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Carmen spielte jeden Tag Golf. Sie spielte Boggle, Scrabble, Karten und Dart, wenn sie nicht Golf spielte. Sie absolvierte ihr Tennistraining, spielte ihr Match und malträtierte anschließend den Rasen. Ricky begleitete sie oft. Er spielte gern eine Runde Golf.

Jane und Harriet verbrachten die ganze Zeit miteinander, die Jane nicht arbeitete. Die einzigen Spielerinnen, die Harriet noch grüßend zunickten, waren die beiden verheirateten und Schmet­tie Kittredge. Die anderen, lesbisch und voller Angst oder hetero und konfus oder tragisch asexuell, legten den Rückwärts­gang ein, sobald Harriet in Sicht kam. Harriet bedauerte sie wegen ihrer Feigheit; noch mehr allerdings bedauerte sie Car­men. Carmen rannte vornehmlich vor sich selbst davon. Es gab Augenblicke, da konnte sie Harriet nicht ins Gesicht sehen. Harriet verstand Carmens Dilemma. Carmen hoffte, alles werde vorbeigehen.

Harriet fühlte sich hilflos und war hilflos. Sie wußte, ihr stand die unerquickliche Erfahrung bevor, mitanzusehen, wie ihre Geliebte mit achtzig Sachen gegen eine Wand raste. Die Frage war nur, wo und wie? Manche Menschen können rennen, bis sie vierzig sind. Manche schütten sich mit Whisky voll. Manche geben auf und sterben. Dann schon besser ein Aufprall und ein so verdammt harter Aufprall, daß du dich änderst, und zwar zum Besseren, dachte Harriet, aber das mitanzusehen war hart. Außerdem bestand noch die beängstigende Möglichkeit, daß Carmen eines Tages ganz schlicht aufprallte und sonst gar nichts geschah.

«Nochmals danke, daß ihr uns bei euch unterkriechen laßt», sagte Harriet, als sie und Jane sich unter einem Sonnenschirm am Strand niederließen.

«Noch ist die Woche nicht vorbei. Ihr kriegt am Ende die Rechnung, oder wir machen einen Kuhhandel.» Jane legte sich die Finger an die Schläfen.

«Na, das wäre eine Idee.» Harriet sah sie an. «Wieder Kopf­schmerzen?»

Jane ignorierte die Frage, starrte in den Himmel und sagte: «Rawls, was wirst du tun?»

«Leben.»

«Das steht nicht zur Debatte. Wahrscheinlich bist du unsterb­lich.»

«Nektar und Ambrosia.»

«Das meine ich. Carmen trudelt über die Lesbensache hin­weg. Sicher, die Tenniswelt hat sich schützend um sie geschart. Hast du Susan Reillys Presseerklärung gelesen?»

«Nein.» Harriet drehte sich um, so daß sie Jane im Liegen ansehen konnte.

«Sie hat gegen die Presse gewettert, die sich wie Bluthunde aufführe. Sie sagte, Carmen sei nicht homosexuell.» Harriet gab einen Brechlaut von sich. Jane zwickte sie mit Daumen und Zeigefinger in die Nase und fuhr fort: «Und sie sagte, daß man Leute nicht nach ihrem Umgang beurteilen solle. Schließlich sei sie, Susan Reilly, mit schwulen Männern befreundet.»

«Hat sie die Erklärung mit <Eure verlogene, beschissene Freundin> unterschrieben?»

«Kann sein, daß es Carmen hilft.»

«Ha! Es hält allen die Sache weiter vor Augen, und es hält allen Susan vor Augen, wo sie sowieso am liebsten ist, und noch dazu duftend wie eine Rose.»

«Da hast du allerdings recht, daran habe ich nicht gedacht.»

«Ich vermisse Baby Jesus unsäglich.»

«Sie ist in Cazenovia besser aufgehoben als unterwegs.»

«Ja. Was sickert denn so durch, Jane?» Sie schrieb Buchstaben in den Sand.

«Die amerikanischen Verleumdungsgesetze sind eine Sache. Britische Gesetze sind eine andere. Euch beiden wird man in England die Hölle heißmachen. Das sickert durch.»

Harriet seufzte. «Ich habe Carmen gesagt, daß ich deswegen nicht zum French Open und nach Wimbledon mitkomme, son­dern zu Hause bleiben möchte. In unserer ersten Nacht hier packte sie das heulende Elend. Und wie. Ich kann sie nicht allein lassen.»

«Geh mit ihr, und sie wird genauso weinen.»

«Ich weiß, aber ich kann sie nicht im Stich lassen. Ich bin verdammt, wenn ich's tue, und verdammt, wenn ich's nicht tue.»

«Möglich.» Jane lächelte. «Harriet, ich kenne Carmen schon länger als du. Du kennst sie vielleicht intim, aber ich kenne ihre Lebensmuster. Sie braucht immer jemanden. Damit meine ich nicht, daß sie dich nicht liebt oder dich nicht braucht. Ich meine nur, daß sie einen Horror vor dem Alleinsein hat. Sie sollte mal ein Jahr allein leben, um zu beweisen, daß sie es kann. Vielleicht hilfst du ihr gar nicht damit, daß du gerannt kommst, wann immer sie ruft. Du kannst sie nicht jede Sekunde am Tag glücklich machen.»

Harriet blieb einige Minuten schweigend liegen. «Ja.»

«Ich sage dir nur, was ich sehe.»

«Wie kann ich sie bei den ersten beiden Turnieren des Grand Slam allein lassen? Sie werden sich auf sie stürzen, ob ich bei ihr bin oder nicht. Lieber stehe ich ihr bei und biege ab, was ich kann.»

«Abbiegen oder schlucken?»

«Das ist doch egal.»

«Harriet, ich bin deine Freundin, und ich sage dir, du bist ein Arschloch.»

«Weil ich gesagt habe, daß ich lesbisch bin?»

«Depp!» Jane rang die Hände. «Nein! Wenn du mitfährst, tust du ihr weh und dir auch, und wenn du hierbleibst, ist es das­selbe. Du kannst nicht gewinnen.»

«Zum Teufel, ich begreife mein Leben nicht.»

Jane stützte das Kinn in die Handflächen. «Ehrlich gesagt, ich glaube, ich begreife meins auch nicht. Ich will mal ganz offen sein. Carmen ist flatterhaft, vergnügungssüchtig, manchmal launisch. Sie langweilt sich sehr leicht und bekommt sehr leicht Angst. Sie reagiert auf diese Angst, indem sie wegläuft oder sie durch Hyperaktivität verdrängt. Sie rennt vor dem Lesbenpro­blem davon - bestärkt von 99 Prozent der Liga, ganz richtig -, und sie könnte dir davonlaufen. Laß dich durch diese zwei Tage der Ruhe nicht täuschen.»

«Mir! Ich bin die einzige Person, auf die sie sich verlassen kann.»

Jane zuckte mit erhobenen Handflächen die Achseln.

«Sie liebt mich.»

«Ich weiß, daß sie dich liebt, so sehr sie dazu in Anbetracht ihres Berufs und ihres Alters imstande ist.»

«Jane, was willst du von mir? Bisher ging es uns ziemlich gut, Carmen und mir. Das einzige Problem, das wir hatten, war meine Arbeit.»

«Gelöst zu ihren Gunsten. Angenommen, etwas geht nicht zu ihren Gunsten aus?»

«Ich habe Vertrauen zu Carmen. Ich liebe sie.»

Bei Amalgamated Banks las Dennis Parry den Kuzirian-Artikel mit mehr als nur Neugier. Schließlich hatten sie Carmen Semana 600000 Dollar geliehen. Wenn die Gewinne ihrer Firma von ihrer Popularität abhingen, konnte der Kredit von Amalgamated ge­fährdet sein. Wer würde schon ihre Modekollektion tragen wollen?

Der Anruf eines ängstlichen Dennis Parry zog Miguel den Magen zusammen.

«Dennis, machen Sie sich keine Sorgen. Die nächste Rate ist in zwei Monaten fällig. Sie bekommen Ihre 75000 Dollar pünktlich.»

Dennis war etwas beschwichtigt, als er auflegte.

Miguel zitterte. Würde sich der Skandal auf den nächsten Quartalsumsatz auswirken? Miguels Bank war nicht Amalga­mated. Miguels Bank war seine Schwester.

In einem Golfwagen betrachtete Carmen den Sonnenuntergang, drehte sich zu Harriet um und sagte:

«Warum passiert das gerade mir?»

«Ich weiß es nicht.»

«Es ist nicht fair.»

«Nein.» Harriet sog die salzige Luft ein. «Die Sonnenunter­gänge in Florida sind dramatisch. Sieh dir dieses Orange, Rosa und Violett an.»

«Ja.» Carmen berührte Harriets Arm. «Glaubst du, daß wir je wieder Spaß haben werden?»

«Ich glaube, daß alle Dinge vorübergehen. Auch das wird vorübergehen.»

«Hört sich an, als würde eine Nonne das sagen.»

«Ich bin keine Nonne.»

«Manchmal sehe ich dich an und frage mich, was du bist.»

Harriet wollte die Stimmung heben und sagte: «Stell dir vor, ich bin ein Engel mit Läusen auf den Flügeln.» Aber Carmen lachte nicht.