«Und in der Zwischenzeit, Ameisenlöwe, kommt es mir so vor, als räumten wir auf der <Titanic> die Liegestühle um.»
In seliger Unwissenheit trat Carmen zu ihrem Match auf dem Tennisplatz an. Da die Apartmenthäuser nahe bei den Plätzen lagen, konnte sie auf den Umkleideraum verzichten, sich in ihrem Zimmer anziehen und auf den Platz laufen. Bei der Ankündigung ihres Namens erfolgte kräftiger Applaus; hier und da wurde gekichert, aber das bemerkte sie nicht. Trixie Wescott, mit Schleifchen geschmückt, sah Carmen nicht ins Gesicht, doch auch das war nicht ungewöhnlich. Die meisten Spielerinnen wollten einer Gegnerin nicht ins Gesicht sehen, nicht so unmittelbar vor dem Versuch, sie fertigzumachen. Wie üblich leitete Miranda Nexata das Ganze.
Beim Aufwärmen bemerkte Harriet, daß man sie musterte. Sie redete sich ein, daß natürlich ihre überirdische Schönheit diese verschämten wie auch direkten Blicke anzog. Nur gab es da das Problem, daß Harriet keine überirdische Schönheit war. Dann fragte sie sich, ob sie etwa die Symptome von Beulenpest aufwies. Harriet saß da und fragte sich, was zum Teufel eigentlich los war.
Siggy Wayne sah seine sämtlichen Felle davonschwimmen. In Alarmstimmung, aber kühl, verschwendete Lavinia Sibley Archer kostbare Energien auf ihn.
«Chrysler. Jetzt geht der Chrysler-Vertrag den Bach runter.»
«Siggy, reiß dich zusammen. Du benimmst dich wie ein Jammerlappen.»
«Das glaubst du wohl nicht, daß die Sponsoren uns deshalb abblitzen lassen? Wen soll ich jetzt aufreißen? Eine LastwagenFirma?»
«Hält's Maul und laß mich nachdenken.» Lavinia befleißigte sich selten solch drastischer Umgangssprache.
Siggy hielt das Maul. Lavinia stapfte durchs Zimmer. Sie hängte ein Bitte-Nicht-Stören-Schild an die Bürotür. Wie lange man das respektieren würde, wußte sie nicht. Die Spielerinnen vielleicht eine Weile, aber mit der Presse war das eine andere Sache.
Unfähig, länger als zwei Minuten still zu sein, redete Siggy weiter: «Carmen muß öffentlich dementieren, daß sie Lesbierin ist.»
«Daran dachte ich auch schon. Sie wird lügen, weil sie muß. Außerdem ist mir noch keine Lesbierin untergekommen, die bereitwillig erklärt, daß sie eine ist. Carmen ist da keine Ausnahme. Sie wird uns unsere Pressekonferenz geben.»
«Worüber müssen wir uns sonst noch den Kopf zerbrechen?
Die Sponsoren sind der Sport, Lavinia. Mag sein, daß die Fans kommen, weil sie Tennis lieben, aber die Sponsoren nicht. Oh, warum muß uns das ausgerechnet jetzt passieren? Ich sollte nächste Woche den Vertrag mit Chrysler unterzeichnen.»
«Das meine ich ja.»
«Hm.» Sie sah ihn prüfend an, als läge er unter einem Mikroskop. «Du hättest Wimbledon nie gewonnen, Siggy.»
«Ich bin nicht sportlich.»
«Was ich damit sagen will, ist, daß du einen kühlen Kopf bewahren mußt. Je schlimmer die Situation, desto kühler mußt du werden. Konzentration, Siggy, Konzentration.»
«Hier geht's nicht um ein beschissenes Wimbledon. Hier geht's ums Geschäft!»
«Ich verbitte mir solche Ausdrücke in meiner Gegenwart.»
«Entschuldige, da ist mir der Gaul durchgegangen.»
«Ich glaube, wir können diese Lesbensache unter Kontrolle halten. Wir müssen Carmen dazu bringen, alles auf Harriet abzuwälzen. Ich werde mit ihr reden, und ich werde dafür sorgen, daß Seth Quintard mit ihr spricht.»
«Du vergißt, sie hat Seth gefeuert. Miguel hatte da seine Finger im Spiel, darauf kannst du Gift nehmen.»
«Also, wird Harriet die Schuld auf sich nehmen?» Lavinia legte ihren Finger an die Nase, tippte einmal daran und erklärte: «Ja. Sie liebt Carmen. Sie kann untertauchen und sich irgendwo einen ruhigen Job suchen.»
Siggy sah sie entgeistert an. «Einen Job? Die Frau ist College-Dozentin. Nach diesem Skandal würde sie nicht mal im Herzen von San Francisco eingestellt.»
«Sie kann immer noch als Sekretärin arbeiten», meinte Lavinia naserümpfend.
«Eine Sekretärin mit einem Doktor in Philosophie? Die Frau wird für den Rest ihres Lebens gebrandmarkt sein, Lavinia.»
«Sie kann der Schwulenbewegung beitreten und sie führen.» Lavinia trommelte mit den Fingerspitzen gegeneinander.
«Die Gehälter für Märtyrer sind lausig.» «Was ist denn in dich gefahren?» forschte Lavinia scharf.
«Es klingt vielleicht grausam, aber ...» Seine Stimme versickerte.
«Du bist doch derjenige, der wegen der Sponsoren jammert.»
«Ich weiß.»
«Ich jedenfalls werde Harriet Rawls keine Tränen nachweinen. Da sie dumm genug war, die Wahrheit zu sagen, hat sie sich den Rest selbst zuzuschreiben. Wir schieben die Schuld auf sie. Was mit einer Homosexuellen passiert, geht mich nichts an - und dich auch nicht. Sie nimmt die Schuld auf sich!»
«Du verlangst eine Menge.»
«Ich muß gar nichts verlangen. Carmen Semana wird das schon besorgen. Tennis bedeutet ihr mehr als Harriet. So gut solltest du Tennisprofis kennen. Zuerst opfern sie ihre Mütter und Väter, dann ihre Ehemänner und Ehefrauen, und anschließend kommen ihre Kinder dran.»
«Hast du das etwa auch getan?» Ausnahmsweise war Siggy einmal schockiert.
«Ich habe erst nach meiner Karriere geheiratet. Damals waren noch andere Zeiten.»
«Ich rufe Chrysler an und versuche, die Wogen zu glätten. Du rufst Howard Dominick an.»
«Nein, Siggy. Laß die Sache laufen. Womöglich passiert gar nichts. Es besteht kein Grund, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, indem wir unverhältnismäßig reagieren. Wenn sie uns anrufen, werden wir darüber sprechen. Wenn nicht, benehmen wir uns, als sei fast nichts geschehen. Denk dran, es ist Harriet, die auf dem elektrischen Stuhl sitzt, nicht Carmen oder das Damentennis.»
«Na gut.»
«Warum schaust du dir nicht das Match an und siehst, wie es läuft?» Und noch ehe er genickt hatte, erklärte sie: «Wir hatten damals keine Homosexuellen, als ich Wettkämpfe bestritt.»
«Lavinia, das kannst du doch wohl nicht glauben.»
«Wenn wir sie hatten, sagten sie jedenfalls nicht, daß sie es waren. Das läuft aufs gleiche raus.»
Carmen schüttelte Trixie die Hand. Sie hatte die Dreizehnjährige ohne große Mühe besiegt. Siggy Wayne stand am Platz. Er packte sie beim Arm, als sie davontrottete.
«Komm mit. Keine Pressekonferenz heute. Ich bringe dich zu deinem Apartment.»
Harriet beobachtete dies und nahm an, er werde Carmen zum Pressezelt bringen. Sie beschloß, noch vor ihnen zum Apartment zurückzugehen.
«Hast du heute Martin Kuzirians Kolumne gelesen?» fragte Siggy Carmen.
«Nein, allerdings lese ich seine Kolumne nie.»
Siggy fischte den Zeitungsausschnitt aus seiner Tasche. Während sie zum Apartment zurückgingen, las Carmen, und er hielt ihr die Leute vom Leib. Lavinia hatte ihm nicht aufgetragen, Carmen zu begleiten, aber er hielt es für klug.
Carmens Ausdruck wechselte von schlichter Interesselosigkeit zu Wut. Sie knüllte den Zeitungsausschnitt zusammen und gab ihn Siggy zurück. Er steckte das Knäuel wieder in seine Tasche.
«Drecksack!»
«Noch ist nicht alles verloren. Wir können das hindrehen.»
Carmen hörte ihn nicht. Sie beging eben in Gedanken den perfekten Mord.
«Dies muß nicht unbedingt einen Skandal bedeuten.»
«Was?»
Diese Kinder, dachte Siggy. Luftikusse, alle miteinander. «Ich sagte, es muß nicht unbedingt eine Katastrophe werden.» Sie waren beim Apartment angelangt. «Laß uns reingehen und es durchsprechen.»
Carmen suchte in der Schlägerhülle nach dem Schlüssel. Sie konnte ihn nicht finden. Sie klopfte zweimal an die Tür. Harriet rief von drinnen: «Wer ist da?»
«Ich - und Siggy.»
Harriet öffnete die Tür. Siggy war der letzte, den sie zu sehen wünschte, jetzt noch sonst wann. Der kurze Spaziergang, den sie und Carmen gestern unternommen hatten, war die einzige Zeit gewesen, die sie zusammen verbrachten, vom Schlafen einmal abgesehen.