«In Dallas.»
«Armes Schätzchen. Ich hatte zwei Schwestern, wie du weißt. Eine ist tot, und die andere lebt in Dallas. Wie schön, deine Stimme zu hören.»
«Was macht deine Gesundheit?»
«Gerade vergangene Woche habe ich mich gründlich untersuchen lassen. Keine weiteren Probleme. Ich hasse diese verdammten Untersuchungen noch immer, Vinnie. Ich war öfter in den Steigbügeln als Prinzessin Anne.»
Lavinia lachte. «Und was macht Jensens Gesundheit?»
«Es geht ihm gut.»
«Ich hörte so ein Gerücht, daß er sich zur Ruhe setzen will.»
«Gewinnen war alles ... was zählte.» Wer vorwärtskommen will, der muß eben am Ball bleiben. Und das nicht nur beim Tennis.Schweigend atmete Betty tief ein. Sie antwortete in gemessenem Tempo.
«Weißt du, er liebt die Macht.»
«Wer tut das nicht?» fragte Lavinia.
Betty wartete, dann sagte sie: «Lavinia, wir werden alle nicht jünger. Er ist acht Jahre älter als ich. Wir haben in diesen letzten Jahren zu viele Freunde sterben sehen. Ich möchte, daß er kürzer tritt.»
«Ja, er arbeitet zuviel.»
«Du solltest selbst kürzer treten. In einem Sonnenuntergang liegt mehr Schönheit als in der Macht, Vin.»
«So weit bin ich noch nicht.»
«Ich gebe während der Meisterschaft eine Party.» Betty wechselte das Thema. «27. März? Abendkleidung.»
«Trage ich sowieso am liebsten.»
«Dummchen. Danke für deinen Anruf. Ich freue mich darauf, dich zu sehen.»
«Am 27. Tschüs.»
«Tschüs.» Betty legte den Hörer auf.
Lavinia kritzelte geistesabwesend auf ihrem Notizblock. Betty hatte ihr alles erzählt, was sie wissen mußte, ohne ein Firmengeheimnis zu verraten. Das Beziehungsnetz der alten Mädchen hatte sich wieder mal bewährt.
Susan Reillys Haus in Pacific Heights, San Francisco, war das Ergebnis jahrelanger Arbeit, doch da sie wenig Zeit hier verbrachte, war es ihr fremd geworden. Die Zimmer waren angemessen möbliert. Es war ihr ständiger Ruheplatz, aber noch kein wirkliches Heim. Susan nahm sich diese Woche frei, während die Tour nach Texas ging.
Craig und Lisa Reilly wohnten in Marin County. Susan sah ihre Tochter so viel und ihren Mann so wenig wie möglich. Wann immer sie von Regenbogenblättern interviewt wurde, wurden die Fotos im Haus in Marin County aufgenommen.
Sie preßte den Hörer ans Ohr. «Das ist kalifornisches Gesetz. Hmhm.» Pause. «Finde das heraus. Ich bin bis zum 22. März hier, danach bin ich bei den Meisterschaften in New York.» Pause. «Gut, Jerry, bis später, danke.»
Alicia platzte ins Schlafzimmer. «Wer war das?»
«Ach, niemand.» Ein Anflug von Gereiztheit zeichnete sich auf Susans Gesicht ab. «Telefonitis. Das kennst du doch an mir.»
Alicia wußte freilich, daß Susan imstande war, zu jeder Tagesund Nachtzeit in alle Welt zu telefonieren. Dieser Anruf roch nicht nach Telefonitis. «Es war doch nicht Happy Straker, oder?»
«Nein. Ich habe Happy heute morgen nichts zu sagen.» Sie rieb ihre Hände. Die Druckerschwärze der Morgenzeitung beschmierte ihre Finger.
«Ich glaube, Harry liebt dich noch immer.»
«Nach all diesen Jahren? Ach was.» Sie zog die Sportseite hervor.
«Warum hat sie wohl nicht eine andere gefunden?»
«Sieh sie dir doch an.»
«Susan, das ist herzlos. Du hast sie geliebt.»
«Ich habe Happy nie geliebt. Daß ich mit ihr zusammen war, war ein Gnadenakt meinerseits. Ich konnte nicht in diese traurigen Hundeaugen sehen. Sie hat mir leid getan. Es war ein Fehler.»
«Hm-m-m.» Alicia starrte aus dem Fenster. Sie hatten einen umwerfenden Blick auf die Bucht und Alcatraz.
«Bringst du mir bitte noch eine Kanne Kaffee?« Susan sah nicht von der Zeitung hoch.
Alicia eilte in die Küche und zur Kaffeemaschine. Sie hatte viele Plexiglasdosen mit den verschiedensten exotischen Kaffeebohnen gefüllt und war stolz auf ihr Gebräu. In einem Netz von Bedürfnissen gefangen, den eigenen und denen von Susan, nahm Alicia kaum wahr, wie eng ihr Leben wurde. Sie konzentrierte sich immer weniger auf das eigene Tennisspiel und immer mehr auf Susans Bedürfnisse.
Susan akzeptierte die amerikanische Definition von Arbeit. Das hieß, daß Susans Arbeit von Bedeutung war und Alicias Arbeit, die Versorgung von Susan nicht. Ein verheirateter Mann nimmt seine Frau vielleicht als selbstverständlich hin, allerdings weiß er irgendwo, daß sie einen Beitrag leistet. Für Susan jedoch war Frauenarbeit etwas so Fremdes, daß sie ihr nicht den geringsten Wert beimaß. Sie verbrachte ihr Leben damit, eine einzige isolierte Begabung zu perfektionieren. Ihre Eltern hatten sie weder zur Hausarbeit angehalten noch beigebracht, daß sie von Wichtigkeit war.
Vor lauter aufgehalster Schweißarbeit wurde Alicia unsichtbar. Wäre sie für sich eingetreten und hätte gesagt: Was ich für dich und für uns beide tue, ist wichtig, auch wenn ich keine Turniere gewinne, hätte Susan sie aus dem Zimmer geputzt. Warum tat Alicia diese Dinge denn? Hatte Susan etwa um eine Ehefrau gebeten? Alicia tat sie aus Liebe. Susan bestimmte, also brauchte sie nie zu begreifen, was jemand für sie tat. Forderte eine Person Gleichberechtigung, vor allem eine Geliebte, setzte Susan der Beziehung ein Ende, ohne lange zu fackeln. Sie konnte niemand den gleichen Status zugestehen. In dieser Hinsicht hatte sie mit vielen Männern Ähnlichkeit. Wenn eine Ehe in die Brüche ging, konnte die Frau fordern, daß ihr früherer Mann für sie verantwortlich war. Wenn Alicia den Laufpaß erhielt, würde sie leer ausgehen, bis auf ihren Schmuck und die Kleidung, die Susan ihr in Momenten wohlüberlegter Großzügigkeit gekauft hatte. Das Haus, das sie geputzt, die Sekretärin, die sie angeheuert, und die Haushilfe, die sie angeleitet hatte, würden in Susans Besitz bleiben. Alicia gab mit jedem Atemzug ein Stück Leben weg und wußte es nicht. Susan bezahlte die Rechnungen und wollte kein Geld zurück, nicht weil sie großzügig war, sondern weil sie wollte, daß alles nach ihrer Nase ging. Solange sie ihr Konto prüfen konnte und wußte, daß es fetter war als das von Alicia, fühlte sie sich mächtig.
Alicia summte vor sich hin, als das Kaffeearoma die Küche erfüllte. Wenn sie spürte, daß Susan Schwielen auf der Seele hatte, verriet sie es nie, aber Alicia verriet überhaupt sehr wenig. Der einzige Hinweis auf ihr heimliches Leben war ihr inbrünstiges Lesen im Neuen Testament.
6
Madison Square Garden ist eine gute Arena für Spieler wie für Zuschauer, und solche Stadien sind selten. Harriet schlängelte sich durch die Menge, ein ansehnliches Publikum für einen Eröffnungsabend, und setzte sich neben Miguel, der heute abend blendend aussah. Er hatte das Geld von Dennis Parrys Amalgamated Interstate Banks erhalten und fühlte sich der ganzen Welt überlegen. Harriet winkte Ricky und Jane oben in der Pressekabine zu; Ricky streckte ihr die Zunge raus. Die beste (und die recht gute) Gesellschaft war zahlreich vertreten. Ein Typ in Harriets Loge hatte so viele Pillen eingeworfen, daß er sich, hätte man ihn geschüttelt, wie eine Babyrassel angehört hätte. Rainey Rogers war im ersten Match. Sie stolzierte auf den Platz wie ein ausgebildetes Paradegirl. Lavinia Sibley Archer, die schon wieder in einem anderen gelben Kleid glänzte, hielt die Eröffnungsrede. Sie brachte sie in weniger als zehn Minuten hinter sich, phänomenal für Lavinia.
Harriet sah sich im allgemeinen nur Carmens Spiele an. Man konnte das Tennis mehr als satt bekommen, selbst wenn es auf diesem Spitzenniveau gespielt wurde. Mitten im Match verduftete sie, denn Miguel versuchte, bei einem Sponsor mit seiner Allwissenheit Eindruck zu schinden. Sich das noch einmal anzuhören, schaffte sie nicht.
Harriet trat in den Umkleideraum.