«Die Liebe?»
Sie schnappte: «Ich würde es nicht so bezeichnen. Ich glaube nicht, daß Frauen sich wirklich lieben können. Ich verstehe die Lesbierinnen nicht. Ich verurteile sie nicht; ich verstehe sie bloß nicht, das ist alles.»
«Natürlich.» Martin stand auf, um zu gehen.
Als Susan die Tür schloß, lächelte sie. Was machte es schon, daß sie die Geschichte über eine Hochzeit erfunden hatte. Kuzirian brauchte es ja nicht zu erfahren. Er mußte lediglich genug motiviert sein, um Carmen und Harriet zu provozieren.
Susan konnte sich den wahren Grund, weshalb sie höllisch scharf drauf war, Carmen zu vernichten, nicht eingestehen. Carmen war die einzige Spielerin, die ihre Leistungen in den Schatten stellen konnte. Carmen war die einzige Spielerin, die den Grand Slam gewinnen konnte. Bei der Gefährdung ihrer Aufenthaltserlaubnis und dem weltweiten Aufruhr über ihr Lesbischsein sollte sie es mal versuchen, sich auf Tennis zu konzentrieren!
Susan war nicht stolz auf sich. Unter diesem Aspekt sah sie es nicht. Sie handelte unter dem Aspekt des Überlebens. Sie kämpfte um sich selbst, um ihre Leistungen. Sie hatte sich mit ihrem ganzen Sein dem Tennis verschrieben, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß es womöglich vorbei wäre, daß sie älter würde, daß sie vielleicht bald vergessen wäre. Wer sie war, wußte sie nur, wenn sie den Applaus hörte. Wie konnte sie dies aufgeben? Wie konnte sie beiseite treten zugunsten einer, die noch vor wenigen Jahren ein Kind mit gebrochenen Englischkenntnissen gewesen war? Wie Susan es sah, war Carmen sprunghaft, überemotional und simpel gewesen, als Susan sie unter ihre Fittiche nahm. Sie hatte dieser jungen Spielerin geholfen, ihre Größe zu erreichen. Als Geliebte, nun, da war Carmen ein Fehler gewesen.
7
Das Flugzeug hob ab. LaGuardia fiel unter ihnen zurück und glich rasch einer Spielzeugszenerie. Lavinia Sibley Archer und Siggy Wayne saßen in der Economy-Klasse nebeneinander. Siggy trug eine Tupfenkrawatte zum teuren blauen Nadelstreifenanzug. Der Mann war einfach hoffnungslos. Seth Quintard wartete mit geöffnetem Aktenkoffer auf seinen Jim Beam on the Rocks. Es war ein klarer Tag. Die Tomahawk-Turnierrunde war vorbei, aber Lavinia, Spielleiterin der Damentennisliga, konnte an jedem Turnier ihrer Wahl teilnehmen. April und Mai, zwischen den Tomahawk-Turnieren und dem French Open, waren eine lasche Zeit. Seit drei Jahren bereits warben Siggy und Lavinia um Sponsoren für Einzelveranstaltungen. Hilton Head wurde von Bekleidungsfabrikanten gesponsert.
Die beiden arrangierten auch die Nachwuchs-Turnierrunde, die in Mittelstädten stattfand und aus der die nächste Generation von Tennisstars hervorging. Die Nachwuchs-Turniere waren für alle ein gutes Training, für junge Spielerinnen, Schieds- und Linienrichter.
Lavinia und Siggy hatten gute Gründe, auf ihre Leistungen stolz zu sein, aber im Augenblick kabbelten sie sich wegen des Nachwuchs-Turniers.
«Dieses blonde Mädchen - es lohnt sich, die aufzubauen.» Siggy fand die Kleine niedlich.
«Es würde sich entschieden mehr lohnen, wenn sie am Netz spielen könnte», konterte Lavinia, der ewige Profi.
«Das kommt mit der Zeit noch. Sie sieht großartig aus. Die Presse wird sie ins Herz schließen. Sie ist vierzehn.»
«Trixie Wescott ist dreizehn.»
«Trixie Wescott ist potthäßlich«, sagte Siggy grob. «Wir brauchen mehr hübsche Mädchen, Lavinia.»
«Wenn hübsche Mädchen keine Tennisturniere gewinnen, kann ich nichts daran ändern.»
Siggy blies ihr seinen Atem in den Nacken. «Manchmal braucht ein Kind lediglich Schützenhilfe, einen Schuß Selbstvertrauen. Wir müssen vier künftige Stars auswählen. Wenn wir uns verschätzt haben, was macht das schon? Die Kinder, die gewinnen, bekommen ihren fairen Anteil an Publizität. Wir müssen unser Material besser aussuchen.»
«Na gut, sie wird eine von den vier sein. Wen hast du sonst noch im Auge?»
«Das schwarze Mädchen.»
«Annalise? Sie hält sich gut auf dem Platz. Noch eine beidhändige Rückhand. Ein gefährlicher Schlag. Sie hat die Anlagen, zweifellos hat sie die Anlagen.»
«Wir brauchen einen schwarzen Star. Überleg mal, Lavinia. Ein ganz neues Publikum, die schwarze Mittelklasse.»
«Ja.» Jede Nacht betete Lavinia um eine neue Althea Gibson. «Siggy, ich bin ziemlich müde. Laß uns nach dem Abendessen weiterreden.»
«Na gut.» Siggy glitt in seinen Sitz zurück. Soweit er sich erinnern konnte, war Lavinia nie zu müde gewesen, um Geschäftliches zu besprechen.
Frauen, die aus Pappagallo-Schuhen heraus- und in solche von Geoffrey Beene hereingewachsen sind, mögen Orte wie Hilton Head. Die Apartmenthäuser sind neu, die hohen Decken lassen sie geräumig erscheinen, Bepflanzung sorgt für Privatsphäre, und auf der Insel wimmelt es von Vögeln und Fahrrädern. Die natur- und lärmgeschützte Umgebung hilft diesen Frauen und ihren leinenbehosten Männern, sich einigen Augenblicken gequälter Verzückung hinzugeben. Selbst wenn die Paare mittleren Alters es nicht genossen, zwischen niedrigen Fächerpalmen herumzuwandern - zu Hause in New Jersey würden sie schwören, es sei wundervoll gewesen.
Hilton Head bot den perfekten Rahmen für ein Damentennisturnier. Die meistverkauften Artikel waren Sonnenschirme, Sonnenblenden und alkoholische Getränke. Hilton Head war fraglos das Land der trinkfesten Generation; beim Wein jagte man Trugbildern nach. Und wenn das danebenging, begnügte man sich mit einer Partie im Doppel oder vielleicht einer Runde Golf. Abends ergingen sich die Paare auf den Promenaden und genossen die Ruhe. Und dann gab es da noch für solche, die mit Sandflöhen Bekanntschaft machen wollten, das Meer.
Carmen trainierte. Eine kleine Menge in den unvermeidlichen Lacoste-Hemden versammelte sich ringsum. Carmen schlug den Ball hinter ihrem Rücken. Sie oohten. Sie nahm einen mörderischen Schlag halbvolley. Sie aahten. Sie schmetterte einen Überkopfball. Sie lachten. Carmens Ansporn lag darin, eine Schau abziehen zu können und dafür noch bezahlt zu werden. Ihre Zeit war knapp wie die einer Tänzerin, der Applaus bestärkte sie, und die Zukunft existierte nicht, außer als Verlängerung der Gegenwart. Die Wahrheit würde sich später bemerkbar machen wie Arthritis. Carmen bezahlte andere dafür, daß sie die Alltagspflichten für die erledigten; das Tennis ließ ihr kaum eine andere Möglichkeit. Wenn sie ein Glas Orangensaft wollte, pflückte, verschiffte und preßte jemand anders die Orange. Carmen preßte das Leben aus und glaubte, der Saft werde ewig fließen.
Heute war sie selig, mit ihrem Bruder trainieren zu können. Auch er war selig. Das imitierte Bekleidungssortiment verkaufte sich. Sein Partner in Hongkong überschlug sich vor Tüchtigkeit. Da sein Kompagnon sich nicht den Kopf zerbrechen mußte über staatliche Intervention, Gewerkschaftsbestimmungen oder moralische Fragen, fiel es ihm leicht, tüchtig zu sein. Dennis Parry hatte seine 50000 Dollar. Die nächste Rate war erst in einigen Monaten fällig. Er wußte, daß der Mann in Hongkong von dem Gewinn etwas abschöpfte, doch das scherte Miguel nicht. Er hatte bereits 100000 Dollar vom ursprünglichen Kredit beiseite geschafft. Das Leben war herrlich.
«Ich habe heute mit Baby Jesus telefoniert.» Carmen rieb sich mit dem Leinenschuh die Wade. «Ein neuer Roman, natürlich. Katalysator. In diesem geht's um heimliche Liebesaffären.»
Seit ihrer Ankunft in South Carolina war Carmen ständig vergnügt. Sie erklärte sich sogar zu einem Spaziergang mit Harriet bereit.
«Und was hatte Baby sonst noch zu sagen?»
«Sie wünscht sich frisches Hühnerfleisch, frische Katzenminze und eine lebende Maus zum Geburtstag.»
«Ihr Geburtstag ist erst am 14. Juli.»
«Ich weiß, aber sie ist da ganz wie ihre Mutter. Sie gibt ihre Bestellungen frühzeitig auf.» Eine Gestalt schloß die Tür zu einem Apartment. «Ach Scheiße, da ist Miguel.»