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«Lies das.» Siggy drückte Harriet das Zeitungsknäuel in die Hand. Er ließ sich unaufgefordert nieder. Carmen fand ihre Zigaretten und steckte sich eine an.

Harriet las den galligen Artikel zu Ende und gab ihn Siggy in besserem Zustand, als sie ihn bekommen hatte, zurück. «Der Preis des Ruhms.»

«Solange ihn Carmen nicht bezahlen muß.» Feingefühl war nicht Siggys Sache. «Denk an ihren Ruf in Argentinien.»

«Was soll das heißen?» brauste Carmen auf.

«Das heißt, daß du das alles abstreiten mußt, und Harriet muß verschwinden. Bis Gras darüber gewachsen ist, natürlich.»

«Siggy, ich denke, du solltest jetzt besser gehen. Carmen und ich müssen miteinander reden.»

«Hier geht's ums Geschäft, Harriet. Ich glaube, das begreifst du nicht.»

«Ich begreife, daß du Carmen und mich als Paar nicht respek­tierst. Hätten wir zwei Kinder, einen Kombi und drei Goldham­ster, würdest du dich nicht im Traum in unserem Wohnzimmer breitmachen, nachdem solch eine Bombe auf uns niedergegan­gen ist. Bitte, geh.»

«Oh.» Er stand auf und ging zur Tür. Bevor er sie öffnete, sagte er zu Carmen: «Ruf mich an, wenn ihr beide geredet habt. Wir müssen beschließen, was du der Presse sagst. Sie werden dich nicht in Ruhe lassen, das ist mal sicher.» Er verließ sie mit dem Eindruck, diejenige mit den schlechten Manieren sei Harriet.

Das Telefon läutete. Carmen nahm den Anruf entgegen, hörte zu, antwortete einsilbig und legte dann auf.

«Noch mehr schlechte Nachrichten?» fragte Harriet mit er­stickter Stimme.

«George Gibson, mein Anwalt. Er macht sich Sorgen um meine Aufenthaltserlaubnis.»

«In dem Artikel stand, daß ich lesbisch bin, nicht du.»

Carmen starrte ins Leere und sagte: «Würdest du mich lieben, wenn ich nicht Tennis spielte?»

«Ja. Ich habe dich von dem Tag an geliebt, als ich dich kennenlernte, und ich werde dich lieben, bis ich sterbe. Mir ist egal, was du tust, solange du in den Spiegel blicken und stolz auf dich sein kannst. Ist das nicht das Wesentliche?»

«Du fährst nicht heim. Scheiß auf Siggy.»

«Ich finde, wir hatten genug Aufregung für einen Tag. Laß uns eine Partie Romme spielen. Wir können uns später mit meinem brandneuen öffentlichen Lesbentum beschäftigen.»

«Hätte ich nur zugelassen, daß du den Schnüffler grün und blau prügelst», sagte Carmen.

«Dann hätte er mich eine Kommunistin genannt, eine Kin­derschänderin, eine Rauschgiftsüchtige. Gibt's sonst noch was im Lexikon des Entarteten? In seinem kleinen Hirn rangiert Homosexualität wahrscheinlich auf derselben Stufe.»

«Ich verstehe das nicht. Ich versuche, es mir klarzumachen, aber ich schaffs nicht. Wir tun niemandem was. Wir arbeiten. Wir zahlen unsere Steuern. Trotzdem sind wir Kriminelle? Ich kapiere das nicht.»

«Ich auch nicht.» Harriet mischte die Karten.

Ein Unglück kommt selten allein, und Miguel bekam das zu spüren. Als er zum Apartment zurückschlenderte, begegnete er Schmettie Kittridge. Normalerweise war sie mehr als freund­lich, aber heute ahnte er gleich, daß etwas nicht stimmte. Als er sie zur Rede stellte, erfuhr er die schlechten Nachrichten. Kaum in seinem Zimmer angelangt, las er die Kolumne. Es war eine einzige Katastrophe.

Miguel ging auf und ab. Er mußte die Sache seiner Schwester ins Lot bringen, aber wie? Wenn ein Skandal größeren Ausma­ßes losbrach, würde sich die Modekollektion nicht verkaufen lassen. Miguel und die ahnungslose Carmen würden auf 600000 Dollar Schulden sitzenbleiben. Wenn es ganz schlimm kam, konnte sie ihre Verträge verlieren. Man ließ sie vielleicht nicht sofort fallen, sondern erneuerte einfach nicht. Er wußte nicht, ob er für neue sorgen konnte. Womöglich würde niemand mehr mit Carmen in Verbindung gebracht werden.

Schließlich nahm er den Hörer auf. «Migueletta, komm rüber. Wir müssen miteinander reden.»

«Ich ruhe mich gerade aus.»

«Komm sofort her.»

Carmen wollte, daß Harriet mitkam, aber Harriet wußte, daß dies eine Sache ausschließlich zwischen Bruder und Schwester war. Ängstlich öffnete Carmen die Tür zum Apartment ihres Bruders. Eine Bö stob in die herumliegenden Blätter.

«Ist das wahr?»

«Ja», sagte sie.

Miguel seufzte. «Ich denke, ich hab's immer gewußt. Ich begreife es nicht. Ich weiß nicht, ob du so geboren bist, oder ob es eine Krankheit ist wie Alkoholismus, aber eines weiß ich genau: Es kann dich ein verdammtes Vermögen kosten.»

Carmen begann zu weinen. Miguel legte den Arm um sie. Er würde ihr nicht erzählen, wie schlimm es wirklich werden konnte. Vielleicht ließen sich die Kastanien ja noch aus dem Feuer holen.

«Was soll ich bloß tun?»

«Lügen.»

«Jesus, Miguel!» Sie schluchzte.

«Alle anderen tun's auch. Sei nicht dumm.»

«Und was wird mit Harriet?»

«Ich weiß nicht.» Er strich über den Schnurrbart. «Ich könnte sie zum Beispiel heiraten. Wenn sie gut genug für dich ist, sollte sie auch gut genug für mich sein.» Er versuchte zu lachen.

Carmen war verblüfft. Sein Vorschlag hatte etwas Bizarres und psychologisch Hintergründiges.

«Wozu sollte das gut sein?»

«Es würde erklären, warum ihr beide unterwegs ein Zimmer teilt und in Cazenovia zusammenwohnt - sie konnte schließlich nicht öffentlich bei mir schlafen. Jetzt, da Kuzirian sie beschul­digt, Lesbierin zu sein, sagen wir ihnen die Wahrheit.»

«Sie hat ihm erzählt, daß sie mich liebt.» Carmen wies mit einigem Stolz darauf hin.

«Das war ein Fehler.»

«Du hättest dabei sein sollen. Es ist nicht so, wie du glaubst. Sie hat nie darüber gesprochen.»

Miguel hob die Hand, um diesen Schwall abzublocken. «Das glaube ich gern. Wir können sagen, daß er eine Geschichte zu basteln versucht, die es überhaupt nicht gibt. Sie liebt dich als Freundin und künftige Schwägerin. Wir werden es so hindre­hen, daß er der Gelackte ist.»

«Ich weiß nicht.»

«Denk drüber nach. Wir müssen unbedingt etwas tun.»

Die Büros der Konzernführung von Tomahawk in einem Wol­kenkratzer Manhattans lagen so hoch, daß die Angestellten behaupteten, sie litten unter Nasenbluten. Howard Dominick raufte sich das schütter werdende Haar, ein untrügliches Zei­chen für erheblichen Kummer, da er gewöhnlich mit seinen verbliebenen Strähnen höchst sorgfältig umging.

«Ich sagte noch zu Lavinia, daß mit diesen Mädchen etwas geschehen muß.»

Ruth, seine altbewährte Sekretärin, nickte zustimmend.

«Tomahawk kann sich das nicht leisten. Was werden unsere Kunden denken? Werden sie jetzt unsere Verkäuferinnen komisch ansehen? Sie werden denken, wir unterstützen so was wie einen lesbischen Harem. Außerdem» - er senkte die Stimme - «haben wir soviel Geld reingesteckt, um mit dem Damentennis identifiziert zu werden - wie kommen wir da jetzt wieder heraus?»

«Vielleicht ist das alles ja gar nicht so schlimm», sagte Ruth beschwichtigend.

«Ich sehe schon die Post, die wir kriegen werden, ganz zu schweigen von dem, was der Alte dazu sagen wird.» Beim Gedanken an Jensen Bainbridge schauderte ihn. «Es wird hei­ßen, die Tennisspielerinnen sind allesamt schwul.» Er raufte sich wieder das Haar.

Ruth versuchte, etwas Humor in die Sache zu bringen, und sagte: «Die Frage ist doch vor allem, sind sie kesse Väter? Wenn die Mädchen feminin aussehen, können wir noch mal davon­kommen.»

«Zum Teufel, selbst die Heteros sehen wie kesse Väter aus.» Howard vergrub den Kopf in seinen Händen.

Susan Reilly trug ihre Heterosexualität so knallig zur Schau, daß Alicia Brinker sich nicht gewundert hätte, wenn Susan mit Diaphragmen als Ohrringe dahergekommen wäre. Craig und Lisa wohnten bei ihr in Hilton Head, während sich Alicia zu einer Spielerin, die sich gerade im Nachwuchs-Turnier qualifi­ziert hatte, verkrümelt hatte. Susan, die sich zu so etwas wie sexueller Treue nie verpflichtet fühlte, trieb es jede Nacht mit Craig. Jeder dritte Satz aus ihrem Mund begann mit «mein Mann» oder «meine Tochter». Alicia las in ihrem Neuen Testa­ment. Darin schien es keine Antwort zu geben, die sich auf das beziehen ließ, was in ihr vorging. Sie wußte, daß die Person, die sie liebte, etwas unsäglich Niederträchtiges getan hatte. Noch hatte Alicia nicht zwei und zwei zusammengezählt, doch das war nur eine Sache der Zeit. Sie war gut im Rechnen.