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Lächelnd erwiderte Migueclass="underline" «Eben deshalb sollten wir beim argentinischen Gastspiel der Damen Partner sein.»

«Ich werd's mir überlegen. Es ist verlockend.» Dann fragte er nonchalant: «Können Sie die Teilnahme Ihrer Schwester garan­tieren?»

«Aber selbstverständlich.» Miguel breitete die Arme aus wie ein Pastor, der den Segen erteilt.

Während Siggy zu seinem Wagen ging, überdachte er Mi­guels Plan. Er war vielversprechend. Miguel aber nicht. Siggy traute ihm nicht, obwohl er ihn mochte. Im Innersten reagierte er auf Carmen genauso. Charmeure, aber Luftikusse. Da fehlte etwas. Miguel konnte nicht mal eine Tupperware-Party organi­sieren. Warum riskieren, sich mit Lavinia zu überwerfen wegen etwas, das - bestenfalls - auf einen Gewinn von 20000 Dollar plus einiger Extras hinauslief? Und was war das umgerechnet in amerikanischem Geld? Redete Miguel von argentinischem Bar­geld oder amerikanischem? Siggy gefiel das Handeln, das Tak­tische an seinem Geschäft. Es war kein edler Beruf, aber er gefiel ihm. Ohne auf seine Instinkte zu vertrauen, hätte er es nicht so weit gebracht.

Als er an der Wand eines Backsteingebäudes hochsah, be­merkte Siggy die aufgemalte Gestalt eines Mannes, der so me­lancholisch wie gütig wirkte. «Davidson-Bestattungen» stand unter den gefalteten Händen des Mannes. Siggy schüttelte den Kopf und dachte: Wo kommen wir bloß hin, wenn nun schon Bestattungsinstitute Werbung machen?

Der Boom war tatsächlich vorbei, und Siggy wußte es. Noch hielten die Spitzenspieler die Fans bei der Stange, aber das Tennis der Damen brauchte neue Spielerinnen, die die Szene belebten. Neu und hübsch, das war's, worum Siggy betete.

Mitte der siebziger Jahre erlebte der Tenniswahn seinen Höhepunkt. Der Durchschnittsamerikaner brannte darauf, Tennis zu spielen, bis der Durchschnittsamerikaner kapierte, daß das Spiel nicht einfach war. Tennisneulinge jagten plötzlich hinter ins Netz geschlagenen Bällen her oder baten Spieler auf dem Nebenplatz naiv, einen Blindgänger zurückzuschlagen. Als vielen dämmerte, daß Tennis ein Sport war, den man jahrelang lernen mußte, wechselten sie zu Jogging über. Schließlich, was ist schon schwierig am Laufen? Leute, die den Wettkampf ebenso brauchten wie Fitness, entdeckten Squash, ein Spiel, das sofort Freude machte, wie sportlich oder talentiert man auch sein mochte. Die Fitnesszentren lockten solche Leute an, die nicht die Zeit für ein langes Tennismatch hatten; und viele ehemalige Tennisbegeisterte trieben nun Gymnastik zu Disco­musik.

Die Stadt New Orleans diente als warnendes Beispiel. Poten­tiellen Sponsoren gegenüber erwähnte Siggy keine Negativin­formationen, doch er selbst war auf der Hut. Die Benutzung öffentlicher Plätze in dieser schönen Stadt war um 70 Prozent zurückgegangen. Einheimische Tennislehrer hatten Mühe, ihre Rechnungen zu begleichen, da sie etwa die Hälfte ihrer Schüler verloren hatten. In den Sportspezialgeschäften sanken die Um­sätze um 20 bis 40 Prozent, je nach Lage.

Die Profiturniere der Herren erbrachten nie den Gewinn, den sich New Orleans' Veranstalter erhofften. In Wahrheit waren sie ein Reinfall.

Selbst der älteste Tennisclub der Vereinigten Staaten, der New Orleans Lawn Tennis Club, umbenannt in Stern, bekam den Rückgang zu spüren.

Auf nationaler Ebene blicken Spalding und Wilson, zwei riesige Sportartikelfabrikanten, bei der Tennisausstattung in einen Abgrund von roten Zahlen. Bancroft, früher ein hochge­schätzter Schläger im Tennissport, ist heutzutage kaum noch zu sehen.

Vielleicht war New Orleans ein besonders schlechtes Pflaster. In weniger attraktiven Städten wie Lincoln, Nebraska, hielt sich Tennis weiterhin wacker. New Orleans bietet so viel an Unter­haltung, daß Tennis eine harte Konkurrenz hat.

Dennoch machte sich Siggy Sorgen. Und er fragte sich, ob Lavinia sich die Mühe machte, solche kommunalen Statistiken oder Firmenumsatzstatistiken einzuholen. Sie identifizierte sich so sehr mit dem Sport, daß sie womöglich schlechte Nachrich­ten ignorierte. Derart blind zu sein konnte er sich nicht leisten. Sobald sein Einkommen unter ein gewisses Niveau fiel, würde er das Schiff verlassen.

Happy Straker, die sich bester Form erfreute, schlug Carmen im Detroiter Finale. Carmen gelang überhaupt nichts; Happy ge­lang alles. Aufgeplustert wie ein Pfau, stolzierte Happy umher. Carmen schluckte ihren Ärger hinunter und rechnete damit, daß Happy nicht lange einherstolzieren würde, schließlich gab es noch die nächste Woche in Oakland, Kalifornien. Es gab nur eine Möglichkeit, mit einer Niederlage klarzukommen, rief sich Carmen ins Gedächtnis, und die war, daraus zu lernen, soviel du kannst, und den Rest zu vergessen. Sonst machst du dich fertig. Für Happy war der Sieg ein letztes Aufbäumen vor dem feierlichen Marsch in die Vergessenheit, die die Zukunft aller Sportler ist. Happy hatte sich die vergangenen fünf Jahre unter den zehn besten der Computer-Rangliste befunden, wenngleich sie nicht als eine der Großen in die Geschichte eingehen würde. Die Geschichte würde überhaupt keine Notiz von ihr nehmen. Auch Carmen zerbrach sich darüber nicht den Kopf. Dieser Gedanke mußte um jeden Preis verdrängt werden. Tennisspie­len war eben das, was sie am besten konnte. Es war ihr Segen und ihr Fluch, daß sie rechtzeitig geboren war, um mit ihrem Talent Kasse zu machen. Sie konnte sich einen phantastischen Lebensunterhalt erwerben, indem sie tat, was sie tun wollte. Der Fluch würde ihr erst das Leben vermiesen, wenn sie dem Profisport den Rücken kehrte. Dann konnte sie dem Sport als einem Tick frönen, Trainerin werden, Tenniscamps gründen, im Abglanz ihres ehemals berühmten Ichs leben. Oder sie konnte sich in ihren frühen Dreißigern hinsetzen und feststellen, daß sie sich jetzt, wäre sie Ärztin geworden, ihrem beruflichen Höhe­punkt nähern würde. Als Ärztin hätte sie der Gesellschaft und sich selbst genützt. Als abgetakelte Tennisspielerin würde sie eine kolossale Identitätskrise durchzustehen haben, während alle anderen ihrer Generation endlich zu sich selbst gefunden hatten. Carmen verdrängte diese niederschmetternde Erkennt­nis dauernd mit Hilfe von elektronischen Spielen und Kreuz­worträtseln.

Sie gestattete sich allerdings, über Liebe nachzugrübeln. Was ist sie? Wie bekommst du sie? Wie behältst du sie? Warum fängt sie immer so toll an und endet so beschissen? Carmen wußte nicht, wo die Verantwortlichkeiten lagen, aber sie glaubte auch nicht, daß es einen großen Unterschied machte, ob jemand homo- oder heterosexuell war. Sie wollte nur geliebt werden, glücklich sein, und sie wollte dafür kein Leid in Kauf nehmen.

Unterwegs ähnelte das Leben dem einer vom Stiel gekappten Wasserlilie. Statt sich im Teich zu wiegen, trieben die Happys und Carmens dieser Welt von Ufer zu Ufer und trudelten ständig weiter. Keine wußte, zu welchem Ziel, bevor sie es erreichte; doch wußte jede Frau, während sie unterwegs älter wurde, daß sie auf raschen Strömen von Leid diesem Ziel zugetrieben wurde.

Während des Turniers in Oakland, Kalifornien, wohnten die Spielerinnen im HotelAcapulco Kakerlaken, oder jedenfalls nannten sie es so. Am einzigen freien Abend, den Carmen hatte, fuhren sie und Harriet mit Miguel und Schmettie nach San Francisco. Harriet liebte das Hayes Street Grille, also aßen sie dort, gingen ins Kino und fuhren dann heim. In Anbetracht von Carmens und Schmetties Terminkalender war dieser kleine Aus­flug ein großes Ereignis. Das einzige andere bemerkenswerte Ereignis beim Oakland-Turnier, abgesehen von einer Kette stürmischer Semana-Siege, war ein Zwischenfall mit dem Eis­verkäufer. Wenn die Spielerinnen die Seiten wechselten, eilten alle Eisverkäufer durch die Gänge und verhökerten ihre Waren. Ein Eisverkäufer, seine silbrige Box um den Hals gehängt, stolperte, als er die Treppe herunterkam. Im Fallen klappte der Deckel seiner Box auf, und das Eis kollerte in alle Richtungen. Die ringsum sitzenden Fans hoben die Becher mit Cremerippen und Bananeneis auf und klaubten das Vanilleeis am Stil zusam­men. Sobald die Zuschauer nach dem bunt eingewickelten Eis griffen, trat der Verkäufer ihnen auf die Hände und legte sich schließlich auf die Stufen, um seine kostbare Ware zu hüten. Natürlich schmolz das Eis überall an ihm herunter. Die Fans reichten ihm, was sie aufgehoben hatten; niemand beabsichtigte, das Zeug zu essen. Sein Mißtrauen kostete ihn eine ganze Box gefrorener Köstlichkeiten.