Ohne Stars geht ein Veranstalter pleite. Das Preisgeld macht nur die Hälfte der Kosten aus. Der Veranstalter muß die Sportstätte mieten, Strom und Heizkosten für diese Stätte tragen, die Kosten für Telefon, Werbung, Druck und Verkauf der Eintrittskarten. Er muß belegte Brote und Getränke in den Umkleidekabinen zur Verfügung stellen sowie den Clubraum für eure Angehörigen und Freunde. Neben dem Preisgeld muß der Veranstalter 150000 Dollar lockermachen, um ein einfaches Mittelklasseturnier, einen Wettkampf mit 32 Spielerinnen auf die Beine zu stellen. Und sofern überhaupt Geld dabei verdient wird, geschieht dies nur am Abend des Halbfinales und des Finales.» Sie holte tief Luft. «Ihr seht also, daß Sponsoren im Tennis der Damen von absoluter Wichtigkeit sind. Wir müssen ihren Bedürfnissen Rechnung tragen, denn ohne sie wird niemand ein Turnier veranstalten, und wir alle hier wären arbeitslos. Ich weiß, daß es manchmal ermüdend ist, sich bei Turnieren mit Sponsoren zu unterhalten, aber das ist eure Pflicht. Wir können nicht davon ausgehen, daß Tomahawk uns ewig fördert. Wir müssen ihnen zumindest auf halbem Weg entgegenkommen.»
Dann dankte sie allen, prophezeite ein gutes Jahr und gab zu verstehen, daß Rainey Rogers gewählt werden sollte. Hätte sie Klartext geredet, hätte sie nicht deutlicher sein können: Der Sponsor gibt den Ton an. Ihr tanzt.
«Verdammt, Lavinia hätte uns Rainey glatt in den Rachen gerammt.» Carmen tobte in ihrem Hotelzimmer.
«Rainey ist Amerikanerin», sagte Harriet.
«Und hetero!»
«Das auch.»
«Sie gibt mir nie eine Chance. Was ich haben sollte, ist mehr .» Carmen kam nicht auf das Wort.
«Macht.»
«Ja!»
«Eigentlich solltest du die ganze Liga anführen, aber ich glaube, es ist ein Segen, daß du es nicht mußt.»
«Wie meinst du das?» Carmen strich sich mit den Fingern durch die Locken.
«Möchtest du denn wirklich Vorstand der Liga sein und dir von jeder die läppischen Beschwerden anhören, mal ganz abgesehen von Lavinias Ansichten zu allem und jedem? Und Lavinia hat vielleicht Ansichten. So brauchst du dich um nichts zu kümmern als um Tennis. Und da du den Grand Slam gewinnen wirst, können sie sich alle zum Teufel scheren. Stimmt's?»
«Stimmt.» Carmen wurde merklich heiterer. «Wie fändest du jetzt ein Geschenk?»
«Das ist doch meine Schwäche! Spitze.»
Die impulsiv großzügige Carmen überschüttete ihre Geliebten mit Geschenken. Sie kaufte der einen Frau einen Corvette und einer anderen einen schokoladebraunen Mercedes. Außerdem setzte sie ihre Geliebten auf die Gehaltsliste, indem sie sich Berufstitel für sie ausdachte: Sekretärin, Trainerin - sogar Managerin, bis Athletes Unilimited aufkreuzte. Da jetzt Miguel diesen Titel ergattert hatte, mußte sie sich schon mehr einfallen lassen. Anfangs wollte Harriet keine Angestellte sein. Selbst nach einer erschöpfenden Predigt von Carmens Steuerberater wollte Harriet noch immer nicht angestellt werden. Das Problem war gelöst, als sie als Geschäftspartnerinnen eine kleine Maklerfirma gründeten. Harriet nahm diese Firma tatsächlich ernst, aber Carmen brachte sie davon ab. Es wurmte sie nie, Geld für ihre Geliebten auszugeben - oder besser gesagt, es wurmte sie erst, sie auszuhalten, wenn die Affäre zu Ende war. Dann schwor sie Stein und Bein, ihre letzte Geliebte sei nur auf das Geld ausgewesen, und doch marschierte sie davon und sorgte dafür, daß sich alles wiederholte.
So jung soviel Geld zu haben, ist kein Segen. Alle sagen ja. Anwälte, Steuerberater, Schmarotzer - sie alle sagen ja, weil sie aufs Geld aus sind. Aber Harriet sagte nicht immer ja, und das ärgerte Carmen zwar, gab ihr jedoch manchmal auch zu denken.
«Also, was wünschst du dir?»
Harriet stützte ihr Kinn in die Hand. «Ich möchte imElephant and Castle essen.»
«Ist das alles?» Carmen umarmte sie.
Als sie später am Abend ins Bett krochen, fand Harriet ein herrliches Paar einkarätiger Diamantohrringe unter ihrem Kissen. Carmen konnte schon atemberaubend sein.
In derselben Nacht lagen Ricky und Jane unter weniger glücklichen Umständen im Bett.
«Ich muß zurück und Tests machen lassen.» Jane knipste mit der Fernbedienung den Fernseher aus.
«Vielleicht ist es nur die Nebenhöhle, Schatz.»
«Hoffentlich.»
Ricky legte ihr den Arm um die Schultern. «Ich komme mit. Wir können beide ohnehin eine freie Woche gebrauchen. Warten bringt nichts. Wir fahren gleich nach dem Finale heim.»
«Gut.»
Jane weinte nicht. Da gab es nichts zu weinen. Noch hatte sie keine schlechte Nachricht bekommen. Vor zwei Jahren hatte sie Knochenkrebs im Kiefer gehabt. Damals stand sie eine neue Behandlungsmethode durch. Die Ärzte spritzten ihr eine Flüssigkeit in den Kiefer, und dann saß sie unter einem Punktbestrahlungsapparat, der «Wunderschüsse» auf ihren befallenen Kiefer abfeuerte. Die Ärzte, nicht Jane, nannten diese Behandlung «Wunderschüsse». Sie verlor kaum Haare und mußte sich nicht erbrechen, aber die Behandlung machte sie ziemlich müde. Sie bekam dreimal je zwölf Behandlungen. Am Ende dieser Serie erklärte man sie für geheilt.
Jane erzählte niemandem außer Ricky von der Krankheit. Sie wußte, daß niemand frei war von Vorurteilen und Ängsten vor Krebs. Einem Arbeitgeber hätte sie zu allerletzt davon erzählt. Sie wollte nicht als Risikomitarbeiter betrachtet werden.
Routinemäßig ging sie zu Nachuntersuchungen. Die letzte war völlig einwandfrei gewesen. Doch diese ständigen Kopfschmerzen beunruhigten sie. Die Angst, daß die Krankheit wiederkommt, ist eine Angst, die nur Krebsopfer verstehen. Sie versuchte, sich keine Sorgen zu machen, aber sie überfielen sie. Vielleicht hatte es mit den Kopfschmerzen gar nichts auf sich, doch sie wußte, angesichts ihrer Vorgeschichte würde sie sich einer Reihe widerwärtiger Tests unterziehen müssen. Zum zweitenmal in ihrem Leben empfand sie den eigenen Körper als Feind.
Eine weiße Schachtel Balkan Sobranie-Zigaretten aus feinstem Yenidje-Tabak lag auf Miguels Schoß. Er hatte bereits fünf davon gepafft. Miguel hatte 20000 Dollar auf dieses Spiel gewettet, und natürlich wußte seine Schwester nichts davon.
Carmen und Rainey Rogers hatten je einen Satz gewonnen, und Carmen hatte ihr gerade den Aufschlag abgenommen. Es stand jetzt vier zu drei für Rogers. Teppich war zwar Carmens Belag, doch Raineys Rückhand kam peitschend. In ihrer Entschlossenheit war sie nicht zu irritieren. Wenn Carmen beim ersten Aufschlag nach vorn lief, antwortete Rainey mit einem harten Passierschlag die Linie entlang.
Carmen war kraftvoller. Sie war schneller. Heute hielt sie ihren Spielaufbau nicht besonders flexibel. Carmen änderte ihre Taktik nur ungern, obwohl sie das konnte, wenn sie mußte. Rainey scheuchte sie an der Grundlinie von einer Seite zur anderen. Carmen hielt sich im Hinterfeld, um die haarscharf placierten Passierbälle zu vermeiden, aber das Grundlinienduell war Raineys Spiel. Carmen war auf roten Ascheplätzen groß geworden. Sie konnte im hinteren Feld physisch gewinnen; das Grundlinienspiel langweilte sie total. Das Problem bei Carmen lag heute in ihrem Kopf, nicht auf dem Platz. Bei ihrem Temperament spiegelte das eine ziemlich oft das andere wider.
Rogers gewann mit jedem Ballwechsel an Selbstsicherheit. Carmen gab nicht auf, hatte allerdings keinen Spaß. Carmen war eine Frau, die dauernd das eigene Stimmungsbarometer ablas. Das Aushalten von Unannehmlichkeiten oder Leiden um eines großen Zieles willen war ihr fremd, vor allem emotional. Manchmal konnte sie auf dem Tennisplatz ihre spontanen Wünsche zurückstellen, war sie aber nicht auf dem Platz, wollte sie, wenn sie etwas wollte, dies hier und jetzt. Es kümmerte sie nicht, wieviel es kostete, es kümmerte sie nicht, wem sie dabei auf die Zehen stieg. Nicht daß sie absichtlich über jemanden hinwegstampfte, aber Carmen sprang erst und schaute erst dann, wohin. Bis jetzt war sie immer auf ihren Füßen gelandet.