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«Jensen Bainbridge wird alt.» Jensen war der Präsident von Tomahawks Muttergesellschaft Clark & Clark. «Wenn er geht, geht auch unser Sponsor.» Lavinia schwieg gedankenverloren. «Siggy, ich bin froh, daß du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Ich werde mich mal umsehen, wer ihn ersetzen könnte. Ich habe noch immer überall in den besten Gesellschaftsclubs ein paar gute Freun­dinnen. Ehefrauen wissen alles. Vielleicht rufe ich nächste Woche einfach mal Betty Bainbridge an, um der alten Zeiten willen.»

Die beiden lächelten.

«Wenn die Sache je auffliegt», sagte Siggy über seinen Drink gekauert, «meinst du, es wird wegen Carmen Semana oder wegen Susan Reilly sein? Das sind zwar nicht unsere einzigen Lesbierinnen, aber sie sind die flatterhaftesten.»

«Wegen Carmen.» Lavinias Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

«Warum?»

«Carmen ist manchmal wie ein Kind. Sie springt erst und schaut anschließend.»

Siggy rieb sich die Stoppeln an seinem Kinn. Die Nacht wuchs sich aus wie sein Bart. «Ich weiß nicht, Lavinia. Susan hat zwar eine perfekte Tarnung, aber sie hat ein Bataillon von Leuten vor den Kopf gestoßen. Früher oder später wird sie jemand zu fassen kriegen.»

Lavinia sagte nichts. Was sie dachte und was sie von sich gab, waren zwei verschiedene Dinge. Selbst wenn sie betrunken war, konnte Lavinia weiterschwatzen und hatte sich doch in der Hand. Dieser Reserve verdankte sie ihren Wimbledonsieg. Doch auf einer tieferen Ebene kapierte sie viele Dinge. Sie wußte, daß ihre Krampfadern wie Lapislazuli aussahen. Sie wußte, daß die Spieler und Spielerinnen sie als lebendes Fossil betrachteten. Sie wußte, daß sie sie hinter ihrem Rücken aus­lachten, wie die Jungen es mit den Alten immer tun. Sie spürte, daß ihr, je älter sie wurde, immer mehr alle Ereignisse ihrer Vergangenheit gleichermaßen zugänglich wurden. Sie konnte sie sich so lebendig vor Augen führen, wie in dem Moment, als sie vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren passierten. Die Ereig­nisse selbst freilich verebbten wie Schiffswracks vom Küsten­sockel der Kontinente abgleiten und im tiefen Meer zerschellen. Das Ereignis war für immer dahin. Es gab nur die Erinnerung und die Gegenwart, die ewige, chaotische, leidvolle, erfreuliche Gegenwart.

Lavinia mixte sich noch einen Wodkacocktail.

Das Finale war auch das Ende für Hilda Stambach. Sie bekam ihr Spiel nicht in den Griff, und Carmen walzte mit dem Chica­goer Titel von dannen. Es war einer der Siege, die ihr den Kopf verdrehten, denn sie hatte kaum eine Schweißperle vergossen.

Harriet packte im Umkleideraum Carmens Tasche, damit sie einen früheren Flug nach Detroit nehmen konnten. Ihr gefiel es immer, irgendwo anzukommen und sich häuslich einzurichten.

Eine stämmige Jugendliche, die in diesem Jahr erstmals mit auf Turnierreise ging, packte nach ihrem Sieg im Doppel eben­falls ihre Sachen. Als sie den Umkleideraum verließ, flüsterte Harriet Carmen zu: «Bloß keine häßlichen Lesben mehr. Wir sollten die Heteroleute ersuchen, nicht mehr davon zu zeugen.» Miguel strich sich den Schnurrbart glatt, dann rückte er seine Hundertfünfzig-Dollar-Krawatte zurecht. Er besaß nicht einen Anzug, der weniger als tausend Dollar gekostet hatte. Wenn Carmen sich wenig um ihr Aussehen scherte, so machte es Miguel mehr als wett. Er war ein typischer Pfau.

Siggy beobachtete ihn fasziniert. «Ich bin kein Veranstalter.» «In Amerika nicht, Mr. Wayne. Außerhalb Amerikas können Sie doch tun, was Sie wollen.» Miguels Augen flirrten.

«Ich habe nie daran gedacht.» Siggy hatte wirklich nie daran gedacht. Er bekam eine saftige Provision aus den Abschlüssen, die er tätigte. Auch wenn ihm die Sponsoren einerseits und die Spieler andererseits Magenbeschwerden bereiteten, betrug sein Grundgehalt ohne Provision 50000 Dollar im Jahr, womit er sich glücklich schätzte. Gelegentlich gestattete er es sich, ein Geschenk unterderhand anzunehmen, aber nichts Haarsträu­bendes - keine Autos oder Mädchen oder Trips nach Hawaii. Das letzte, was Siggy sich für seine Freizeit wünschte, waren Reisen. Mit Bargeld war es allerdings was anderes. Ja, das konnte er annehmen, und Lavinia würde es nicht erfahren. Aber ein Turnier veranstalten?

«Ihr Vertrag mit Lavinias Organisation verbietet Ihnen doch keine freien Betätigungen?«

«Nein.» Siggy fixierte ihn.

«Mein Land erfreut sich keines Weltklasseturniers der Da­men. Die einzige große Spielerin, die wir je zu sehen bekom­men, ist meine Schwester.» Er gluckste. «Groß, wie sie ist, braucht sie ein bißchen Konkurrenz.»

«Carmen ist die Beste, die Beste.» Siggy fuchtelte mit der Hand. Die Geste wäre eleganter gewesen, hätte er eine Zigarre geraucht.

«Man ist immer nur so gut, wie der Gegner es zuläßt, nicht?» sagte Miguel, indem er Hazel Wightmans berühmtes Zitat be­mühte.

«Stimmt.»

«Wir haben zu Hause großes Interesse am Tennis, aber wir haben nicht eure große Organisationserfahrung.» Seine dunklen Augen flatterten. Siggy zwinkerte zurück, und Miguel fuhr fort: «Sie haben so viel Einfluß auf die Mädchen und auf Lavinia.»

Ha, dachte Siggy bei sich. Niemand hat Einfluß auf Lavinia.

Miguel tippte leicht mit dem Zeigefinger auf Siggys Hand­rücken. «Vier große Stars, die anderen Mädchen werden den Anführerinnen folgen, und wir kriegen eine nette Attraktion zustande. Ich hätte gern 32 Spielerinnen. Wir setzen eine Börse von 150000 Dollar aus. Die Siegerin bekommt 20 Prozent, die übliche Vereinbarung. Sie und ich teilen uns zur Hälfte den Profit. Sie sorgen für die Spielerinnen. Ich sorge für das Stadion und die Sponsoren.»

«Am Preisgeld gibt's keinen Profit. Wer wird das Geld für die laufenden Kosten beschaffen?» Siggy legte seinen Köder aus.

«Ich nahm an, das sei klar. Wir setzen einen bescheidenen Prozentsatz von den laufenden Kosten als Gehalt an, und dann teilen wir den Überschuß aus den Eintrittsgeldern.»

Siggy fand Miguel berückend. Selbst wenn die Eintrittsgel­der erbärmlich gering waren, wäre nicht alles verloren. «Was ist mit der politischen Situation?»

Inzwischen war Miguel die amerikanische Ahnungslosigkeit hinsichtlich eines jeden Landes südlich vom Rio Grande sattsam bekannt. «Mr. Wayne, wir zetteln ein Turnier an, keine Revolu­tion.»

«Ja, sicher. Ich habe nur an das Wohl der Mädchen gedacht.» In Cleveland oder Detroit dachte Siggy selten an ihr Wohl.

«Halten Sie den amerikanischen Markt für gesättigt?»

Miguel war geschickt. Siggy schätzte das. Was er Siggy ei­gentlich fragte, war, auf wie viele neue Abschlüsse er Aussicht hatte.

Siggy beschloß, direkt darauf zu antworten. «Er ist nicht nur gesättigt, sondern der große Boom ist vorbei. Wir werden allmählich an Boden verlieren. Offen gesagt, Miguel, das Spiel der Damen ist mit wenigen Ausnahmen langweilig. Und wenn sich die wirtschaftliche Lage zuspitzt, werden kaum Leute dafür bezahlen, bei einem Ballwechsel zwischen Page Bartlett Camp­bell und Rainey Rogers alt zu werden. Mit dem Tennis kann's rascher bergab gehen, als sich irgendwer vorstellt.» Er holte tief Luft. «Aber ich bin Optimist. Ich setze auf die Tatsache, daß Männer sich gern Beine anschauen und, na ja ...»

«Würde das Kabelfernsehen helfen?»

«Etwas. Seien wir mal ehrlich, Miguel, dem Tennis fehlt die rein physische Dramatik des Footballs, die Schnelligkeit des Basketballs, die Farbigkeit des Baseballs. Einzelsport ist nicht so spannend wie Mannschaftssport. Wenn dir der Shortstop­Spieler nicht gefällt, gefällt dir vielleicht der Werfer. Aber wenn du Susan Reilly nicht magst, dann magst du Susan Reilly eben nicht, und deine Auswahl ist beschränkt. Übrigens, im Fernse­hen wirkt Tennis nicht sonderlich gut, es gibt nicht genug Aktion, und der Spielbereich ist begrenzt.»

Miguel hörte ungerührt zu.

«Werden Sie je aus dem Spiel aussteigen?»

Siggys Augenbrauen zuckten unwillkürlich nach oben. «Spiel? Für mich ist das kein Spiel, Miguel, ich bin Geschäfts­mann.»