Sie hatten gerade ihre Mahlzeit beendet, als Tiger Ty staubig und erhitzt und müde durch die Bäume herabschwebte. Er ließ Spirit in einiger Entfernung landen, damit der riesige Rock die Pferde nicht aufstörte, und marschierte dann selbstbewußt zum Lager. Wren und Triss gingen ihm entgegen, um ihn zu begrüßen, und Desidio schloß sich ihnen an. Der Flugreiter gab einen kurzen Bericht über das Wichtigste. Die Föderationsarmee hatte den Mermidon erreicht und bereits begonnen, ihn zu überqueren. Irgendwann morgen würden sie gen Norden weiterziehen können. Sie kamen sehr zügig voran.
Wren nahm die Neuigkeiten mit einem Stirnrunzeln entgegen. Sie hatte gehofft, die Föderierten auf der anderen Seite des Flusses erreichen und dort aufhalten zu können. Aber die Ereignisse schritten schneller voran, als ihr lieb war.
Sie dankte Tiger Ty für den Bericht und schickte ihn fort, um etwas zu essen.
»Ihr denkt, daß die Elfenarmee zu spät eintreffen wird«, sagte Desidio leise, und sein hageres Gesicht war grübelnd verzogen.
Sie nickte. »Sie wird diesen Punkt hier erst in einer Woche erreichen.« Ihre grünen Augen richteten sich auf ihn. »Ich glaube nicht, daß wir die Föderation so nahe an Arborlon herankommen lassen dürfen, bevor wir sie aufzuhalten versuchen.«
Sie sahen einander an. »Ihr habt den Befehlshaber gehört«, sagte Desidio. »Wir müssen auf die Hauptarmee warten.« Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung.
Sie zuckte die Achseln. »Ich habe es gehört. Aber Hauptmann Oridio ist nicht hier. Aber Ihr seid es.«
Die dunklen Brauen hoben sich fragend. »Ihr habt etwas im Sinn, Mylady?«
Sie hielt seinem Blick stand. »Vielleicht. Wäret Ihr bereit zuzuhören, wenn es soweit ist?«
Desidio erhob sich. »Ihr seid die Königin. Ich muß stets zuhören.«
Als er gegangen war, lächelte sie Triss zweifelnd an. »Er weiß, was ich vorhabe, meint Ihr nicht auch?«
Triss bewegte seinen geschienten Arm ein wenig und legte ihn dann wieder bequem an. Am nächsten Tag würde die Schiene abgenommen werden. Triss wartete ungeduldig darauf, daß dies endlich geschah. Er dachte über ihre Frage nach und schüttelte dann den Kopf. »Ich glaube nicht, daß irgend jemand weiß, was Ihr im Sinn habt, Mylady«, sagte er weich. »Darum haben sie Angst vor Euch.«
Sie nahm diese Beobachtung kommentarlos zur Kenntnis. Triss konnte ihr alles sagen. Was sie auf ihrer Flucht von Morrowindl zusammen erlebt hatten, erlaubte es. Ihr Blick schweifte in die Bäume ab. Die Dämmerung breitete in dunklen Teichen Schatten aus, die das Licht auffraßen. Seit Garth gestorben war, stellte sie manchmal fest, daß sie sich fragte, ob sie versuchen würden, auch sie zu verschlingen.
Nur Momente später lenkte das Geräusch von Pferdehufen ihre Aufmerksamkeit wieder dem Lager zu. Die zum Rhenn entsandten Kundschafter waren zurückgekehrt, und sie hatten jemanden mit sich gebracht. Sie kamen donnernd zum Halten, rissen an den Zügeln ihrer schnaubenden, schaumbedeckten Tiere. Die Pferde waren hart geritten worden. Triss stand schnell auf, und Wren ging mit ihm. Die Reiter und der Mann, den sie mitgebracht hatten, waren abgestiegen und bahnten sich ihren Weg durch eine Gruppe von Elfenjägern zu der Stelle, an der Desidio als hagerer Schatten vor dem Feuerschein wartete. Worte wurden ausgetauscht, und dann wandten sich Desidio und der unbekannte Mann um und kamen auf sie zu.
Sie konnte mehr erkennen, als sich die beiden näherten, und sah, daß es keineswegs ein Mann war, der da mit Desidio herankam. Es war ein Junge.
»Mylady«, sagte ihr Hauptmann, als er eintraf. »Ein Bote von den Geächteten.«
Der Junge trat ins Licht. Er war blond und blauäugig und unter der Bräune durch Sonne und Wind sehr hellhäutig. Er war klein und wirkte flink und kompakt, ohne sehr muskulös zu sein. Er lächelte und verbeugte sich eher unbeholfen.
»Ich bin Tib Arne«, verkündete er. »Padishar Creel und die Geächteten haben mich entsandt, um dem Elfenvolk Grüße zu entrichten und ihre Unterstützung in dem Kampf gegen die Föderation anzubieten.« Seine Worte klangen sehr einstudiert.
»Ich bin Wren Elessedil«, erwiderte sie und reichte ihm die Hand. Er nahm sie, hielt sie einen Moment lang unsicher fest und ließ sie dann wieder los. »Wie hast du uns gefunden, Tib?«
Er lachte. »Ihr habt mich gefunden. Ich kam von Westen aus dem Callahorn, um die Elfen zu suchen, aber Ihr habt es mir leicht gemacht. Eure Kundschafter warteten bereits am Eingang des Tales, als ich es betrat.« Er sah sich um. »Es scheint, als wäre ich gerade rechtzeitig angekommen.«
»Welche Art von Hilfe bieten die Geächteten uns an?« fragte sie und ignorierte seine Bemerkung. Er war zu gewitzt.
»Mich, für den Anfang. Ich soll Euer bereiter und williger Diener sein, Euer Verbindungsglied zu den anderen, bis sie ankommen. Die Geächteten versammeln sich in den Drachenzähnen zum Marsch nach Westen. Sie werden innerhalb einer Woche hier sein. Fünftausend oder mehr mit ihren Verbündeten, meine Königin.«
Wren sah, wie Triss die Augenbrauen hob. »Fünftausend Mann stark?« wiederholte sie.
Tib zuckte die Achseln. »So hat man es mir gesagt. Ich bin nur ein Bote.«
»Und ein ziemlich junger noch dazu«, bemerkte sie.
Sein Lächeln kam schnell und selbstsicher. »Oh, nicht so jung, wie ich aussehe. Und ich reise nicht allein. Ich habe Gloon zum Schutz bei mir.«
Wren lächelte zurück. »Gloon?«
Er nickte, steckte dann die Finger in die Mundwinkel und stieß einen schrillen Pfiff aus, der alles andere ringsum zum Schweigen brachte. Sein rechter Arm kam hoch, und jetzt sah Wren, daß er einen dicken Lederhandschuh trug, der ihm bis zum Ellenbogen reichte.
Plötzlich stieß ein Schatten aus der Dunkelheit herab, der noch dunkler war als sie, ein pfeifendes Geräusch und ein Zorn, der durch die Luft schnitt wie ein schwarzer Pfeil. Er landete mit einem hörbaren, dumpfen Schlag auf dem Handschuh des Jungen, die Flügel ausgebreitet und den Kopf schiefgelegt, die Federn gesträubt, daß sie wie Dornen hervorstanden. Wider Willen wich Wren zurück. Es war ein Vogel, aber einer, wie sie noch nie einen gesehen hatte. Er war größer, riesiger als ein Falke oder sogar eine Eule, seine Federn waren schiefergrau mit roter Stirn, und sein Kamm war drohend aufgerichtet. Sein Schnabel war gelb und scharf gebogen, und seine Klauen waren gewaltig groß an seinem Körper, der gedrungen und klotzig wirkte, ganz Sehnen und Muskeln unter den Federn. Der Vogel zog den Kopf zwischen die Schultern wie ein Kämpfer und starrte Wren aus harten, bösartigen Augen an.
»Was ist das?« fragte sie den Jungen und überlegte plötzlich, wo sich Faun verbarg – sie hoffte, daß er sich gut versteckt hielt.
»Gloon? Er ist ein Kampfhaubenwürger, eine Jagdvogelzüchtung, die aus dem Trollgebiet kommt. Ich habe ihn als Baby gefunden und aufgezogen. Und ich habe ihn zur Jagd abgerichtet.« Tib schien stolz auf ihn zu sein. »Er sorgt dafür, daß mir nichts geschieht.«
Wren glaubte ihm. Sie mochte den Anblick des Vogels überhaupt nicht. Sie zwang ihren Blick von ihm fort und richtete ihn auf den Jungen. »Du mußt etwas essen und dich die Nacht über hier ausruhen, Tib«, bot sie ihm an. »Aber solltest du morgen früh nicht zurückgehen und die Geächteten wissen lassen, wo wir sind? Es ist wichtig für uns, daß sie so schnell wie möglich herkommen.«
Er schüttelte den Kopf. »Sie kommen bereits, und nichts, was ich tun kann, würde ihren Marsch beschleunigen. Wenn sie näherkommen, werden sie eine Botschaft senden – einen weiteren Vogel. Dann werde ich Gloon fortschicken.« Er lächelte. »Sie werden uns finden, keine Sorge. Aber ich soll bei Euch bleiben, meine Königin. Ich soll Euch hier dienen.«