Der Star erkundigte sich huldvoll nach dem bevorstehenden Match. Stimmte es wirklich, daß Carmen Semana und Susan Reilly sich haßten?
«Hassen? Sagen wir, sie sind sich nicht sonderlich gewogen.»
«Waren sie nicht mal Partnerinnen im Doppel? Ich weiß zwar, ich hatte bei jedem großen Turnier in den letzten zehn Jahren Außenaufnahmen, aber ich glaube mich zu erinnern, daß sie vor Jahren mal Partnerinnen im Doppel waren.»
«Es geht hier ständig zu wie im Mädchenpensionat. Da gibt's Cliquen, Freundschaften, verkrachte Freundschaften. Ein Sturm im Wasserglas.»
«Wir leben im gleichen Wasserglas, da drüben bei Warner Brothers.»
«Hab Ihren letzten Film gesehen.» Sie verbuchte entsprechenden Enthusiasmus. «Absolut himmlisch.»
«Danke, aber man braucht mehr als eine Person, um einen Film zu machen, Mrs. Archer.»
«Bitte, nennen Sie mich Lavinia. Man braucht zwar mehr als eine Person, um einen Film zu machen, aber man braucht einen Star, um das Publikum anzuziehen.»
Er zuckte männlich-nonchalant die Achseln; sie hatte schließlich die reine Wahrheit gesagt. Die Unterhaltung wurde durch den üblichen Aufmarsch der Funktionäre, Balljungen und Ballmädchen in obligatem Waldgrün unterbrochen.
«Entschuldigen Sie mich, Mr. Ridgeback, ich muß mal für einen Moment auf den Platz.»
«Ich erwarte Ihre Rückkehr mit Ungeduld.» Er erhob sich und geleitete sie aus der Loge.
Einmal am Mikrofon, offenbarte Lavinia ihre Beredtheit. Während ihres Monologs nahmen Harriet und Miguel in einer Loge der einheimischen Sponsoren Platz. Wieder einmal wurde Miguel gebeten, sich neben eine scheinbar überglückliche Carmen zu stellen. Miguel wurde langsam zu einem Star zweiter Hand. Nach diesem Auftritt inszenierter Geschwisterliebe kehrte Lavinia zu ihrem eigentlichen Thema zurück, den alten Zeiten.
Schließlich begann das Match. Miranda Mexata richtete sich in ihrem Stuhl auf. Aus welcher Richtung der Wind wohl heute blies?
Susan schlug hart auf und folgte dem Aufschlag ans Netz. Ihre Schläge kamen flexibel und solide. Susan war nie eine graziöse Spielerin, aber sie war aufregend. Ihre Bewegungen waren rund.
Carmen war weitaus graziöser. Sie spurtete nur bei weitgeschlagenen Bällen oder wenn sie schlecht zum Ball stand. Susan konnte eine Spielerin aus dem Rhythmus bringen, aber Carmen war heute gelöst. Sie hatte ihr übliches Frühstück verzehrt und Harriet mit einem neuen Katzenroman aus der unermüdlichen Feder von Baby Jesus aufgezogen:<Catnap>, Große Entführungen in der Miezenwelt. Beide Frauen ignorierten Miguel, die Anspannung vor dem Spiel und ihre Gefühle Susan gegenüber.
Carmen hatte Augenblicke, in denen sie in das eintauchte, was Harriet «Die Zone» nannte. Carmen, die Zonen-Verrückte, konnte in ihre eigene Welt driften. Das tat sie, wenn sie sich wirklich Sorgen machte oder wenn sie müde war. Je besser Carmens Stimmung erschien, desto beunruhigter war sie oft auf einer unterbewußten Ebene.
Heute gelang ihr die Flucht. Sie spielte aus dem Kopf heraus. Susan spielte gut, aber Carmen war buchstäblich in einer anderen Welt. Jeder Schlag war, als schneide ein heißes Messer durch Butter. Bei jedem Aufschlag lief ein Beben durch ihren Unterarm, ein Schub von Koordination. Sie konnte den Ball sogar spüren, wenn er auf der gegnerischen Seite des Feldes war. So schwer das Spiel auch war - Susan verschenkte nie etwas -, Carmen besaß Magie. Während sie sich bewegte wie eine Ballerina zu herrlicher Musik, machte sie einen Punkt nach dem anderen.
Susan kämpfte mit Klauen und Zähnen. Wie eine Irre jagte sie jedem Ball nach. Sie stürmte, sprang und schmetterte. Sie machte unmögliche Returns. Aber Carmen ließ ihr göttliches Handgelenk schnippen und schlug den Ball wie eine lästige Mücke weg. Es war eine ehrfurchterregende Darstellung ihres Talents.
Carmen besiegte Susan mit 6:4, 6:4. Die Menge war von Carmens lyrischer Sportlichkeit hingerissen und von Susans konzentriertem Willen überrascht. Als sie ans Netz gingen, um sich die Hände zu schütteln, hielt jeder den Atem an. Susan reichte hinüber und drückte ihrer Gegnerin die Hand. Erleichtert erwiderte Carmen den Händedruck. Susan lächelte mit durchdringendem, beunruhigendem Blick.
Susan saß in ihrem Zimmer und trank Perrier mit Limone. Alicia saß stumm auf dem Sofa. Nach einer Niederlage mit Susan reden zu wollen war keine gute Idee. Susan spielte jeden Punkt wieder und wieder durch. Sie konnte sich an Punkte erinnern, die sie in ihrer Schulzeit gespielt hatte. Hätte sie je intellektuelle Disziplin gezeigt, wäre Susan eine erstklassige Wissenschaftlerin geworden. Jetzt schmiedete sie ihr Eisen.
«Woran denkst du?» fragte Susan Alicia.
«An nichts.»
«Was hältst du von dem Match?»
«Niemand hätte Carmen heute schlagen können.»
«Jeder Blinde trifft mal einen Nagel?» fragte Susan rhetorisch.
«So ähnlich, ja.»
«Das ist das Glücksrad. Hast du mal Tarockkarten gesehen?»
«Nein.» Alicia hielt sich an die Bibel. Alles Okkulte war heidnisch.
«Sie sind interessant, die Tarockkarten.» Susans Augen glühten wie kleine Laserstrahlen. «Es ist eine andere Möglichkeit, die Welt zu betrachten. Vielleicht ist es eine Form von verlorenem Wissen. Jedenfalls ist das Glücksrad eine Karte, auf der ein sich drehendes Rad abgebildet ist. Eine Person ist oben, eine andere Person ist unten. Das Rad hört nie auf, sich zu drehen.»
«Du wirst oben sein.»
«Ja.»
«Wenn Carmen morgen so spielt, wird Rainey Rogers eingemacht.»
«Vielleicht. Carmen hat eine merkwürdige Angewohnheit, ihre Gegnerinnen zu unterschätzen, wenn sie in Höchstform ist. Es wird aufwärts gehen.»
«Das Glücksrad?»
«Manchmal muß man dem Rad einen Schubs geben, denke ich.» Susan schwang ihre Beine übers Bett. Sie war in die Gegenwart zurückgekehrt. Alicia konnte wieder aufatmen.
Gary Shorter, der Trainer von Rainey Rogers, hatte nie eine Idee oberhalb der Gürtellinie. Er spielte an Raineys vielen Schlägern herum; er prüfte die Spannung der Saiten, das Gewicht, den Griff. Mrs. Rogers versank in ihre übliche Vorspiel-Trance. Sie holte, was immer ihre Tochter brauchte, aber sie schaltete ihre Energie um und bereitete sich genau wie Rainey auf das Match vor.
Rainey bemalte ihre Nägel mit Tomahawks «Hot and Wild Pink». Sie pinselte eine dünne Perlmuttschicht darüber. Ihr Tenniskleid war blaßrosa und straßgesäumt, um das Licht einzufangen.
Rainey dachte über ihre Spieltaktik nach. Carmen in Höchstform war unschlagbar, doch wenn Rainey auch nur einen haarfeinen Riß in dieses Selbstvertrauen bringen konnte, dann war Carmen zu schlagen. Noch zwei Jahre, und Carmen würde Mühe haben, ins Finale zu kommen. Rainey widerstand Carmens Angriffen wie ein Graf, der sein Schloß verteidigt. Für sie war es ein Krieg zwischen Angreifern und Verteidigern. Sie blieb an der Grundlinie, ihren Schloßmauern, während Carmen eine Angriffswelle nach der anderen abfeuerte. Raineys nüchterner Schlag kam als scharfer, kurzer Cross auf Carmens Rückhand. Auf Dauer wirkte dieser Schlag wie der linke Haken eines Boxers. Schnipp, schnipp - es sieht aus, als richte er keinen Schaden an. Im Laufe der Zeit macht dieses Schnippen den Gegner fertig, tötet seinen Schwung, und er ist für das vernichtende Ende offen. Rainey führte kein Match länger, als sie mußte. Mit achtzehn hatte sie gelernt: wenn du deine Gegnerin in den Seilen hast, mach sie fertig. Das ist letztlich barmherziger.
«Was macht deine Blase?» fragte Mrs. Rogers. Die Blase war lediglich eine kleine rote Scheuerstelle an ihrer Ferse, aber alle Athleten sind Hypochonder.