Выбрать главу

«Hast du den Steuerberater angerufen?» fragte Carmen zwi­schen ihren Lockerungsübungen.

«Ja.»

«Ich finde es unglaublich, daß sie schon wieder eine Steuer­prüfung bei mir machen. Ich kann von Glück sagen, daß dein Staat und meiner mir überhaupt noch etwas übriglassen.» Car­men war geladen, doch das war vor einem Match nichts Neues.

«Das Passahfest ist Mitte April. Vielleicht können wir den Todesengel dazu bringen, mal für die Gegenseite zu arbeiten. Laß uns diesmal die Erstgeborenen vergessen und uns auf die Finanzbeamten konzentrieren.»

«Ja.» Carmen ließ ihr Knie kreisen. «Weißt du, was Ricky mir heute erzählt hat? Er sagt, Bill Tilden hat sein Geld mit Theater­inszenierungen verschleudert, damit er darin die Hauptrolle spielen konnte. Außerdem vergaß er, sich die Zähne zu putzen. Es gibt Leute, die schwören, daß er sich nie die Zähne putzte.» Sie massierte ihre Schulter. «Ist das nicht verrückt? Er war der größte Tennisspieler der Welt, wollte aber etwas anderes sein.»

«Da besteht doch ein Zusammenhang. Er wollte im Rampen­licht stehen, ob auf dem Platz oder auf der Bühne. Er hatte Talent für das eine, aber nicht für das andere. So was kommt oft vor.»

«Meinst du die ganzen Baseballstars, die bei ABC als Kom­mentatoren auftreten und sich dann zwei Sendungen lang hal­ten?» Carmen grunzte.

«Es ist eine harte Umstellung. Wenn du erst mal all diese künstliche Aufmerksamkeit hast, was nicht heißt, daß du sie nicht verdient hättest, lebt es sich schwer ohne.»

«Meinst du das ganz generell oder denkst du da an jemanden bestimmten?»

Harriet dachte darüber nach. «Beides, schätze ich.»

«Ich trete noch längst nicht ab», erklärte Carmen rasch und nachdrücklich.

«Das habe ich auch nie gesagt.»

«Du kannst noch bis an dein Lebensende unterrichten.»

Harriet seufzte. Manchmal machte das Herumtouren sogar Carmen mürbe, die ewige Zigeunerin. «Diese Diskussion hatten wir bereits.»

Carmen schnaubte. «Ich habe heute Seth Quintard samt Ath­letes Unlimited gefeuert.»

Diese Neuigkeit traf Harriet überraschend. «Warum?»

«Miguel hat mir erklärt, daß sie mein Geld so lange zurück­halten, um darauf Zinsen zu kassieren. Und, woran ich nie gedacht habe, ich bin für sie nur eine von vielen.»

«Wohl kaum. Du bist die beste Spielerin der Welt.»

Dies quittierte Carmen mit einem Lächeln. «Jedenfalls nimmt Miguel die Sache in die Hand. Bei ihm werde immer ich Num­mer eins sein.»

Beunruhigt sagte Harriet nur: «Ja.» Sie griff nach einem eselohrigen Kartenspiel und teilte sich geistesabwesend die Kar­ten für eine Partie Solitaire zu.

Nachdem sie eine Runde lang zugeschaut hatte, hielt Carmen das Schweigen nicht mehr aus. «Was denkst du?»

Wie immer, wenn Harriet beunruhigt war, flüchtete sie sich in einen Scherz. «Ach, ich habe mich nur eben mal aufgeregt.» Sie schob die Karten zusammen und mischte neu. «Die Löhne sinken, Preise und Arbeitslosigkeit steigen. Ich kann keine marmeladegefüllten Krapfen mehr auftreiben. Die Tankstellen verschenken keine Gläser mehr. Die Telefonvermittlung ver­sucht, Gespräche abzulauschen, entdeckt aber, daß der Staat bereits drinhängt.»

Carmen, deren gute Laune wiederhergestellt war, lachte. Sie liebte Harriet, wenn sie sie zum Lachen brachte.

Rainey Rogers' Spielweise kannte Miguel so genau wie seine eigene. Im Analysieren von Stärken und Schwächen anderer war er exzellent. Rainey hatte keine auffallenden Schwächen. Wenn auch nicht gerade die Schnellste, so war sie doch spritzig. Wenn auch nicht die Kräftigste, so war sie doch zäh. Ihre einzige echte Schwäche war ihre Tendenz, nicht ans Netz zu gehen; mit einer Spur von Ballscheu zwinkerte sie einmal zu oft, wenn die Bälle auf sie abgefeuert wurden. Nicht daß sie sich am Netz verzettelte, aber im allgemeinen nützte sie nicht mit Macht einen Vorteil aus, indem sie für einen Ball nach vorn spurtete. Sie zog es vor, von der Grundlinie aus auf den langsamen Tod hinzu­arbeiten.

Miguel blieb in seiner Feldrandloge, denn er wollte Seth Quintard meiden. Doch Seth stapfte herein, setzte sich neben ihn und wartete kalt das Ende von Raineys Match ab. Ihre Spiele schienen immer ewig zu dauern, aber irgendwann nahmen sie doch ein Ende.

Rainey hatte kaum über das Netz gereicht, um ihrer besiegten Gegnerin die Hand zu schütteln, als Seth schon loslegte. «Mr. Semana, ich habe Grund zu der Annahme, daß Sie Ihre Schwe­ster dazu bewegt haben, ihre Beziehung mit Athletes Unlimited zu beenden.»

Miguel heuchelte Überraschung: «Ich stehe meiner Schwester sehr nahe, gewiß, aber sie trifft ihre Entscheidungen selbst.»

Seth lehnte sich hinüber. «Sie macht einen großen Fehler. Wir wissen, was jede andere Sportlerin für Werbeverträge bekommt. Niemand kann ihre Leistungen unter Wert einkaufen, weil wir auf den Cent genau wissen, welchen Marktwert jede hat.»

«Sicher.» Miguel nickte.

«Sie gehört zu uns.»

«Sie ist anderer Meinung.»

«Hören Sie, Miguel, lassen Sie den Quatsch. Sie haben ihr erzählt, daß wir ihr Honorar investieren und die Auszahlung um die Drei- oder Vier-Monats-Frist solcher Anlagen verzögern.»

Miguel schätzte es nicht, wenn jemand Tacheles redete. «Es gibt da allerdings einige Verzögerung bei der Auszahlung, Mr. Quintard.»

«Selbst wenn das stimmte, und ich sage nicht, daß es so ist, können wir für Ihre Schwester mehr tun als sonst wer in diesem Geschäft.»

«Vielleicht, aber von jetzt an manage ich ihre finanziellen und vertraglichen Angelegenheiten.»

Wütend über den Provisionsverlust explodierte Seth Quin­tard: «Ich weiß zwar nicht, wie man die brüderliche Entspre­chung zu einem Gigolo nennt, Semana, aber das sind Sie, verflucht noch mal.»

Miguels Gesicht loderte vor Zorn. Er packte Seth bei der Krawatte. «Raus hier.»

Unbeeindruckt fuhr Seth Quintard fort: «Und im übrigen, Sie Pomadenheini, ich weiß Bescheid über das Kokain in den Schlä­gergriffen.» Ohne Quintards Schlips loszulassen, sprang Miguel auf und zog Seth mit hoch. Er schleifte ihn hinaus und stieß ihn die Treppe der Loge runter.

Seth rieb sich den Nacken. Er rappelte sich auf und krächzte: «Dafür werden Sie bezahlen. Und wenn es mich zehn ver­dammte Jahre kostet, das werden Sie mir blechen.»

Miguel hatte ihm bereits den Rücken gekehrt und ging da­von. Erstaunlicherweise hatten nur wenige das unerquickliche Schauspiel beobachtet. Die, die es taten, waren naive Fans, die annahmen, zwei Typen hätten ein bißchen zuviel getrunken.

Miguel stürmte an den Sicherheitsposten vorbei nach drau­ßen. Woher, in Gottes Namen, wußte Seth von dem Kokain?

Miguel war ein Gelegenheitsschmuggler. Er konnte leicht an erstklassiges Koks herankommen, wenn er zu Hause war. Er bohrte Schlägergriffe auf und brachte den Stoff durch den Zoll. Wenn er Carmen begleitete, wurde er nie durchsucht. Er machte es sich nicht zur Gewohnheit; es war ein gelegentlicher Neben­erwerb. Miguel wußte immer, wen er kontaktierte, wenn die richtigen Kunden drauf aus waren. Aber er hatte nicht den Ehrgeiz, ein Berufsdealer zu werden. Tatsächlich hatte er nur zwei feste Kunden.

Einer seiner Kunden, Ronnie Baldwin, ein gutaussehender Tennisspieler, füllte das Koks in eine Gelatinekapsel und führte sie sich in den Hintern ein. Den ersten Satz spielte er ziemlich redlich, während seine Körperwärme die Kapsel zum Schmel­zen brachte. Im zweiten und teilweise dritten Satz spielte er wie ein Wahnsinniger. Wenn sein Spiel über vier oder fünf Sätze ging, saß er natürlich in der Patsche, deshalb hatte er für Not­fälle immer etwas Koks in einem Becher auf der Seitenbank.

Dann ging Miguel ein Licht auf. Baldwin, dieses Schwein, gehörte zum Stall von Athletes Unlimited. Er mußte gesungen haben. Die Gründe dafür konnte sich Miguel nicht zusammen­reimen. Zum Teufel, er hatte diesem Typen einen Gefallen getan, indem er ihm solch erstklassigen Stoff beschaffte. Jemand mußte ihn in die Mangel genommen haben. Er war als Spieler auf dem absteigenden Ast. Vielleicht war ihm ein Vertrag ge­platzt und er brauchte einen Sündenbock.