«Warum leben Sie dann mit einer erklärten Lesbierin zusammen?» bohrte Martin weiter. Die anderen Reporter, die für eine Offensive zu schüchtern oder zu sensibel waren, hörten zu. Sie würden ihre Geschichte bekommen, während Lob wie Tadel Martin allein traf.
«Weil sie meine Freundin ist. Sie können mit einem Hund zusammen leben und trotzdem keiner sein.» Das war nicht sehr glücklich formuliert. Trotz ihrer Bräune wirkte Carmens Gesicht wie Reispapier.
Die Worte waren wie Sargnägel. Harriet kämpfte mit den Tränen. Verdammt, sie würde vor diesen Aasgeiern nicht weinen.
Ein anderer Reporter fragte: «Stimmt es, daß Sie in Cazenovia zusammen ein Haus besitzen?»
«Ja, außerdem habe ich Apartmenthäuser in San Diego und Immobilien in Houston.»
Eine winzige Frau, frisch von der Journalistenschule, mit Kassettenrecorder bewaffnet, fragte: «Aber dort leben Sie nicht?»
«Ich habe ein Apartment in einem meiner Häuser in San Diego. Ich verbringe viel Zeit dort, aber Cazenovia ist mein Zuhause.»
«Also warum leben Sie mit Harriet Rawls zusammen?» feuerte Martin.
«Weil ich sie mag. Weil sie lustig ist. Weil sie nicht ist wie Sie.»
Das ging über seinen Horizont. «Aber Sie sind keine Lesbierin?»
Der wütenden Carmen fiel eine Masche ein, die Harriet mal gebraucht hatte: «Sind Sie etwa die Alternative?»
Lavinia wechselte die Beinstellung. Siggy erbleichte. Noch hatte sie den Bogen nicht total überspannt. Die Reporter lachten. Sie mochten Martin nicht. Mitzuerleben, wie jemand ihn als Idioten hinstellte, war mindestens so gut wie die Geschichte selbst. Rotangelaufen, aber von sich selbst überzeugt, setzte er sich.
Carmen sagte: «Gibt es noch weitere Fragen?»
«Welche Auswirkungen wird dies für Sie in Argentinien haben?» wollte ein Reporter wissen.
«Ich weiß es nicht», kam die ehrliche Antwort. «Ich habe nichts Falsches getan.»
Sie verstummten. Carmen stand auf und ging. Harriet schlüpfte seitlich aus dem Zelt, gerade im rechten Moment, um diesem verdammten Martin Kuzirian und einem Kollegen über den Weg zu laufen. Aufgeblasen vor Wichtigkeit attackierte er sie: «Sind Sie wirklich vom anderen Ufer, Harriet?»
«Ich dachte immer, ich wäre vom Mond.»
8
Carmen spielte beim Turnier kein Doppel. Sie und Harriet packten, um nach Amelia Island zu fahren. Sie würden dort einen Tag eher als alle anderen ankommen, und das würde ihnen etwas Zeit geben. Sie packte schweigend, und Harriet ebenfalls. Es gab nicht viel zu sagen. Harriet wußte, daß Carmen sich miserabel fühlte. Und sie wußte auch, daß Carmen Angst hatte. An der Oberfläche lebte Carmen für die Liebe, aber darunter lag der Wunsch, die Schlagerverträge, die Modeverträge, die vielen lukrativen Nebeneinnahmen ihres Berufs nicht zu verlieren, die mehr einbrachten als die Turniere selbst. Carmen lebte auf großem Fuß und wollte nicht kürzer treten müssen.
Seth rief an, um sie fairerweise zu warnen. Schieb Harriet ab oder versteck sie auf dem Speicher. Warum diese Probe aufs Exempel machen? Das Gewitter würde rasch vorbei sein.
Carmen schämte sich. Sie hatte das Gefühl, Harriet zu verraten, wenngleich sie diesen Gedanken so weit wie möglich verdrängte. Harriet würde für Lesben zum lebenden Denkmal werden, wie die Überlebenden von Konzentrationslagern. Carmen hatte ein schlechtes Gewissen, ohne daß Harriet ein Wort sagte. Ach, scheiß auf Harriets Stolz. Es gab ein paar wichtigere Dinge.
«Du mußt Miguel anrufen.»
«Soll ich ihm nicht vorschlagen, daß er heute hierbleibt und morgen runterkommt? Wir haben keine Zeit für uns allein gehabt.»
«Wir werden jetzt eine Menge Zeit für uns allein haben.» Harriet hängte ein Kleid auf. Sieben Jahre alt und viel getragen, aber es hielt noch immer.
Carmen wählte. Das Gespräch war kurz. Sie legte auf. «Er kommt morgen.»
Harriet wollte Carmen umarmen, aber Carmen hatte sich von allen und jedem abgewendet. Pack die Koffer. Fahr zum nächsten Turnier. Gewinn das nächste Turnier. Die Dinge werden sich selbst erledigen. Miguels Vorschlag hatte sie verletzt. Je näher ihr der Schmerz rückte, desto schneller rannte Carmen.
Amelia Island ist ein weiterer synthetischer Erholungsort. Es gibt schlimmere Orte als Jacksonville, aber wenn man da ist, fallen einem keine ein. Die Insel ist mit den immer gleichen Apartmentanlagen gesprenkelt, die aus Gipsplatten, Glasplatten und Plastik zusammengehauen sind. Jede Apartmentanlage hat einen Swimmingpool, und außerdem gibt es immer das Meer. Auf den Atlantik ist Verlaß. Er ist nie auf Tour, obwohl es die Hälfte der Bevölkerung Amerikas anscheinend ist. Den Mücken gefällt die Atmosphäre und den Leuten aus Michigan, Wisconsin und anderen kalten Gegenden ebenfalls.
Das Innere ihres Apartments war eine Erleichterung, nach dem Avokadogrün und Gold des letzten. Diesmal war es in Dunkelblau und Seegrün gehalten. Die Innendekorateure stellten sich auf die friedlichen Fünfziger ein. Harriet ging zum Klo und fragte sich, was sie als erstes umbringen würde - die Lesbensache oder schlechter Geschmack. Sie kam zu dem Schluß, daß ihr schlechter Geschmack mehr auf den Geist ging.
Carmen fuhr zum Supermarkt und sorgte für Vorräte. Sie kaufte gern Lebensmittel ein. Als sie die Tüten hereintrug, war Harriet am Telefon.
«Hallo», rief Carmen, nachdem Harriet aufgelegt hatte. «Ich mache heute abend Spareribs. Wie hungrig bist du?»
«Nicht sehr.» Harriet hielt den Kopf hoch, sah aber angespannt aus.
«Was ist los?»
«Ich habe mit Dr. Speicher gesprochen, erinnerst du dich an ihn?»
«Der Leiter des religionswissenschaftlichen Instituts. Warum hast du mit ihm geredet?»
«Ich wollte herausfinden, wie schlimm es wirklich ist.»
«Ja?»
«Er kann mich nicht wieder einstellen. Schlagen Sie es sich aus dem Kopf, daß Sie noch einmal irgendwo Dozentin werden.»
«Hör auf, dir darüber Sorgen zu machen! Ich verdiene genug Geld, um das ganze verdammte Institut zu kaufen. Und ich kapiere das nicht. Sie wußten, daß du lesbisch bist, als du dort gearbeitet hast.»
«Na ja, ich lebte in einem Versteck mit offener Tür. Ich habe nie gesagt, daß ich lesbisch bin, aber ich habe auch nie gesagt, daß ich es nicht bin. Jetzt habe ich es gesagt.»
«Vergiß es.»
«Freiwillig nicht zu arbeiten, um mit dir herumzuziehen, ist eine Sache. Nicht arbeiten zu können ist eine andere.»
«Ich sagte doch, vergiß es. Ich zahle die Rechnungen ohnehin. Es hat sich nichts geändert.»
Harriet war verletzt. «Du hast mich gebeten, mit dir zu reisen, Carmen. Ich habe dich nie darum gebeten, meine Rechnungen zu bezahlen, aber wer um Himmels willen kann es sich schon leisten, dir um die Welt zu folgen? Es bedrückt mich, daß ich jetzt keine Arbeit mehr bekommen kann.»
«Wenn ich den Grand Slam gewinne, wird sich keine von uns je mehr über Geld Sorgen zu machen brauchen.»
«Das ist dein Leben, nicht meins.» Harriet lächelte traurig.
Dieser Gedanke störte Carmen. Ihr Leben war das Leben ihrer Geliebten. Ihre Geliebten hatten sie immer begleitet, jede hatte sich den besonderen Anforderungen von Carmens Beruf gefügt. Dafür bestritt sie die Kosten. Eine von ihrem Leben getrennte Existenz erschien ihr unmöglich... und irgendwie als Verrat. «Wenn ich unterwegs bin, kannst du ja was Neues lernen. Etwas, wobei das Lesbischsein keine Rolle spielt. Mach dir darüber keine Sorgen.»
Harriet sagte mit aufgesetzter Fröhlichkeit: «Ich denke, ich könnte für die Telefonstimme vorsprechen, die sagt: <Beim nächsten Ton ist es vierzehn Uhr.>»
Carmen schleppte ihren Körper über die ersten Runden des Amelia Island-Turniers. Reporter schwirrten herum; einige fielen ihr lästig. Ricky verscheuchte sie, so gut er konnte. Carmen und Harriet verließen mitten in der Nacht ihr Apartment und zogen zu Ricky und Jane. Niemand würde es wagen, sich dort mit ihnen anzulegen.