Par stand mühsam auf und sah seinen Bruder an, sah in Colls Augen, wonach er gesucht hatte. Coll war zu ihm zurückgekehrt. Das Schwert von Shannara hatte ihm die Wahrheit über das Spiegeltuch offenbart: daß es von Schattenwesen verhext worden war, daß es geschaffen worden war, um ihn zu zerrütten, daß die einzige Möglichkeit, sich jemals davon zu befreien, darin bestand, den Umhang abzulegen und fortzuwerfen. Das alles hatte Coll getan. Das Schwert hatte ihm die Kraft dazu gegeben.
Aber selbst in diesem Moment freudigster Erregung, als der Kampf gewonnen und Coll zu ihm zurückgekehrt war, spürte Par, wie sich etwas Quälendes in ihm rührte. Es hätte mehr dort sein sollen, flüsterte eine Stimme. Die Magie hätte mehr tun können. Erinnerst du dich an die Geschichten von vor fünfhundert Jahren? Erinnerst du dich an den ersten Ohmsford? Erinnerst du dich an Shea? Die Magie hatte für Shea etwas anderes getan, als er sie angerufen hatte. Sie hatte ihm die Wahrheit über sich selbst gezeigt, hatte zuerst alles offenbart, was er zu verbergen, zu verschleiern versucht hatte. Was er vergessen wollte, und was er für nicht existent erklärt hatte. Es hatte Shea Ohmsford die Wahrheit über sich selbst gezeigt, die härteste Wahrheit von allen, damit der in der Lage war, danach jede andere Wahrheit zu ertragen, die verlangt wurde.
Warum war ihm selber nichts von dieser Wahrheit gezeigt worden? Warum hatte alles nur Coll allein betroffen?
Blitze flammten erneut auf, und Pars Gedanken ließen die Bewegung der dunklen Gestalten auf den Hügeln um sie herum ein, Gestalten, die dieses Mal so deutlich sichtbar waren, daß kein Irrtum darüber möglich war, was sie waren. Par wandte sich um, sah sie zusammengekauert, verzerrt und dunkel überall warten und sah ihre roten Augen glühen. Er spürte, wie Coll näher herankam, spürte, wie sein Bruder seinen Rücken schützte. Coll sah sie jetzt auch.
Eine seltsame Mischung aus Verzweiflung und Zorn überwältigte Par Ohmsford. Die Schattenwesen hatten sie gefunden.
Bald darauf stieg Felsen-Dall von den Hügeln herab. Seine groben, harten Gesichtszüge hoben sich dem Regen entgegen, doch seine Augen blieben so kalt wie Stein und so rot wie Blut. Ein Dutzend Schritte vor ihnen blieb er stehen. Wortlos hob er seine behandschuhte Hand und winkte. Die Geste sagte alles. Sie mußten mit ihm kommen. Sie gehörten ihm. Sie waren jetzt sein Eigentum.
Par hörte die Stimme des Ersten Suchers in seinem Geist, hörte sie so deutlich, als hätte der andere gesprochen. Er schüttelte kurz den Kopf. Er würde nicht mitkommen. Weder er noch Coll. Niemals wieder.
»Par«, hörte er seinen Bruder sanft seinen Namen aussprechen. »Ich bin bei dir.«
Ein plötzliches Kratzen der Klinge erklang, als Coll das Schwert von Shannara langsam aus der Erde zog. Par sah sich um. Coll hielt den Talisman in beiden Händen und wandte sich den Schattenwesen zu.
Wild entschlossen, daß nichts sie wieder trennen sollte, rief Par Ohmsford die Magie des Wunschgesangs herauf. Sie reagierte sofort, denn sie war bestrebt, freigelassen zu werden, war eifrig bedacht, eingesetzt zu werden. Es war etwas Erschreckendes in der unersättlichen Intensivität ihres Kommens. Par erschauerte unter den Gefühlen, die sie durch ihn hindurchsandte, unter dem Hunger, den sie in ihm auslöste. Er mußte sie kontrollieren, warnte er sich, und begann zu zweifeln, daß ihm das gelingen würde.
Über die sie trennende Dunkelheit hinweg konnte Par FelsenDall lächeln sehen. Überall auf den Graten der Hügel konnte er die Schattenwesen herabsteigen sehen, hörte das Kratzen von Klauen und durch das schnelle Heulen des Windes das Knirschen der Zähne und sah das Schimmern roter Augen, die den Regen zum Dampfen brachten. Wie viele waren es, fragte er sich. Zu viele. Sogar für die lebhafte Magie des Wunschgesangs zu viele. Verzweifelt sah er sich um und suchte nach einer Stelle, an der sie durchbrechen konnten. Sie würden irgendwann davonlaufen müssen. Sie würden versuchen müssen, den Fluß oder die Wälder zu erreichen, irgendeinen Ort, an dem sie eine Chance hatten, sich zu verbergen.
Als ob es einen solchen Ort gäbe! Als ob es überhaupt eine Chance für sie gäbe!
Vor Zorn überschäumend sammelte sich die Magie als weißes Glühen in seinen Fingerspitzen. Par spürte, wie sich Coll an ihn drängte, und sie standen Rücken an Rücken den Schattenwesen gegenüber, deren Kreis sich um sie schloß.
Blitze flammten auf, und Donner rollte durch die Dunkelheit und prallte in das Tosen des Windes. In der Ferne schwankten Bäume, und Blätter, die von ihren Zweigen gerissen worden waren, und zerstreuten sich wie erschreckte Gedanken. Lauf, dachte Par. Lauf jetzt, solange du es noch kannst.
Und dann flammte am Fuß der uralten Eiche ein Licht auf, eine sichere und stetige Helligkeit, die aus der Luft zu wachsen schien. Sie drang in die Dunkelheit vor, schwang sanft hin und her, und drang durch den Vorhang aus Regen doch kaum mehr als das Flackern einer Kerze. Die Bewegung der Schattenwesen gefror in der Stille. Der Wind wurde zu einem dumpfen Wehen. Par sah, wie das Lächeln von Felsen-Dalls Gesicht verschwand. Der Blick aus seinen kalten Augen wanderte zu der Stelle, von der her sich das Licht näherte, wo es allmählich die kleine, schmale Gestalt preisgab, die das Licht mit sich führte.
Es war ein Junge, der eine Lampe trug.
Der Junge kam auf Par und Coll zu, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. Er hielt die Lampe vor sich, um den Weg zu beleuchten. Seine Augen waren dunkel und eindringlich, das Haar feucht an die Stirn geklebt und die Gesichtszüge glatt und eben und ruhig. Par spürte die Magie des Wunschgesangs vergehen. Er fühlte sich von diesem Jungen nicht bedroht. Er hatte keine Angst. Er schaute eilig zu Coll hinüber und sah Verwunderung in den dunklen Augen seines Bruders.
Der Junge erreichte sie und blieb stehen. Er hatte für die Monster, die in der Dunkelheit außerhalb des Lichtkreises seiner Lampe unheilvoll knurrten, keinen einzigen Blick übrig. Seine Augen blieben fest auf die Brüder gerichtet.
»Ihr müßt jetzt mit mir kommen, wenn Ihr in Sicherheit gebracht werden wollt«, sagte er ruhig.
Felsen-Dall erhob sich wie ein dunkler Geist, warf den Schutz seiner Gewänder ab, so daß seine Arme frei waren, und der schwarze Handschuh wurde sichtbar, als sollte er das Licht fortziehen. »Du gehörst nicht hierher!« zischte er mit seiner unbewegten Stimme. »Du hast hier keine Macht!«
Der Junge wandte sich ein wenig ab. »Ich habe Macht, wo immer ich es will. Ich bin der Träger des Lichts der Welt, jetzt und für immer.«
Felsen-Dalls Augen glühten. »Deine Magie ist alt und verbraucht! Verschwinde, solange du es noch kannst!«
Par schaute von einem Gesicht zum anderen. Was ging hier vor? Wer war dieser Junge?
»Par!« hörte er Coll seufzen.
Und er sah, wie sich der Junge plötzlich in einen alten Mann verwandelte, der zerbrechlich und vom Alter gebeugt war und die Lampe weit von sich hielt, als könnte sie ihn verbrennen.
»Und deine Magie«, flüsterte der alte Mann Felsen-Dall zu, »ist gestohlen und wird dich schließlich verraten.«
Er wandte sich erneut an Par und Coll. »Kommt jetzt, laßt uns fortgehen und habt keine Angst. Es gibt kleine Dinge, die ich noch immer für Euch tun kann, und dies ist eines davon.« Aus faltigem Gesicht musterte er sie. »Ihr habt doch keine Angst, nicht wahr? Vor einem alten Mann? Vor einem alten Freund so vieler Mitglieder eurer Familie? Kennt Ihr mich? Ihr kennt mich, nicht wahr? Natürlich. Natürlich kennt Ihr mich.« Er streckte eine Hand aus und streifte sie. Seine Haut fühlte sich an wie altes Papier oder trockene Blätter. Und irgend etwas funkelte, während er dies tat. »Sprecht meinen Namen aus«, sagte er.