Miguel war sicher, daß er in keinem Fall verlieren konnte. Carmen brauchte nichts davon zu erfahren. Warum auch? Sie konnte sich auf nichts lange konzentrieren; Geschäftliches irritierte sie nur. Sie mußte alle Aufmerksamkeit dem Tennis widmen. Je mehr sie gewann, desto mehr Kleidung würde Miguel verkaufen.
Was die Unterschrift auf dem Kreditvertrag anging, so würde Miguel sie einfach fälschen.
4
Chicago hing wie eine Glitzerkette am Michigansee. Der von den Gebäuden und Lichtern reflektierte Schnee gab der Stadt eine zusätzliche Dimension.
Harriet, Carmen, Miguel, Jane und Ricky wohnten imTremont, einem noblen kleinen Hotel abseits der Michigan Avenue.
Ricky hielt eine Krawatte in blassem Lila an ein rosafarbenes Oxford-Leinenhemd. Er war ein Mann, der ein verwegenes Aussehen nicht scheute. Senffarbene Hosen und ein marineblauer Blazer vervollständigten seine Garderobe. Als er so in seinen Jockeyshorts dastand, bewunderte Jane seine Beine. Sie hatte diese Beine seit Jahren vor Augen, gewiß, aber noch immer fand sie sie attraktiv. Ricky Cooper, klein von Statur, war ein Mann, der auf Frauen wirkte. Sein Intellekt, verbunden mit aufrichtiger Menschenliebe, machten ihn zu einem populären Fernsehkommentator. Wenn er nicht auf Sendung war, gab es zwar auch für ihn gelegentlich gereizte und sorgenvolle Momente, doch solche Augenblicke waren selten.
Jane machte vielen Männern angst, weil sie so stark war. In Ricky hatte sie einen Ebenbürtigen gefunden. Daß sie eine so tolle Person war, beeinträchtigte ihre Beziehung nicht. Wenn die Avancen seiner Anhängerinnen Ricky einmal in Versuchung führten, brauchte er nur einen Blick auf die Männer zu werfen, die ständig an Janes Fersen hingen, um bei der Stange zu bleiben. Inzwischen wußten beide, daß sie praktisch haben konnten, wen sie wollten. Sie wollten einander.
Als Jane vor sechs Jahren Ricky zum erstenmal begegnete, war er zu ihr herübergekommen und hatte geflüstert: «Sie haben so wundervolle Augen.»
«Fällt Ihnen nichts Originelleres ein?» bekam er darauf prompt zu hören. Keine Frau hatte je so mit Ricky geredet. Jane Fulton war es völlig gleichgültig, daß er ein stadtbekannter Mann war, einer, der in der Welt herumkam, und eine Fernsehpersönlichkeit. Für sie war er nichts als ein allzu selbstsicherer Typ, und sie fühlte sich gelangweilt. Davon angestachelt, wollte er sich ihre Zuneigung erobern, bloß um zu beweisen, daß er es konnte. Er versuchte es mit sämtlichen alten Maschen. Erst schickte er Blumen. Sie gingen postwendend an ihn zurück. Er versuchte es mit Anrufen, Briefchen und Pralinen. Er ging sogar so weit, ein Schulorchester aus Philadelphia anzuheuern, das in die Redaktion desInquirer einzog und Sousa-Märsche spielte. Jane haßte John Philip Sousa. Dies zog sich monatelang hin. Schließlich, als alles nichts fruchtete, schwang er sich in den Zug nach Philadelphia und wartete auf sie, bis sie von der Arbeit kam. Sie hatte bereits eine Verabredung. Unverfroren trat Ricky auf sie zu und sagte: «Ich habe alles versucht. Ohne jeden Erfolg. Zugegeben, vielleicht mangelt es mir wirklich an Phantasie. Trotzdem lohnt es sich, mich kennenzulernen.»
Auf der Stelle sagte Jane ihre Verabredung ab. Sie und Ricky aßen in einem winzigen italienischen Restaurant, das ihr Lieblingslokal war. Sie machten den Laden dicht. Es hatte Ricky viele Blumen, Pralinen und ein Schulorchester gekostet, mit Jane als Person umgehen zu lernen, aber als er es erst mal gelernt hatte, bereute er es nie. Sie waren seit jener Nacht ein Liebespaar. Ein Jahr später heirateten sie.
Harriet fragte Jane einmal, ob ihr je der Gedanke gekommen sei, sich von Ricky scheiden zu lassen. Die Frage kam nach einer ihrer Auseinandersetzungen. Jane sagte wie aus der Pistole geschossen: «Scheiden nie, umbringen ja.»
«Wie spät ist es?» fragte Jane jetzt.
«Zeit für uns beide, an die Arbeit zu gehen.»
Schicksalsergeben verabschiedete sich Jane von seinen Jockeyshorts und den Schätzen darin. «Verdammt.»
Ricky zog den Reißverschluß seiner Hose zu. «Wenn alle Mädchen ihr Match in 45 Minuten hinter sich bringen, sind wir anschließend vielleicht noch nicht zu müde.»
«Dann würde Siggy im Dreieck springen, nicht?» Jane genoß den Gedanken an Siggy, der wie eine Klette an einem Sponsor hing und ihm fieberhaft erklärte, daß meistens die ersten Runden interessant seien. Die meisten Eröffnungsrunden waren zum Kotzen langweilig, und das Publikum wußte es. Deshalb ließ es sich ja erst beim Halbfinale blicken. So gut das Tennis der Damen auch war, es hatte noch immer nicht die Intensität, die das Spiel der Herren besaß.
«Siggy Wayne hat die Ausstrahlung eines Wasserspeiers.» Ricky band seinen Schlips. Er entschied sich gegen eine Krawattennadel.
«Wenn ich mit regionalen Sponsoren rumsitzen müßte, bekäme ich wohl auch eine Macke.»
«Bist du startklar?»
«Ja, ich bin startklar für eine neue Woche im TomahawkZirkus, einem kleinen Bassin voll menschenfressender Haie.» Jane angelte nach ihrem langen Silberfuchs und segelte an Rickys Arm aus der Tür.
«Hallo, Ekel», rief Jane keß Harriet zu, die sich ihren Weg durch die leeren Sitzreihen zum Trainingsplatz hinunterbahnte.
«Ekelchen. Für ein Ekel bin ich zu klein.» Die beiden umarmten sich. «Wo ist der schönste Mann auf dem Damenturnier?»
«Wen könntest du wohl meinen? Laß mich raten. Seth Quintard ist eben von New York City eingeflogen. Nein? Siggy Wayne muß es sein, die perfekteste Zellanhäufung der Welt. Sonst fällt mir kein Mann ein.»
Harriet hakte sich an Janes Arm. «Was treibt unsere letzte Chance?»
«Hektik. Du weißt ja, wie er am ersten Tag eines Turniers ist. Er muß alles inspizieren. Er ist nie über das US Open damals hing weggekommen, als er zwei Sätze ohne Ton sendete.»
«Ich behaupte noch immer, daß eine Spielerin die Kabel gekappt hat, weil ihre Seite nicht genügend ins Bild kam.»
Die beiden Frauen gingen ans Netz, um Carmen und Schmettie Kittredge beim Training zuzusehen. Carmen winkte Jane von der Grundlinie zu.
Schmetties australischer Akzent schlug durch. «He, Schlachtroß, wie isses?»
Jane antwortete in astreinem mittelatlantischen Tonfalclass="underline" «Schmettie, ich höre, du hast ein rotumrandetes Schild <Vorfahrt beachten) über dein Bett gehängt.»
Carmen verpatzte einen Ball. «Unfair. Heb dir deine besten Sprüche auf, bis sie ausholt.»
Gehorsam wartete Jane, bis Schmetties Handgelenk sich nach hinten bog, um eine mörderische Vorhand zu schlagen.
«Schmettie, was ist eine Machofrau?» Schmettie hielt ihren Blick auf den Ball gerichtet. «Ich weiß nicht.»
«Eine, die ihren Vibrator mit dem Fuß anwirft.» Wie eine Rakete prallte der Ball von Schmetties Vorhand in Richtung Flutlichter.
«Witz mit Bart!» rief Carmen zurück.
Das Gelächter erstarb, als Happy Straker, Alicia Brinker und Susan Reilly auf ihrem Weg von einem anderen Trainingsplatz vorbeidefilierten. Nur Alicia winkte zum Gruß.
«Aufmarsch der Giftnudeln», flüsterte Harriet Jane zu.
Jane zuckte die Achseln: «Arschlöcher muß es ja schließlich auch geben. Nach Billie Jean King, Virginia Wade und all diesen Spitzenoldies kam Susan daher und rettete das Damentennis. Außer Susan war weit und breit nichts, bis Page Bartlett Campbell, Tracy Austin und Martina Navratilova auftauchten. Also verdient sie den Ritterschlag.»
Auf der Suche nach neuen Tennisbällen düste Susan mit Happy und Alicia im Schlepptau durch den Umkleideraum. Die drei hatten die Absicht, noch einmal rauszugehen und an Lobs zu arbeiten, obwohl sie eben ein schlauchendes Training hinter sich gebracht hatten. Happy Straker und Alicia Brinker ertrugen einander, weil Susan es so wollte.