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Wren Elessedil verstand das. Als Königin der Elfen, in dieser Nacht mehr als nur dem Namen nach, als Hoffnung ihrer Großmutter auf das, was sie sein könnte, und mit Garths Versprechen, was sie sein würde, war auch etwas in ihr selbst freigesetzt worden. Sie konnte es dadurch spüren, wie die Elfen sie ansahen. Sie konnte ihren Respekt fühlen. Sie gehörte jetzt zu ihnen. Sie war eine von ihnen.

Innerhalb einer Stunde war alles bereit. Verstohlen und leise verschmolzen die Elfen aus der Vergangenheit von Morrowindl mit der Nacht.

18

Nachdem die Elfen stundenlang stetig marschiert waren, verbrachten sie den Rest jener Nacht in einem Wald nördlich des Pykons, der sich zwischen den gewaltigen Waldmassen von Drey und den Ebenen erstreckte, auf denen in der Ferne die Föderation ihr Lager errichtet hatte. Die ganze Nacht über konnten sie die Feuer der brennenden Sturmböcke und Proviantwagen sehen, die den Horizont mit einem hellen Schimmer überzogen, und bis in die Stille und Abgeschiedenheit des Waldes konnten sie schwache Rufe und Schreie hören.

Sie schliefen unruhig und standen in der Dämmerung auf, um sich zu waschen, etwas zu essen und sich für den Tag zu rüsten. Desidio sandte Reiter nach Norden, nach Arborlon, die sowohl die Nachricht über den Angriff als auch eine persönliche Bitte von Wren an Barsimmon Oridio übermitteln sollten, daß der Hauptteil der Armee so schnell wie möglich südlich ziehen möge. Kavalleriepatrouillen wurden mit dem Befehl ausgesandt, sich zu vergewissern, ob nicht noch eine weitere Südlandarmee außer der, von der sie wußten, in der Nähe war. Besondere Aufmerksamkeit sollten sie auf die Garnisonen in den Städten Callahorns richten. Flugreiter flogen gen Süden, um das Ausmaß des Schadens zu ergründen, den ihr Angriff in der letzten Nacht der Föderationsarmee zugefügt hatte. Besonders berücksichtigen sollten sie die Frage, wie bald die Kolonne wohl wieder weiterziehen würde. Der Tag war bewölkt und grau, und die Rocks konnten vor dem dunklen Hintergrund der Westlandberge und -wälder ungesehen fliegen. Die restlichen Elfen wurden, nachdem sie die Tiere versorgt und die Kriegsausrüstung gesäubert und instand gesetzt hatten, fortgeschickt, bis zum Mittag zu schlafen.

Wren verbrachte den Morgen mit ihren Befehlshabern Desidio, Triss und Erring Rift. Tiger Ty war gen Süden geflogen, da er davon überzeugt war, daß jegliche Einschätzung des Zustands der Föderationsarmee seiner persönlichen Überprüfung unterliegen mußte. Wren war sowohl müde als auch aufgeregt, gleichzeitig überfließend vor Energie und starr vor Erschöpfung, und sie wußte, daß auch sie selbst einige Stunden Schlaf brauchte, damit sie wieder klar denken könnte. Dennoch forderte sie ihre Befehlshaber – und besonders Desidio, jetzt, wo sie ihn für sich gewonnen hatte – auf, sich zu überlegen, was ihre kleine Streitmacht als nächstes tun konnte. Zum Großteil würde dies davon abhängen, was die Föderation tat. Trotzdem gab es immer noch sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten, und Wren wollte ihre Überlegungen erst einmal grundsätzlich in die richtige Richtung lenken. Mit etwas Glück würden die Südländer erst in einigen Tagen weiterziehen können, und das würde der anrückenden Elfenarmee Zeit genug verschaffen, den Rhenn zu erreichen. Wenn die Föderierten jedoch gleich weiterzogen, war es Wrens Aufgabe und die der Vorhut, eine Möglichkeit zu ersinnen, sie erneut aufzuhalten. Sie hatte unter keinen Umständen die Absicht, tatenlos abzuwarten. Sie konnten sich nicht einfach reglos verhalten. Mit dem Angriff der letzten Nacht hatten sie einen wichtigen Sieg über den so viel stärkeren Gegner errungen, und sie durften den errungenen Vorteil nicht gleich wieder aufs Spiel setzen. In der Föderationsarmee würde jetzt sicher jeder über die Schulter nach ihnen Ausschau halten, und sie wollte erreichen, daß sie so lange wie möglich ausspähten. Es war wichtig, daß ihre Befehlshaber genauso dachten wie sie.

Sie war zufrieden, daß sie dies erreicht hatte, als ihre Besprechungen endeten, und daher ging sie schließlich auch schlafen. Sie schlief fast bis zum Mittag und sah beim Erwachen, daß Tiger Ty mit der Flugreiterpatrouille zurückgekehrt war. Sie brachten gute Neuigkeiten. Die Föderationsarmee machte keinerlei Anstalten, sofort weiterzuziehen. Alle Sturmböcke und der größte Teil ihrer Vorräte waren zu Asche verbrannt. Das Lager befand sich noch genau dort, wo die Elfen es letzte Nacht angegriffen hatten, und alle Bemühungen der Armee schienen darauf ausgerichtet zu sein, sich um die Verletzten zu kümmern, die Toten zu begraben und festzustellen, was ihnen von ihrem Proviant geblieben war. Kundschafter patrouillierten am Rande des Lagers, und Suchtrupps sondierten das Terrain, aber der Hauptteil des Heeres war noch immer damit beschäftigt, sich wieder zu sammeln.

Dennoch war Tiger Ty nicht zufrieden.

»Es ist eine Sache, heute festzustellen, daß sie sich wieder formieren«, erklärte er Wren, ohne auf die anderen zu hören. »Es war zu erwarten, daß sie nach einem Angriff wie diesem festsitzen. Sie haben wirklichen Schaden erlitten, und sie müssen ein wenig ihre Wunden lecken. Aber Ihr solltet Euch da nicht täuschen. Sie werden das tun, was wir tun: Sie werden darüber nachdenken, wie sie auf unseren Überfall reagieren sollen. Wenn sie morgen noch immer dort sind, sollten wir uns das näher ansehen. Denn dann haben sie bestimmt etwas geplant. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

Wren nickte und führte ihn davon, damit sie sich mit Triss beim Mittagessen zusammensetzen konnten. Triss stimmte Tiger Tys Gedankengängen zu. Es war eine erfahrene Armee, der sie gegenüberstanden, und ihre Befehlshaber würden sehr bemüht sein, den augenblicklichen Vorteil, den die Elfen errungen hatten, zurückzuerobern.

Sie hatten ihre Mahlzeit gerade beendet, als eine Elfenpatrouille mit einem zerschlagenen und aufgelösten Tib Arne im Schlepptau hereinritt. Die Patrouille hatte das untere Ende des Callahorns auf den Streleheim zu erkundet, als sie auf den Jungen gestoßen waren, der auf der Suche nach den Elfen über die Ebenen gewandert war. Da sie ihn allein und verletzt vorgefunden hatten, hatten sie ihn mitgenommen und direkt hierhergebracht.

Tib hatte Schnitte und Quetschungen im Gesicht und war von Kopf bis Fuß mit Dreck und Staub bedeckt. Er war sehr erschöpft und konnte zunächst kaum sprechen. Wren brachte ihn zu einer Stelle, an der er sich hinsetzen konnte, und säuberte ihm mit einem feuchten Tuch das Gesicht. Triss und Tiger Ty standen in der Nähe, weil sie wissen wollten, was er zu sagen hatte.

»Erzähle mir, was geschehen ist«, drängte Wren ihn, nachdem sie ihn ausreichend beruhigt hatte, daß er wieder sprechen konnte.

»Es tut mir leid, meine Königin«, entschuldigte er sich. Er machte ein beschämtes Gesicht und litt darunter, daß er die Kontrolle über sich verloren hatte. »Ich war einen Tag und eine Nacht lang dort draußen, ohne etwas zu essen oder zu trinken zu haben, und ich habe auch nicht geschlafen.«

»Was ist mit dir geschehen?« wiederholte sie.

»Wir wurden angegriffen, ich und die Männer, die Ihr mit mir ausgesandt hattet. Das war nicht weit von den Drachenzähnen entfernt. Es war Nacht, als sie kamen, mehr als ein Dutzend von ihnen. Wir hatten ein Lager errichtet, und sie stürmten auf uns zu. Eure Männer kämpften so gut, wie sie konnten. Aber sie wurden getötet. Ich wäre sicherlich auch getötet worden, wenn Gloon nicht gewesen wäre. Er kam mir zu Hilfe, schoß auf meine Angreifer herab, und ich entkam in die Dunkelheit. Ich konnte Gloons Schrei hören und die Rufe der Männer, die gegen ihn kämpften, und dann nichts mehr. Ich habe mich die ganze Nacht lang in der Dunkelheit verborgen gehalten und ging dann zurück, um Euch zu finden. Ich hatte Angst, ohne Gloon weiterzugehen, Angst, daß mich andere Patrouillen aufgreifen würden.«

»Ist der Kampfhaubenwürger tot?« fragte Tiger Ty abrupt.

Tib brach in Tränen aus. »Ich glaube ja. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Ich habe nach ihm gepfiffen, als es hell war, aber er ist nicht gekommen.« Er sah Wren niedergeschlagen an. »Es tut mir leid, daß ich versagt habe, Mylady. Ich weiß nicht, wie sie uns so leicht finden konnten. Es war, als hätten sie es gewußt!«