Inzwischen schritt die gewaltige Aufgabe, die Elfenarmee auszurüsten und mit Proviant zu versorgen, unter der Leitung von Barsimmon Oridio voran. Wren ging dem alten Soldaten aus dem Weg. Sie war zufrieden, daß er eifrig mit etwas beschäftigt war, anstatt sie auszufragen. Ohne daß jemand anderes es hören konnte, informierte sie Triss, daß sie ein großes Kontingent der Bürgerwehr auf ihrer Reise dabeihaben wollte, und Tiger Ty, daß sie zudem ein Dutzend Flugreiter an ihrer Seite brauchte. Diese beiden Streitmächte sollten unter ihrem persönlichen Kommando stehen. Es war gut, eine Taktik für den Kampf auf dem Schlachtfeld von Männern wie Bar ersinnen zu lassen, aber eine größere Konfrontation war das letzte, was sie wollte. Sie hatte die Angelegenheit sehr sorgfältig durchdacht. Ständige Belästigungen und Verfolgung, so daß sich der Marsch der Angreifer verzögerte, so hatte sie es dem Konzil gesagt – und das war etwas, was die Elfen zu erreichen hoffen konnten. Garth hatte sie alles gelehrt, was es über diese Art des Kämpfens zu wissen gab. Sie hatte dem Konzil nichts davon gesagt, aber die Woche, die nötig war, um die Elfenarmee zu versammeln, konnte sich als zu große Verzögerung erweisen. Die Vorhut war in Wahrheit einfach ein Schild, der es ihr ermöglichen würde, schneller zu handeln. Die Föderationsarmee mußte jetzt aufgehalten werden. Sofort. Unkonventionelle Taktiken waren dafür nötig, und die Bürgerwehr und die Flugreiter waren für diese Aufgabe hervorragend geeignet.
Am Morgen des dritten Tages brach sie mit einer Streitmacht auf, die aus wenig mehr als tausend Mann bestand – aus achthundert Infanteristen, die sich überwiegend aus Bogenschützen zusammensetzten, und dreihundert Kavalleristen, aus einhundert Angehörigen der Bürgerwehr unter dem Kommando von Triss und einem Dutzend Flugreiter, wie sie es von Tiger Ty gefordert hatte. Die Flugreiter wurden von einem erfahrenen Veteran namens Erring Rift angeführt, aber Tiger Ty war auch dabei, denn er hatte darauf bestanden, daß niemand außer ihm die Königin gen Himmel führen sollte, wenn sie den Wunsch äußern sollte, weitere Erkundungen zu unternehmen. Barsimmon Oridio hatte einen hageren Veteran namens Desidio dazu ernannt, die Expedition anzuführen. Wren kannte ihn als zuverlässig, zäh und klug. Es war eine gute Wahl. Desidio war erfahren genug, um tun zu können, was getan werden mußte, aber er würde auch nicht mehr tun. Das war für Wren in Ordnung. Die Bürgerwehr unterstand ihr, und die Flugreiter waren unabhängig und konnten folgen, wem immer sie wollten. So waren ihre Kräfte sehr ausgewogen.
Die Tatsache, daß sie überhaupt mitziehen wollte, war ein Streitpunkt unter den Verwaltern gewesen, aber sie hatte vom ersten Abend an klargemacht, daß eine Elfenkönigin immer die Führung übernehmen muß, wenn sie erwarten will, daß irgend jemand ihr folgt. Sie hatte von Anfang an die Absicht gehabt, mit dem Heer hinauszuziehen, daran hatte sie die Verwalter erinnert, und es gab keinen Grund, damit zu warten. Sie hatte ein Leben damit verbracht, zu lernen, wie man überlebt, und sie besaß die Macht der Elfensteine, die sie beschützen würde. Sie hatte weniger Grund denn je, sich Sorgen zu machen. Und sie hatte nicht die Absicht, Ausreden zu ersinnen.
Schließlich setzte sie sich durch, denn es war niemand darauf vorbereitet, in dieser Angelegenheit gegen sie anzutreten. Einige, so dachte sie wenig liebevoll, als sie den düsteren Ausdruck auf den Gesichtern von Jalen Ruhl und Perek Arundel sah, hofften vielleicht sogar, daß ihre außergewöhnliche Beharrlichkeit ihr endlich zum Schaden gereichen würde.
Sie überließ Eton Shart die Verantwortung für das Konzil und die Stadt. Die Verwalter würden ihm nicht in die Quere kommen, und die Elfen kannten und respektierten ihn. Er würde sich auf jede notwendige Art entscheiden können, und sie vertraute darauf, daß er wissen würde, was zu tun wäre. Ihr erster Verwalter war vielleicht noch nicht völlig davon überzeugt, daß sie die Königin war, die ihr Volk brauchte, aber er hatte ihr Unterstützung zugesagt, und sie glaubte nicht, daß er dieses Versprechen brechen würde. Bei den anderen war sie sich weniger sicher, obwohl Fruaren Laurel ihr jetzt gewogen zu sein schien. Eton Shart jedenfalls würden sie alle die Treue halten.
Barsimmon Oridio kam, um sie zu verabschieden, erklärte, er werde in wenigen Tagen folgen, und erinnerte sie an ihr Versprechen, auf ihn zu warten. Sie lächelte und zwinkerte ihm zu, was ihn so zermürbte, daß er davonstolzierte. Sie war sich bewußt, daß Triss mit steinernem Gesicht an ihrer Seite saß, und Desidio sie von der anderen Seite her heimlich betrachtete. Tiger Ty war bereits aufgebrochen. Er war bei Tagesanbruch mit Spirit davongeflogen, um den augenblicklichen Aufenthaltsort der Föderation zu erkunden. Die restlichen Flugreiter würden bei Sonnenuntergang aufbrechen, um sich in ihrem Lager in der Nähe des Rhenn mit ihnen zu treffen. Die Elfenjäger zogen unter dem Winken und Hurrarufen der Stadtbewohner hinaus. Jung und Alt, alle waren herabgekommen, um sie zu verabschieden. Banner und Bänder wurden geschwenkt und gute Wünsche gerufen. Wren sah sich zweifelnd um. Es fühlte sich alles sehr seltsam an. Ihr Aufbruch wurde von fröhlicher Festtagsstimmung begleitet, und er verriet nichts von Verletzungen und Tod, die unweigerlich folgen würden.
Sie schritten an diesem ersten Tag schnell voran, liefen auf dem engen Pfad weit auseinandergezogen, um sich nicht gegenseitig zu behindern. In regelmäßigen Abständen verteilten sich Fährtensucher im Wald, um vor drohenden Gefahren zu warnen. Sie bewegten sich in ihrem eigenen Land und schenkten daher den Vorsichtsmaßnahmen, die sie anderweitig vielleicht beachtet hätten, weniger Aufmerksamkeit. Wren ritt mit Triss und der Bürgerwehr und wurde vorn und hinten abgeschirmt von Jägern, die sie sorgfältig gegen alles schützten, was vielleicht drohen könnte. Darüber mußte sie lächeln und sie dachte daran, wie anders die Dinge doch gewesen waren, als sie noch eine einfache Fahrende gewesen war. Hin und wieder mußte sie das Verlangen unterdrücken, von ihrem Pferd zu springen und in die kühle, grüne Stille der Bäume hineinzulaufen, zu dem Leben zurückzukehren, aus dem sie gekommen war, zu seinem Frieden zurückzufinden.
Faun hatte sie zu Hause zurückgelassen, eingeschlossen in Wrens Zimmer im zweiten Schloß des Elessedilheimes. Der Streleheim war kein Ort für ein Waldwesen, hatte sie erklärt. Aber der Baumschreier machte sich seine eigenen Gedanken und war nicht immer von dem überzeugt, was Wren für das beste für ihn hielt. Daher war Faun plötzlich da, als die Vorhut am Mittag haltmachte, um sich auszuruhen und die Pferde zu tränken. Er schoß als schwarzer Fleck aus dem dunklen Blätterwerk hervor, um sich auf seine verblüffte Herrin zu stürzen. Innerhalb von Sekunden hatte sich das kleine Wesen in den Falten von Wrens Reitkleidung verborgen und es sich dort bequem gemacht. Wren zuckte nur die Achseln und akzeptierte, was sie offensichtlich nicht würde ändern können.
Die späte Sommerhitze war stickig und feucht, und am Ende des Tages waren Männer und Pferde gleichermaßen verschwitzt. Sie lagerten mehrere Meilen vom Rhenn entfernt auf einer geschützten Lichtung zwischen Eichen und Hickorybäumen, nahe an einem Fluß und einem Teich, so daß sie sich waschen und trinken, aber auch in die Schatten und die Verborgenheit des Waldes zurückweichen konnten. Desidio sandte eine Patrouille von Reitern auf den Paß vor ihnen, um sicherzustellen, daß alles in Ordnung war, und setzte sich dann mit Wren und Triss zusammen, um darüber zu beraten, wie sie weiter vorangehen wollten. Tiger Ty würde bei seiner Rückkehr Neuigkeiten über den Standort der Föderationsarmee bringen, aber wenn man annahm, daß die Armee noch immer auf dem Vormarsch durch den Tirfing war, würden die Elfen südwärts über die freien Ebenen ziehen und sich dabei darauf verlassen können, daß die Kundschafter verhindern konnten, daß sie in einen Hinterhalt liefen. Sie würden aber auch unter den Bäumen bleiben können, wo sie nicht so leicht zu sehen wären. Wren hörte geduldig zu, sah dann Triss an und erklärte, sie zöge es vor, im Freien weiterzuziehen, damit sie mehr Zeit gewännen. Wenn sie erst einmal in Sichtweite der Föderation gelangt wären, würden sie den Wald als Versteck benutzen, während sie darüber entschieden, was dann als nächstes zu tun sei. Desidio sah sie bei den Worten »entscheiden, was als nächstes zu tun ist«, scharf an, nickte dann aber zustimmend und ging davon.