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Rainey stand in dem Ruf, kalt und reserviert zu sein. Sie war nichts von beidem. Sie war zielstrebig und hatte für oberfläch­liche Freundschaften keine Zeit.

Sie fürchtete die Lesbierinnen auf den Turnierreisen; sie hielt sie für nicht gesund. Sie beobachtete ihre flüchtigen Romanzen, ihre nackte Angst, daß man dahinterkommen könnte, ihre Tren­nungen. Manchmal stanken die Umkleideräume förmlich vor dumpfen Gefühlen. Rainey wollte nichts von alldem. Sie haßte es, wenn gleichsam automatisch angenommen wurde, sie sei wohl ebenfalls lesbisch, und in einem verborgenen Winkel ihrer Seele haßte sie die Lesbierinnen für ihre Verlogenheit. Warum etwas sein, wofür man sich schämte?

Was ihre eigene seelische Gesundheit betraf, so war sie ge­scheit genug, sich auf das von Seth Quintard geschaffene Image einzulassen und sich als das nette Mädchen von nebenan zu geben. Page Bartlett Campbell köderte den Markt als Amerikas süßes Herzchen, also war Rainey die junge Dame. Auch das haßte sie. Daß sie inSeventeen gewesen war, ärgerte sie. Sie wäre lieber inVogue gewesen.

Ihr stand eine sagenhafte Zukunft bevor. Ihre Hand lag fest auf dem Schaltknüppel des Lebens, glaubte Rainey.

Harriet, Ricky und Jane quetschten sich in die TV-Kabine. In fünfzehn Minuten würden die beiden Einzelspiele und die bei­den Doppel des Abends beginnen.

«Howard Dominick ist so niveaulos. Er hat sämtliche Tulpen und Federn von dem Empfang gestern in den Clubraum der Gäste hinaufverfrachtet. Man braucht eine Machete, um zur Bar zu kommen.» Jane kochte.

«Ich komme einfach nicht über den Anblick von Tatiana Mandelstam hinweg. Eine lebende Legende.» Ricky spielte mit dem Gastgeschenk der gestrigen Party, einem Tomahawk an einem Schlüsselanhänger.

«Eine lebende Schlange. Sie ist zwei Jahre älter als Gott», bemerkte Harriet.

«Möchte wissen, was sie zu Miguel gesagt hat. Hast du sein Gesicht gesehen?« fragte Jane.

Harriet schüttelte den Kopf. «Nein, Miguel redet eigentlich nie über das, was wer zu wem oder ihm gesagt hat, wenn ich es mir recht überlege.»

«Carmen hat gestern abend deine alte Selbstmordtaktik ange­wendet: kurzer Lob und Spurt ans Netz. Trixie Wescott war so verdattert, daß sie den Return verpatzte.» Ricky warf Jane den Schlüsselanhänger zu.

«Wie alt ist Trixie?»

«Dreizehn. Harriet, ich dachte, solche Fakten seien in deinem Herzen eingraviert.»

Ricky bemerkter die goldene Würfelnadel an Harriets Man­telrevers. «Sehr schick. Ich habe alles über dem filmreifen Bon­bonkampf gehört.»

«Bei Tiffany sind sie noch nicht drüber hinweg.» Jane rieb ihren Puls. «Diese verdammten Kopfschmerzen. Ich kriege sie einfach nicht los.»

«Möchtest du ein B.C.?» Harriet suchte in ihrer Tasche nach dem Wunderpulver.

«Nein. Erstens sieht dieses Zeug wie Kokain aus, und zwei­tens schmeckt es hundsmiserabel.»

«Es hilft.»

Jane brummte vor sich hin und machte sich dann auf die Suche nach Aspirintabletten.

«Wer wird deiner Meinung nach gewinnen?»

Ricky lehnte sich in seinem Sessel zurück. «Rainey müßte eigentlich gewinnen. Natürlich kann Susan da draußen brutal werden, aber Rainey Rogers ist so methodisch. Sie ist für Mrs. Reilly die härteste aller Gegnerinnen.»

Harriet blickte in das höhlenhaft wirkende Stadion hinab. Seth Quintard schlängelte sich durch die Menge. Miguel, bereits in seiner Loge, folgte ihm mit einem Blick schlechtverhohlener Verachtung. «Seth kümmert es nicht, wer gewinnt, nicht wahr?»

«Nein», antwortete Ricky.

Da Athletes Unilimited sowohl Rainey Rogers als auch Susan Reilly unter Vertrag hatte, konnte Seth nichts verlieren.

«Ist dir je der Gedanke gekommen, daß man irgendwann eines Tages, sagen wir im Falle einer horrenden Vertragssumme, ausgesetzt für Spieler X, wobei Athletes Unilimited Spieler X und Spieler Y repräsentiert, Spieler Y überreden könnte, das Match von vornherein aufzustecken?»

«Dieser Gedanke ist mir durchaus gekommen.» Ricky seufzte. «Aber ich hoffe, das ist noch nicht passiert, und wahr­scheinlich, hoffe ich, es wird nie passieren.»

«<Morgen wählt die Liga der Tennisspielerinnen ihren Vor­stand)», las Ricky laut im Programm.

Harriet kicherte: «Das wird was werden.»

Jane kam wieder in die Kabine gefegt. «Ich hätte nie gedacht, daß ich es noch einmal erleben würde, wie der Madison Square Garden mit Intimpuder berieselt wurde. Howard ist schon ein rühriger Knabe. Überall sind Berge von Pocahontas.» Sie nahm Ricky den Kaffee aus der Hand, schluckte zwei Aspirin und trank.

Ricky nahm Jane mit besorgter Miene den Kaffee ab. Er legte ihr die Hand auf die Stirn.

«Meine Temperatur ist normal. Es sind bloß elend lange dauernde Kopfschmerzen, Schatz.»

Lavinia erblühte bei der jährlichen Ligaversammlung zu voller Pracht. Sie saß vor den zusammengetrommelten Spielerinnen. Siggy Wayne, Vorsitzender des vergangenen Jahres, saß zu ihrer Rechten, Rainey Rogers zu ihrer Linken. Rainey wurde nicht etwa gewählt, weil sie beliebt war. Sie wurde gewählt, weil Lavinia es so wollte.

Die Spielerinnenliga war ein Marionettentheater, gelenkt durch freundliche Empfehlungen von Lavinia Sibley Archer. Sie wollte auf gar keinen Fall eine Gewerkschaft entstehen sehen, also hörte sich das Management einmal im Jahr Be­schwerden und Vorschläge an. Eine Kandidatinnenliste wurde den Spielerinnen vorgelegt, obwohl Nominierungen auch di­rekt auf der Versammlung erfolgen konnten, falls sich jemand traute.

Siggy verlas den Rechenschaftsbericht. Natürlich sei das Ver­sicherungskonzept der Liga das beste. Die Liga - was in diesem Fall Siggy bedeutete - sei dabei, ein Rentenkonzept auszuarbei­ten. Er berichtete auch, daß auf den Wunsch der Mitglieder hin eine weitere Masseuse angestellt werden würde. Dies fand Bei­fall. Diese Mädchen sind so einfach zu manipulieren, dachte Siggy. Wir zahlen der Masseuse einen Hungerlohn und über­nehmen ihre Reisekosten. Jede Spielerin hat weiterhin 25 Dollar für eine Ganzkörpermassage zu bezahlen.

Die Liga sammelte Mitgliedsbeiträge und bestritt Auslagen aus diesen Beiträgen. Siggy berichtete, die Finanzlage sei solide.

Die Liga, der Hunderte von hoffnungsvollen Profis angehör­ten, existierte eher zum Wohl der Spitzenspielerinnen als zu dem des Fußvolks. Wenngleich die 40 besten Spielerinnen das Herz und die Seele des Tennissports waren, wurde mit ihnen kurzer Prozeß gemacht. Lavinia fand, daß es im Tennis lediglich auf die Stars ankam. Wenn eine Spielerin sich nicht zu solchen Höhen aufschwingen konnte, sollte sie eben dankbar in deren Wind­schatten folgen.

Höflicher Applaus begrüßte Lavinia. Sie ging aufs Podium, breitete ihre Notizen aus und begann. Zwar variierten ihre Reden von Jahr zu Jahr, doch ihr Tenor war stets derselbe: Hört auf mich.

«Letztes Jahr zahlten 45 Millionen Amerikaner Eintritt, um ein Baseballstadion besuchen zu können. Die jährliche Besu­cherzahl bei sämtlichen Tennisturnieren, der Damen wie Her­ren, beträgt ganze anderthalb Millionen. Sogar Wimbledon zieht in zwei Wochen lediglich 318000 Besucher an. Tennis ist für einen Veranstalter kein gutes Geschäft. Aus diesem Grunde sind wir in höchstem Maße auf lokale Sponsoren angewiesen, und hinsichtlich des Preisgeldes natürlich auf Tomahawk. Siggy ist es zu verdanken», - sie nickte ihm zu - «daß die Presse unsere Besucherzahlen steigerte, aber trotzdem muß euch klar sein, daß wir nie in der Lage sein werden, ein Stadion so zu füllen wie ein Baseballteam. 50000 Leute können sich die Dodgers ansehen. Eine derartige Masse bekommen wir nur während der letzten Woche der offenen amerikanischen Meisterschaften herein, wenn wir mit den Herren zusammen spielen. Außerdem zieht ein Einzelsport einfach nicht die Anzahl von Fans an wie Mann­schaftssport.