Eine wirbelnde, verschwommene Düsternis war überall um sie herum zu spüren, als wäre das letzte bißchen Tageslicht ausgelöscht worden. Regen blies in ihre Gesichter, so daß sie nicht mehr sehen konnten als jeweils einen Schimmer des anderen, während sie vereint die schimmernde Länge des Schwerts umklammerten. Hell und versengend schössen Blitze heran, und dann brach der Donner mit ungeheurer Wucht herein.

Coll Ohmsfords Hand wand sich von dem Schwert frei und zog damit auch Pars Finger fort. Coll erhob sich mit einem Ausdruck der Betroffenheit auf dem Gesicht. Aber Par sah sein Gesicht, das Gesicht seines Bruders, und nichts von der Schauerlichkeit der Schattenwesen, die es hatten beanspruchen wollen. Coll griff hastig hinter sich und löste das Spiegeltuch. Er riß es fort und warf es zu Boden. Der Spiegeltuch landete inmitten der Nässe und des Schmutzes und begann sofort zu dampfen. Es erschauerte und wand sich und begann dann Blasen aufzuwerfen. Grüne Flammen entsprangen seinen schimmernden Falten und brannten lichterloh. Das Feuer breitete sich unerbittlich aus, und innerhalb von Sekunden war das Spiegeltuch zu Asche zerfressen.