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Anfangs glaubte sie nicht, daß Martin Kuzirians Artikel auf Susan zurückzuführen sei. Egoisten laufen nicht herum und reden über andere Leute. Susan würde Carmen nicht verpfeifen. Und außerdem, wenn die Leute das Damenprofitennis erst einmal für ein Lesbennest hielten, wäre Susan dann nicht auch in Gefahr? Langsam ging Alicia auf, daß ein guter Angriff Susans beste Verteidigung war. Das lenkte die Aufmerksamkeit von ihr selbst ab. Vielleicht stimmte es ja wirklich, daß Dunkel­lesben die Homosexualität am heftigsten attackierten. Alicia verdrängte diese Gedanken. Es konnte einfach nicht wahr sein. Dennoch fühlte sie, wie es ihr eiskalt den Rücken runterlief.

Sie schloß die Augen, öffnete die Bibel, legte den Finger blindlings auf eine Seite und las den folgenden Absatz: Siehe, die Schiffe, ob sie wohl so groß sind, und von Starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wo der hin will, der es regieret.

Also ist auch die Zunge ein klein Glied, und richtet große Dinge an. Siehe, ein klein Feuer, welch einen Wald zündet's an.

Alicia las den Absatz zum zweitenmal. Sie klappte die Bibel zu und fühlte sich noch elender.

Sie hätte sich nicht elender fühlen können als Carmen und Harriet, die Kuzirians Enthüllung noch immer nicht überwun­den hatten. Nachdem sie 24 Stunden hatte verstreichen lassen, hielt Lavinia die Zeit für ihren Auftritt in Carmens Apartment für gekommen. In Anbetracht der Umstände verhielt sich La­vinia bewundernswert. Sie unterdrückte ihre Abneigung gegen Harriet und besprach die Angelegenheit mit beiden. Sie hatte Grips genug zu wissen, daß es sie nicht weiterbrachte, wenn sie Carmen gegen Harriet ausspielte. Wenn man ihre Grundprä­misse akzeptierte, war ihre Argumentation völlig logisch: die Leute wollen die Wahrheit nicht wissen und brauchen sie auch nicht zu wissen. Eine Tennisspielerin ist eine Entertainerin, deren Arbeit darin beruht, dem Publikum ein paar Stunden Unterhaltung zu bieten und sie von den Sorgen des Lebens abzulenken.

Lavinia ging es nicht um Schuld. Sie sprach für das Damen­tennis, wie sie es sah. Harriet respektierte Lavinia widerwillig. Lavinia stellte nichts über ihren Beruf und war zu Kompromis­sen mehr als geneigt, wenn sie diesem Beruf förderlich waren. Harriet sträubte sich allerdings, als Lavinia verlangte, daß sie verschwände, daß Carmen alle Gerüchte, sie sei lesbisch, vehe­ment bestreiten, schnell einen Freund finden und eine Story darüber in der ZeitschriftPeople lancieren solle. Lavinia war mit einem der Redakteure gut befreundet.

Lavinia knöpfte sich Harriet vor. «Du bist älter, Harriet. Du weißt, daß Carmen noch fünf Jahre vor sich hat, ohne Verlet­zungen. Ihre Karriere ist kurz. Was opferst du schon? Ihr beide könnt in aller Ruhe zu Hause Zusammensein. Das Leben unter­wegs ist aufreibend. Gönn dir eine wohlverdiente Ruhepause, Harriet. Carmen kann tun, was immer sie will, wenn sie nicht mehr aktiv ist. Dann kann sie viel offener leben, falls ihr euer Leben so seht, aber jetzt muß sie einzig und allein an Tennis denken. Ich weiß, daß euch eine Pressekonferenz vielleicht anwidert, doch das Leben ist nicht immer so, wie ihr es gern hättet, und die Leute sind nicht immer so, wie wir sie gern hätten. Amerika ist für einen Lesbenskandal im Damentennis noch nicht aufgeschlossen genug. Und die Sponsoren auch nicht. Hier geht es um mehr als nur um euch beide. Versuch, das Gesamte zu betrachten.» Sie schwieg für einen Moment. «Ich will es einmal so ausdrücken: Du hast eine andere Perspektive, Harriet, deshalb hältst du den Sport vielleicht für nicht beson­ders wichtig, aber zwölfjährige Mädchen blicken zu Carmen auf. Du willst doch nicht, daß sie glauben, sie sei lesbisch, oder?»

Harriet fand diese Predigt so bodenlos und jeder Antwort unwürdig, daß sie zuhörte, ohne den Mund aufzumachen. La­vinia deutete das als Zustimmung. Nach einigen weiteren wohl­gesetzten Worten ging sie, nicht ohne einen gewissen Stil.

Als Lavinia fort war, zündete sich Carmen eine Zigarette an. Harriet war ungewöhnlich schweigsam. Das bedrückte Carmen.

«Was denkst du?»

«Was?» Harriet fuhr zusammen.

«Ich sagte, was denkst du?»

«Ich versuche, das, was die Leute sagen, gegen mein Gefühl abzuwägen und dann all das gegen das abzuwägen, was für dich richtig ist.»

«Ich bin keine Lügnerin.» Carmen stieß eine Rauchwolke aus wie ein Drache.

«Nein, das bist du nicht.»

«Alle fordern, daß ich lüge.»

Harriet rang darum, nicht zu beten, daß ihre Geliebte sich als die Frau erwies, die sie sich wünschte. Sie betete statt dessen um die Fähigkeit, Carmen zu lieben, was immer sie auch tun würde.

«Ich will keine Märtyrerin sein», fauchte Carmen.

«Sie verlangen von mir, daß ich das Märtyrertum der Liebe auf mich nehme, nicht von dir.»

Carmen lief auf und ab. «Ja, ja. Sicher schieben sie es dir zu. Alle schieben es dir zu.»

«Ich bin eine gute Zielscheibe. Ich habe die Wahrheit gesagt, und damit bin ich der Bösewicht.» «Miguel sagt, es hat mit der Werbung zu tun.»

«Ach?»

«Er sagt, daß wir mit Lügen über Produkte bombardiert werden. Du kaufst einen Schneebesen, weißt du, der bis in alle Ewigkeit halten wird, aber nach einer Woche auseinanderfallt. Er sagt, dadurch werden alle Amerikaner zu Lügnern. Niemand würde irgendwem oder irgendwas glauben, das irgendwer sagt.»

«Vielleicht hat er recht. Wir sind nicht mehr das, was wir mal waren, als ich ein kleines Mädchen war.» Harriet erinnerte sich noch an die Zeit, als niemand die Türen verschloß.

«Warum passiert das gerade mir?» Carmen war bestürzt.

«Verdammt, wenn ich's wüßte. Ich versuche noch immer, dahinterzukommen, warum ich geboren bin. Im Moment war's besser für dich, ich wäre nicht geboren.»

Carmen drückte ihre Zigarette aus. «Du kriegst zu wenig Sauerstoff.»

«Was willst du tun?»

«Weglaufen.»

«Das kannst du nicht!»

«Was möchtest denn du, daß ich tue?»

«Diese Entscheidung kann ich nicht treffen. Es ist dein Le­ben.»

«Nein, es ist dein Leben.» Carmen lief weiter im Zimmer herum.

«Schatz, es ist unser Leben, aber es ist dein Gewissen und deine Karriere. Ich werde dich lieben, egal was du tust.»

«Auch wenn ich lüge?»

«Wenn ich aufhörte, mit Leuten zu reden oder sie zu mögen, weil sie lügen, hätte ich vermutlich nur noch eine Freundin, Baby Jesus. Nein, ich hätte auch noch Jane Fulton. Es gibt ein paar wenige Menschen da draußen, die nicht der Seifenblasen­Beliebtheit nachjagen.»

«Ich fühle mich so winzig. Hältst du mich für einen Feigling?»

«Nein, ich glaube, du bist hin und her gerissen, und du hast Angst. Du bist menschlich. Du siehst nicht winzig aus. Ich habe nicht gesagt, daß ich dich liebe, weil ich eine Heldin oder Superwoman bin. Sondern weil ich nicht mit mir leben könnte, wenn meine Beziehungen zu anderen Menschen auf Unwahrhei­ten basieren. Nicht gerade auf richtigen Lügen, aber auf Un­wahrheiten. Ich glaube noch immer, daß ein Mensch nur so viel taugt wie sein Wort. Wenn ein Mensch in einer Sache lügt, wird er früher oder später auch in anderen Dingen lügen. Ich konnte meine Überzeugungen nicht verraten. Als ich Kuzirian anbellte, wußte ich es nicht, aber vielleicht ist mein ganzes Leben auf diesen Moment zugelaufen. Ich bin, was ich bin.»