»Das werden wir nur einmal tun können.«
Sie lächelte schwach. »Also sollten wir lieber das beste daraus machen, nicht wahr?« Sie sah Desidio an. »Könnt Ihr uns helfen?«
Er sah sie trübselig an. »Was Ihr wissen wollt ist doch, ob ich gegen die Befehle von Hauptmann Oridio handeln werde?« Er seufzte. »Sie sind deutlich, aber andererseits ist einem Befehlshaber auf dem Schlachtfeld ein gewisses Maß an unabhängigem Denken erlaubt. Außerdem habt Ihr recht mit Eurer Beurteilung dessen, was geschieht, wenn wir nichts tun.«
Er sah die anderen an. »Ihr seid alle dabei?« Sie nickten, jeder von ihnen. Dann schaute er erneut zu Wren. »Dann muß ich tun, was ich kann, um Euch vor Euch selbst zu retten, selbst wenn das bedeutet, die Offensive zu ergreifen. Der Hauptmann wird die Logik des Ganzen erkennen, wie ich hoffe. Er weiß, daß ich keine Befehlsgewalt über die Flugreiter oder die Bürgerwehr habe und sicherlich keine über Euch, Mylady.« Er hielt inne und fügte dann trübselig hinzu: »Ich gestehe, ich bin überrascht, wie leicht Ihr mich überzeugen konntet.«
»Die Vernunft hat Euch überzeugt, Truppenführer«, korrigierte sie ihn. »Das ist ein Unterschied.«
Sie sahen einander noch einmal ruhig an. »Ist die Angelegenheit damit geklärt?« fragte Tiger Ty mürrisch.
»Bis auf die Strategie«, erwiderte Wren. »Ich überlasse sie Euch. Aber denkt daran, daß ich Euch begleiten werde. Nein, Tiger Ty, keine Diskussion. Seht Triss an – er macht sich nicht einmal mehr die Mühe, es zu versuchen.«
Der Flugreiter sah sie finster an und verkniff sich jeglichen Einwand, den er gerade hatte vorbringen wollen.
»Wann werden wir beginnen, Mylady?« fragte Erring Rift. Seine schwarzen Augen funkelten.
Wren erhob sich. »Heute nacht natürlich. Sobald sie schlafen.« Sie machte einige Schritte von ihnen fort. »Ich werde mich waschen und etwas essen. Laßt mich wissen, wenn Euer Plan steht.«
Sie lächelte zufrieden über die Stille, die folgte, und schaute nicht zurück.
Der Tag verging und färbte den westlichen Horizont rot und purpurn und die Wolken formierten sich und veränderten sich dann langsam wieder. Die Hitze blieb, als die Sonne verschwand und die Farben verblaßten, und hinterließ eine übelriechende Feuchtigkeit in der windstillen Luft, durch die die Kleidung klebte und die Haut juckte. Die Elfen aßen früh und versuchten dann zu schlafen, aber selbst im Schatten der Wälder war wenig Erleichterung zu finden. Als die Mitternacht herannahte, wurden Desidios Elfen-Jäger geweckt, zogen sich an und bewaffneten sich, bewegten sich dann aus den Bäumen hervor über das Grasland und glitten leise auf die Erhebung im Norden zu, die die schlafende Föderationsarmee überragte.
Wren ging mit ihnen, denn sie wollte sich erst einmal einen Überblick vom Boden aus verschaffen, bevor sie mit den Flugreitern hinaufflog. Sie zog mit einer Abordnung der Bürgerwehr hinaus, die von Desidio und Triss angeführt wurde. Zur Tarnung waren alle in grüne und braune Waldfarben gekleidet und trugen hohe Stiefel, Gürtel und Handschuhe, um sich gegen Dickicht und Gestrüpp zu schützen. Sie trug einen Rucksack, um Faun mitnehmen zu können (der nicht hatte zurückbleiben wollen), und hatte sich einen Lederbeutel um den Hals gebunden, um die Elfensteine nahe bei sich zu haben. Ein Riemen mit langen Messern war um ihre Taille geschlungen, und ein Dolch steckte in einem ihrer Stiefel. Für alles gewappnet, dachte sie. Sie ritten ein kurzes Stück auf die Ebenen hinaus, stiegen dann ab und bahnten sich zu Fuß ihren Weg zu den vordersten Linien der Elfen-Jäger, die in der Dunkelheit kauerten.
Mit Triss und Desidio kroch sie dann allein vorwärts bis zu einer Stelle, von der aus sie auf das Lager der Föderation hinabsehen konnte.
Die Armee war gewaltig. Obwohl sie es mit Tiger Ty aus der Luft gesehen hatte, war sie nicht darauf vorbereitet, wie riesig sie jetzt wirkte. Sie breitete sich in einem Gewirr von Hunderten von Herdfeuern so weit aus, wie man blicken konnte, und überschwemmte die Ebene mit soviel Licht, daß es die Sterne mit ihrer Helligkeit verdrängte. Gespräche und Gelächter schwebten so deutlich herüber, als kämen die Stimmen nur aus wenigen Metern Entfernung heran. Vor dem Himmel zeichneten sich die riesigen Sturmböcke durch den Feuerschein ab, große, skelettartige Massen hölzerner Knochen und eiserner Gelenke, die wie mißgebildete Riesen aufragten. Wagen drängten sich in Gruppen zusammen. Sie waren vollgeladen mit Vorräten und Waffen, und der Geruch von Öl und Pech schwebte auf dem Wind heran. Obwohl es inzwischen nach Mitternacht war, gab es viele, die noch immer nicht schliefen, die von Feuer zu Feuer wanderten, von dem Zusammenklingen von Gläsern und Zinnbechern angespornt, angezogen von dem Rufen und Schreien und dem Versprechen von Getränken und Gesellschaft.
Wren sah Triss an. Die Föderation verhielt sich ganz ungezwungen und war offenbar überzeugt davon, daß ihre Größe und Stärke sie vor jeder Gefahr schützen würde. Sie formte mit ihren Lippen fragend das Wort »Wächter«. Triss zuckte die Achseln, deutete nach links und dann nach rechts und wies auf die Wächter hin, die die Befehlshaber der Föderation aufgestellt hatten. Es waren nur wenige, und sie standen weit verstreut. Sie hatte recht gehabt mit ihrer Vermutung. Die Südländer erwarteten keine Schwierigkeiten.
Sie glitten den Hang wieder hinab, bis sie außer Sichtweite des Lagers waren, erhoben sich dann und gingen durch die Linien der Bogenschützen und Kavalleristen den Weg zurück. Als sie in sicherer Entfernung waren, zog sie Triss und Desidio nah zu sich heran.
»Geht so nahe heran wie möglich, Truppenführer«, flüsterte sie Desidio zu. »Wartet auf die Flugreiter, bevor ihr von hinten angreift. Kümmert Euch um die Feuer, und greift dann an. Die Bogenschützen, gefolgt von der Kavallerie, wie geplant, und dann schnell fort. Geht kein Risiko ein. Laßt sie nicht mehr von Euch sehen, als notwendig. Wir wollen, daß sie ihre Phantasie zu Hilfe nehmen, wenn sie bestimmen, wie viele wir sind.«
Desidio nickte. Er konnte seine Aufgabe besser einschätzen als sie, aber sie war die Königin, und es war nicht an ihm, ihr das zu sagen. Sie lächelte schwach, nahm seine Hand in ihre, um ihre Zuversicht auszudrücken, wandte sich dann mit Triss ab und kroch davon. Die Eskorte wartete bereits, und sie stiegen wieder auf und ritten zurück in die Wälder.
Die Flugreiter und der Hauptteil der Bürgerwehr warteten auf einer Lichtung. Ein Dutzend Körbe waren aus Zweigen geflochten und mit Lederriemen zusammengebunden worden. Jeder war groß genug, um ein Dutzend Männer aufzunehmen. Bewaffnet mit Langbögen und Kurzschwertern kletterten die Elfen-Jäger hinein. Jeder Korb würde von einem Rock auf die Ebenen hinter der Föderationsarmee gebracht werden. Wren eilte zu Tiger Ty, der bereits auf Spirit saß, zog sich hinter ihm hinauf und band die Gurte fest, die sie sicher auf ihrem Platz halten würden. Triss kletterte in einen Korb, der vorn befestigt war. Erring Rift stieß einen leisen Pfiff aus, und einer nach dem anderen erhoben sich die Rocks himmelwärts, die Klauen um Bänder gekrallt, die die Körbe an vier Ecken trugen. Sanft hoben sie diese an, trugen sie vorsichtig von der Erde fort, durch die Bäume hinauf und in den dunkler werdenden Himmel empor.
Der Wind rauschte in kühlen Wogen über Wren Elessedils Gesicht, als Spirit aus den Bäumen aufstieg und ostwärts auf die Ebenen zuschwebte. Die Feuer der Föderationsarmee kamen sehr schnell in Sicht, und ihre Reichweite schien von hier aus sogar noch größer. Erring Rift übernahm mit seinem Rock Grayl die Führung, leitete die Formation südwärts an der Baumlinie entlang und so weit von dem Licht fort wie möglich. Sie flogen leise die Baumlinie hinab, beobachteten, wie sich die Feuer ausbreiteten und dann wieder zusammenzogen, als sie jenseits ihres Scheins wieder in die Dunkelheit gelangten. Als sie weit genug hinabgeflogen waren, führte Rift sie wieder auf das Licht zu, schwang weit über die Ebenen, so daß sie jenseits in der Mitte herankommen würden.