«Ich klebe ein dickes Pflaster drauf.»
«Gut.» Mrs. Rogers hob den Schuh auf und knetete die Hacke mit ihren Daumen. «Diese Schuhfirma! Wie oft haben wir denen haargenau erzählt, was wir haben wollen? Der hier ist etwas zu eng.» Sie knetete weiter. «So, jetzt ist es hoffentlich besser.»
Am Morgen des LA-Finales trieb Carmen den Hotelboy an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Sie fauchte den Garagenmann an, der den Mietwagen heraufholte. Sie funkelte ihren Bruder an, der zum erstenmal in seinem Leben den Mund hielt, und sie brauste zum Stadion, als befände sie sich bei einem Seifenkistenrennen. Harriet auf dem Vordersitz versuchte, die verschwommen vorbeiflitzenden Gebäude zu ignorieren. Für Carmen bedeutete Geschwindigkeit Entspannung und Machtgefühl.
Als sie bei den Tennisplätzen ankamen, ging Harriet auf die Tribüne. Für Carmen ließ sich wenig tun, wenn sie in dieser Laune war, und nach Harriets Ansicht hatte Carmen ein Recht auf ihre Launen. Allerdings fand Harriet auch, daß sie das Recht hatte, sich abzuseilen. Wenn Carmen schäumte, um sich psychisch aufzubauen, spie sie Gift und Galle auf jeden, der ihr in die Quere kam. Rainey war eine starke Gegnerin. Ihr Tennisstil brachte Carmen in Rage, sie haßte es, gegen sie zu spielen, und ihre wachsende Unzufriedenheit ließ sich nicht unterdrücken.
Der Hallenboden bei Damenturnieren bestand meist aus einem über Holz gespannten Teppichbelag. Dieser schnelle Belag war für Carmen vorteilhaft. Wenn sie nicht gerade an Grippe, Krämpfen oder Desinteresse litt, gewann Carmen auf Teppich gewöhnlich. Vermasselte sie ihren ersten Aufschlag, konnte ihr das das Leben sauer machen, denn sie mußte ihren ersten Aufschlag herunterziehen, damit sie ans Netz laufen konnte. Gegen eine Grundlinienspielerin von Raineys Kaliber war der erste Aufschlag entscheidend. Kam Carmen nicht ans Netz, würde sie nicht gewinnen.
Ihr Aufschlag glich einer Rakete. Carmen hatte einen so guten Tag, daß sie Rainey in zwei Sätzen niederwalzte.
Nach dem Match analysierten Rainey, ihr Trainer und ihre Mutter die Niederlage. Mrs. Rogers verzeichnete jeden Punkt in der Tabelle, damit Rainey ihn nachher studieren konnte.
Rainey nutzte jede Niederlage. Sie trainierte stundenlang, um den Winkel ihres Rückhand-Cross zu verbessern. Sie würde nie einen vernichtenden Aufschlag haben, versuchte aber, sich den mit der größten Präzision anzueignen, der auf Dauer ohnehin tödlicher war. Rainey glaubte, daß die Zeit für sie arbeitete. Mit ihrer disziplinierten Persönlichkeit und ihrer Spielweise würde sie die Carmens der Welt schon aushungern, wenn nicht in diesem Jahr, dann im nächsten.
Triumphierend trank Carmen ein wohlverdientes Bier. Ein tragbares Tonbandgerät plärrte im Hintergrund. Sie hob die Bierflasche.
«Auf Dallas.»
«Auf die ordinärste aller Städte», prostete Harriet zurück.
«Ich weiß nicht warum, aber da fällt mir wieder ein, was du mal zu mir gesagt hast, als ich diesen Gucci-Sessel kaufen wollte.»
«Dieses gräßliche Ding.»
«Du hast gesagt: <Geld ohne Geschmack ist wie Sex ohne Liebe.>»
«Wie gescheit von mir.» Harriet küßte Carmen auf die Wange. Jemand klopfte an die Tür.
«Wer ist da?»
«Miguel.»
Carmen grummelte und stand auf, um ihren Bruder hereinzulassen.
«Migueletta, mein Tiger.»
«Wo warst du? Ich dachte, du kämst zur Pressekonferenz.»
«Geschäfte.»
«Ich war stinksauer auf Martin Kuzirian. Ich hätte dich gern dabeigehabt. Er hat die blödesten Fragen gestellt.» Martin Kuzirian, Sportreporter für eine große Zeitung auf Long Island, schrieb eine im ganzen Land nachgedruckte Kolumne. Also ein ganz großer Typ in der Welt des Sports.
«Sportreporter bilden die niedrigste Stufe im Journalismus», kommentierte Miguel und nahm einen Schluck aus der Bierflasche. «Wenn sie Sportler sein könnten, wären sie's. Wenn sie schreiben könnten, täten sie's. Kurz, sie können nichts von beidem.»
Carmen boxte ihren Bruder auf den Bizep. «Stimmt!»
Miguel warf einen Blick auf Carmens Kommode. «Was, du läßt deinen Schmuck so offen herumliegen?» Er drehte sich zu Harriet um. «Wie kannst du das zulassen?»
«Miguel», entgegnete Harriet kühl, «ich bin nicht ihre Mutter.»
Mit seiner rechten fegte er die Armreifen, Halsketten, Ringe und Ohrringe in seine linke Hand. «Von jetzt an halte ich den Schmuck unter Verschluß. Bei jedem Turnier deponiere ich ihn in einem Hotelsafe. Wenn du ein Stück tragen willst, dann fragst du danach.»
«Das ist zu umständlich.»
«Weniger Umstand, als beklaut zu werden.»
«Ich bin versichert.»
Er schüttelte den Kopf. «Kleine Schwester, warum sich Ärger einhandeln? Und wann hat eine Versicherung je ihre Verpflichtung voll erfüllt?»
«Da hat er recht», pflichtete Harriet ihm bei, obwohl sie diese Situation merkwürdigerweise abstoßend fand.
«Da, siehst du's? Die hübsche Senorita Rawls hat gesunden Menschenverstand.»
«Und ich nicht?» brauste Carmen auf.
«Im Tennis bist ein Geschenk Gottes. Du hast nichts weiter zu tun, als zu spielen. Den Rest machen wir schon.» Seine Geste bezog Harriet mit ein, und das fand sie nun nicht mehr nur merkwürdig abstoßend, sondern absolut widerwärtig.
Falls Miguels Einmischung in ihr Geschäftsleben Carmen Sorgen machte, so ließ sie es sich nicht anmerken. Solange sie Geld hatte, wenn sie es wollte, kümmerte sie sich nicht viel um die Details. Die Macht, Dinge zu kaufen, faszinierte sie. Geld ersetzte ihr den Verlust von Heimatgefühl und sozialer Stabilität. Was waren schon Wurzeln im Vergleich zu diesem besten aller Volkswagen, dem Porsche? Der Dollar war wichtiger als die Tat.
Der moderne Profisport entlohnt Spieler für ihre Funktion, nicht für Charakter. Verantwortung wird da eng definiert: eine Sache besser machen als irgendwer sonst. An emotionale, soziale oder politische Verantwortung wird nicht im Traum gedacht. Den Sport trifft hier kein Tadel. Sport ist nur ein Symbol für die Spaltung des Lebens, eine Spaltung, die mit der industriellen Revolution begann, die im Kampf um materielle Güter offenbar jeden gegen jeden ausspielt. Geistige, emotionale und politische Belange bleiben bei dieser gewalttätigen Jagd nach Dingen auf der Strecke.
Gewinne und werde ein Gott. Verliere und werde vergessen. Carmen und Miguel besaßen keine Widerstandskraft gegen die Versuchungen von Geld und Ruhm. Woher auch? Sie hatten nie eine Alternative erfahren. So sehr Theresa und Arturo Semana ihre Kinder auch liebten, hatten sie sich doch nie darum bemüht, ihnen andere Werte mitzugeben als die des äußerlichen Aufstiegs. Vielleicht weil sie in den dreißiger Jahren jung gewesen waren und sich nur zu gut an die Depression in Buenos Aires erinnerten, gelangten sie selbst über materielle Ziele nie hinaus. Wie der Mond, so hat jede Generation ihre dunkle Seite. Man ist zwar in eine Zeit hineingeboren und macht eigene Erfahrungen, trägt aber auch die Essenz der Erfahrungen seiner Eltern in sich. Carmen und Miguel waren eindeutig Sprößlinge ihrer Eltern. Gewinnen war alles, was zählte.
Welche Fehler Lavinia auch haben mochte, arbeitsscheu war sie nicht. Sie bombardierte ihre Leute mit Anweisungen und erwartete Gehorsam. Hätten ihre Leute einmal genau hingeschaut, wären sie dahintergekommen, daß Lavinia sich selbst härter antrieb als alle anderen. Wie einst als Spielerin verlangte Lavinia jetzt als Geschäftsfrau Perfektion.
Lavinia rief Betty Bainbridge an, die Frau von Jensen Bainbridge, Chef des Pharmakonzerns Clark & Clark. Obwohl nun Anfang Sechzig, war Betty noch immer eine gute Clubspielerin. Die beiden Frauen kannten das Tennis noch aus der Zeit, als Männer in weißen Flanellhosen spielten.
«Hallo», antwortete eine Stimme aus dem fernen Westchester im Staate New York.
«Betty, hier ist Lavinia.»
«Vinnie! In welchem Rattenloch steckst du denn gerade?»