Von Miguels anderer Kundin konnte Seth es nicht herausbekommen haben. Sie war eine Dame der New Yorker Gesellschaft von tadelloser Herkunft. Solche Leute kannte Seth nicht.
Miguel bekam das Flattern. Er wußte, Seth würde Carmen keine Kokssache anhängen; sie wußte ja von nichts. Er konnte auch Miguel die Kokssache nicht anhängen, ohne das HerrenTennis in Gefahr zu bringen. Wenn Seth auf Rache erpicht war, mußte er sich etwas einfallen lassen. Und da er Carmens Verträge geprüft hatte, fürchtete er, daß es Seth an Einfallen nicht mangeln würde.
In der Wohnung eines Freundes hoch über dem Central Park lauschte Susan ihrem Anwalt. Sie hatte ihr Match mühelos gewonnen, was sie in gute Laune versetzte. Er versetzte sie in noch bessere Laune.
«Du bist ja noch so spät im Büro. Ich dachte, nach Sonnenuntergang sind in San Francisco alle auf Parties.»
«Immer nur Arbeit und kein Vergnügen macht Jerry zur trüben Tasse», erklärte Jerry Hammer. «Ich habe in deiner Sache nachgeforscht. In manchen Städten, in denen du spielst, ist Homosexualität strafbar. Eine Ausländerin mit einer Aufenthaltserlaubnis muß sich sowohl an die Gesetze des Staates halten, in dem sie wohnt, als auch an die Bundesgesetze.»
«Und was bedeutet das?»
«Es bedeutet, wenn deine Freundin bei einer homosexuellen Handlung in - sagen wir - New Hampshire ertappt und ihre Homosexualität den Gesetzeshütern bekannt wird, wäre es denkbar, daß sie nach Argentinien abgeschoben wird. Natürlich ist Homosexualität auch dort nicht wohlgelitten. Sie sind in diesem Punkt ganz übel. Sie sitzt in der Klemme.»
«Sie sitzt nur in der Klemme, wenn man es erfährt. Gibt es eine Möglichkeit, um eine Auseinandersetzung herumzukommen, falls» - Susan stockte - «falls es sie unglücklich treffen sollte?» «Sie könnte juristisch Einspruch erheben, aber ihre Chancen, in diesem Land zu bleiben, wären ernstlich gefährdet.»
«Das ist ja schlimm.» Susan triefte vor Betroffenheit.
«Susan, ich helfe ihr gern heraus, wenn das Dilemma eintreffen sollte. Ist sie eine enge Freundin?»
«Eine alte Freundin.»
«Sag ihr, sie soll vorsichtig sein», riet Jerry.
«Das werde ich tun. Danke. Jerry. Ich weiß deinen Rat sehr zu schätzen.» Susan machte eine Pause. «Möchtest du einen Schläger mit Autogramm für Tiffany? Ich werde ihn gleich morgen zur Post geben.»
«Sie ist sicher ganz aus dem Häuschen», sagte Jerry. «Bis demnächst also, wenn du wieder zu Hause bist.»
«Nochmals danke schön.»
«Wiedersehen.»
«Auf Wiedersehen.»
Jane und Ricky hatten einen Krach, in dessen Verlauf er die Frauenbewegung als Altersheim für Pfadfinderinnen bezeichnete und sie ihm erklärte, daß Männer nur alt, aber nicht erwachsen werden. Jane rief Harriet an. «Wenn's gewittert, gehen die Gewitterhexen einkaufen.»
Harriet, die wohlweislich nicht nach den Details fragte, verabredete sich mit ihr um halb zwei an der Ecke 57. Straße und Fifth Avenue.
Jane begrüßte sie: «Er ist ein solches Arschloch.»
«Und du bist natürlich die Unschuld vom Lande.»
«Sei bloß nicht so vernünftig. Ich kann's nicht ausstehen,
wenn du vernünftig bist. Er wird langsam wie die Spieler, weißt
du. Diese Leute nehmen nie Klopapier. Alle küssen ihnen den
Arsch!» Jane hob die Hand. «Sag bloß nichts. Was können wir
machen?»
«Wir können uns zum Beispiel 23 Möglichkeiten ausdenken, unsere Uteruswände zu tapezieren.»
Jetzt hatte Jane Mühe, an ihrer schlechten Laune festzuhalten. «Na, ich jedenfalls will Geld ausgeben. Hier, mal sehen, was wir da haben.» Jane zog einen ganzen Fächer von Kreditkarten aus ihrer Tasche. «American Express, wir reisen nie ohne sie. Master-Card, Visa, Playboy. Er ist so beschissen. Sears und Roebuck, nicht zu gebrauchen. Saks Fifth Avenue, prima. Magnin - falsche Küste, Garfinckel, nee. Aha! B. Altman. Unsere Komfortables-kaufen-Karte. Und hier der Schlager, Bloomingdale! Laß uns erst mal Tiffany ansteuern. Wir haben da ein Konto.»
«All dieses bunte Plastik erinnert mich an die Bonbontheken im Kino. Solche Karten sind Jujube-Drops für Erwachsene.»
«Samstagmorgen imRitz.» Jane wirbelte durch Tiffanys Drehtüren. Harriet kreiste gleich zweimal herum. Jane zog sie heraus. «Wetten, daß mir mehr Süßigkeiten einfallen als dir?»
«Ich wette, das schaffst du nicht.»
«Also, worum wetten wir?« Janes Laune hob sich augenblicklich.
«Eine Tiffany-Anstecknadel.»
«Los, du bist dran, Rawls. Da ist so ein goldener Knoten, den ich ums Verrecken gern hätte.»
«Ich will den goldenen Würfel, und wehe, du zählst die Piepen.»
«Fertig?»
«Fertig.»
Jane leierte die Naschereien ihrer Kinderzeit herunter: «Almond Cluster, Almond Joy, Baby Ruth, Malted Milk Balls, Butterfinger, Butternut, - mampf. Charleston Chew - Mann, hab ich das Zeug gemocht. Hershey's Kisses. Fifth Avenue Bar, Clark Bar, Big Ben Jellies, Mary Jane, Milky Way, Payday.» Sie wurde langsamer. «Raisinets!»
«Mir fällt auf, daß du im Vorteil bist, weil du angefangen hast. Das ist wie der erste Aufschlag.»
«Das hättest du vorher sagen sollen. Du hast schließlich einen Mund.»
«Jane Fulton, du bist ein Pferdehändler. Jetzt bin ich dran. Auf wieviel hast du's gebracht? Ich habe fünfzehn gezählt. Zähl du für mich.»
Harriet schloß vor der Schreibwarenvitrine die Augen und stellte sich den Glastresen neben dem schmierigen Popcornautomaten in dem Kino ihrer Kindheit vor. «Also los. Tootsie Roll.»
«Wie konnte ich das bloß vergessen!»
«Jane, du störst meine Konzentration!»
«Entschuldige.»
«Na gut. Three Musketeers.»
Jane seufzte.
«Hörst du wohl auf? Ich habe erst zwei. Also, Sugar Daddy, Sugar Babies, Sugar Mama.»
«Harriet, das ist Beschiß.»
«O nein, ist es nicht. Das waren alles verschiedene Sorten.»
Jane stützte den Ellbogen auf die Schreibwarenvitrine und runzelte die Stirn. «Weißt du, ich habe dich ja immer respektiert, Harriet.»
«Halt den Mund, Jane. Ich verbiete dir, mich noch einmal zu unterbrechen. Zähl weiter! Snickers, Red Hot Dollars.»
Jane jaulte auf.
Harriet hielt ihr den Mund zu und fuhr fort: «North Pole, Nutty Crunch, Necco Wafers, Mr. Goodbar.»
Jane biß Harriet in die Hand, damit sie losließ. «Das ist ein Romantitel.» Jane wischte sich über den Mund.
«Das ist ein Schokoriegel, und das weißt du. Baffle Bars und Bit-O-Honey, Black Crows, Pearson's Coffee Nips, Diamond Drops, Whirligigs und Jube Jels. Wie viele sind das?»
«Achtzehn.» Jane sprang auf. «Milk Maid. Sechzehn. Eagle Bar und Poppycock. Wir stehen gleich! Ich muß mir noch eins einfallen lassen. Ich hab's! M & M's.»
«Also fehlen mir zwei zum Gewinnen.»
«Wenn mir nicht noch mehr einfällt.»
Harriet stützte das Kinn in die Hand. «Liberty Mints, Sour Balls und Horehound Drops.»
«Horehound Drops. Furchtbar.» Jane grübelte nach. «Also gut. Virginia Nut Roll.»
«Chunky.» «Das hast du schon gesagt.»
«Jane, das hab ich nicht.»
«Hast du wohl.»
«Verdammt noch mal, kein Wunder, daß Ricky stinksauer wurde. Also gut, du Klugscheißer. Krackel Bar.» Sie stieß die Luft aus. «Oranges Slices.»
«Safe-T-Pops!» brüllte Jane. Die Leute im Geschäft taten, als hörten sie nichts. Der Mann hinter der Schreibwarenvitrine, mit einem älteren Kunden beschäftigt, der zwischen blaßblauem und knallrosa Papier schwankte, irgnorierte versnobt die beiden Frauen.