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Carmen brach in Tränen aus. «Ich will nicht rumgeschubst werden wie ein Stück Fleisch. Ich will ich selbst sein! Ich hasse das alles. Ich fühle mich so in der Falle, aber du kannst nicht so viel verlieren wie ich. Ich kann Millionen von Dollar verlieren!»

Harriet spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß. «Was macht es für einen Unterschied, ob es um dreitausend oder um drei Millionen Dollar geht? Wird Schmerz denn am Kontostand gemessen? Nichts ist nichts, und wenn dies alles vorbei ist, werde ich nichts haben. Keine Arbeit, nichts.»

«Ich werde für dich sorgen.»

«Wie lange wohl?»

«Was meinst du damit?»

«Ich meine, daß du nicht allein sein kannst, Schatz. Wenn ich in Cazenovia untertauchen muß und du neun Monate im Jahr unterwegs bist - wie lange wird es wohl dauern, bis du eine neue Geliebte hast? Eine Weile kannst du es vertuschen, indem du sie als deine Trainerin oder deine Managerin oder deine Sekretärin ausgibst. Aber wie lange wird es dauern, bis du sie in unser Haus mitbringen möchtest?»

Dies traf, denn tief in ihrem Herzen wußte Carmen, daß es stimmte. Sie explodierte.

«Das ist nicht wahr. Ich liebe dich. Und was denn soll all dieser Wahrheitsscheiß? Ich kann mehr Gutes bewirken, indem ich die beste Tennisspielerin der Welt bin, als daß ich den Leuten die Wahrheit über mich oder das Lesbischsein erzähle. Ich bin eine, zu der man aufsieht. Ich bin Nummer eins. Ich bin ein Vorbild. Lavinia hat recht, was diese zwölfjährigen Mädchen angeht. Sie brauchen Heldinnen.»

«Ist es denn so unvorstellbar, daß dich die Leute vielleicht einfach nur für das gern haben, was du bist? Ob du nun Lesbe bist oder nicht, du bist noch immer Nummer eins. Das kann dir niemand nehmen.»

«Niemand sonst läßt es darauf ankommen. Warum dann ich? Sag mir das! Und wenn es stimmt, was du sagst, warum halten sich die Schwulen dann immer noch versteckt? Amerika hat 240 Millionen Menschen, nicht? Wie viele herausragende Leute kannst du nennen, die die Wahrheit über sich erzählt haben? Die Amerikaner sind solche Feiglinge, daß sie Quentin Crisp impor­tieren, damit er die Dreckarbeit für sie erledigt!»

Harriet sagte nichts. Carmen fuhr fort: «Dies hier ist ein argentinischer Import, der sich um sich selbst kümmert. Und obendrein habe ich aus dem gelernt, was Billie Jean King passiert ist.»

«Ja, ich auch.» Harriet war wütender als je in ihrem Leben, aber eiskalt. «Ich habe gelernt, daß Frauenarbeit nicht zählt. Ich habe gelernt, daß die Frau, die sich wie ein Mann verhält, die Frau, die Männerarbeit leistet, die wichtige Person ist. Die Frau, die für andere sorgt, die ihre Karriere hintenanstellt, wird als Nutte oder als Parasit oder als Trottel betrachtet. Ich habe gelernt, daß in Beziehungen zwischen Frauen vermutlich kei­nerlei emotionale, soziale oder finanzielle Verantwortung hin­einspielen soll. Lesbische Flüchtigkeit. Ich habe gelernt, daß die einzige Beziehung, die zählt, die zwischen Mann und Frau ist. Leider sieht es so aus, als würden die Schwulen diese Einstel­lung noch stützen, denn sie lassen die Medien in dieser ganzen traurigen Angelegenheit ungeschoren davonkommen. Ich habe gelernt, daß die Schwulen selbst ihre schlimmsten Feinde sind. Jede Lesbe und jede Tunte da draußen glaubt, daß sie unerkannt bleiben wird. Sie wird die Ausnahme sein. Wir halten nicht zusammen. Der Schlachtruf der verängstigten Homosexuellen lautet: Was ich mit meinem Leben mache, ist meine Sache, nie­mand braucht es zu wissen. Und ich habe noch etwas gelernt.

Ich habe all diese Jahre gebraucht, es zu lernen, Carmen, aber jetzt, da ich es weiß, werde ich es nie mehr vergessen. Ich habe gelernt, daß du in dem Maße krank bist, wie du dich ver­steckst.»

Lavinia entschied, daß Carmen ihr Halbfinalmatch spielen und wie gewöhnlich anschließend ins Pressezelt gehen sollte. Falls Reporter auf die lila Fährte zu sprechen kommen wollten, dann sollten sie's eben. Sie sprach sich gegen Siggys Idee einer geson­derten Pressekonferenz aus, denn dadurch würde das Problem nur aufgebauscht.

Carmen lag fast die ganze Nacht unruhig wach. Seit ihrer Auseinandersetzung hatten sie das Thema fallengelassen. Es tat zu weh.

Als sie am nächsten Morgen aufstanden, sagte Carmen nicht, was sie zu tun gedachte. Harriet fragte sich, ob Carmen eigent­lich wisse, was sie tun würde.

Miguel war nirgendwo zu sehen, und das war unter den gegebenen Umständen eine Erleichterung. Die Menge füllte die improvisierten Tribünen. Die Sonne flimmerte. Harriet saß allein in der Spielerloge. Ihr gegenüber saßen gelassen die Reil­lys - Vater, Mutter und Kind, eine idyllische Familienszene. Nur die heiligen drei Könige fehlten. Susan strahlte, als Reporter diese herzerwärmende - oder eher wurmende - Szene registrier­ten. Happy Straker, die sich jetzt mit Carmen auf dem Platz warmlief, tauschte mit Susan ein heimliches Lächeln aus. Happy kam Harriet langsam wie ein Quasimodo vor - ewig läutete sie die Glocken für Susan.

Carmen glitt über den Platz, ihre Vorhand, dieser brutal schnelle Schlag, kam souverän. Beim Rückhandausschwung hielt sie den Schlägerkopf fast waagrecht. Ihre Volleys waren so fließend, daß sie jeder Traineranweisung widersprachen. Car­mens Volleys war eine Klasse für sich. Sie wirkte selbstbewußt wie die Spielerin, die sie war, doch als Harriet sie zur Grundlinie zurückgehen sah, wußte sie, daß sich Carmen heute nicht so fühlte, wie sie wirkte. Ihr erster Aufschlag war lang. Das war das erste Zeichen dafür, daß sie fahrig spielen würde, obwohl sie großartig wirkte.

Als Carmen gegen Happy Straker antrat, hoffte Harriet das Beste und machte sich zugleich auf das Schlimmste gefaßt. Sollte das Schlimmste eintreten, würde Carmen zappeln, sich winden, drehen und wenden, ausbrechen und davonrennen, wenn sie konnte. Harriet konnte ihren eigenen Kampf führen, aber nicht den von Carmen, weder auf dem Platz noch außerhalb.

Happy spielte gut. Bei Carmen ging nichts zusammen. Sie war fast übereifrig. Sie überlief Bälle, ihre Aufschläge kamen zu hoch, sie verfehlte die Linie um Zentimeter - alles ins Aus. Doch selbst an einem schlechten Tag bekam Happy von Carmen nichts geschenkt. Das Match ging über drei Sätze, von Susan und ihrer Brut mit Spannung verfolgt, von Alicia Brinker hoch oben auf der Tribüne mit weniger Spannung. Carmen verlor es mit 7:5 im dritten Satz.

Lavinia, Siggy, Seth Quintard und Howard Dominick saßen im kleinen Pressezelt. Sie waren so unauffällig wie Polarbären. Hinter den Mikrofonen versprühte Happy den Charme eines Idi Amin. Im Drang, ihren Sieg zu schildern, schmolz ihre Sprödig­keit dahin, und sie sang eine Hymne der Eigenliebe. Da niemand sonst Happy liebte, verdiente sie ihren Augenblick an der Sonne.

Nach Happys Auftritt nahm Carmen hinter den Mikros Platz. Die Fragen konzentrierten sich auf Tennis. Warum sie verloren habe? Keine Sportlerin glaubt je, daß sie ein Match wirklich verloren hat. Sie findet unendlich viele Gründe, warum es gekommen ist, wie es kam. Es passiert nie, weil eine andere Spielerin besser ist, auch wenn Carmen es schaffte zu sagen: «Heute war Happy besser.» Mehr ist nie drin. Wenn sie keine Ausflüchte für sich hat, wenn sie wirklich glaubt, jemand anders sei besser, wird sie verlieren, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Verteidigungsmechanismen des Egos sind gut entwickelt; aber für jeden, der nicht mitspielt, peinlich durch­schaubar.

Carmens Verteidigungsmechanismen waren heute in höch­ster Alarmbereitschaft. Martin Kuzirian lauerte in der fünften Reihe. Harriet schlüpfte auf einen Sitz ganz hinten. Auf ihr Herz wurde eingeschlagen wie auf Vulkans Amboß.

Die höfliche Fassade zerbröckelte, als Martin rief: «Sind Sie lesbisch?»

«Nein», log Carmen. Vom Kopf her hielt sie dies für keine allzu große Unwahrheit. Sie stufte sich technisch als bisexuell ein. Hätte er sie gefragt, ob sie bisexuell sei, hätte sie ja gesagt. Vor Jahren hatte sie einmal einen Freund gehabt, also hielt sie's mit der Semantik.