Zum Glück hatten Carmen und Harriet nach Amelia Island eine freie Woche, und sie fuhren nach Hause. Der Frühling flirtete mit Cazenovia. Da es so weit nördlich lag, blühten dort gerade erst die Krokusse. Überall in den Blumenbeeten um das hübsche Haus reckten Narzissen die Köpfe empor. Selbst Miguel war von der unter ihrer Schneedecke aufgetauchten Stadt bezaubert.
Carmen gab sich dem Fernsehen hin. Stundenlanges Fernsehen half ihr, sich zu entspannen und den drängenden Gedanken zu entfliehen. Bei ihrem Frühjahrsputz stürzte sich Harriet mit Leidenschaft auf den Mansardenschrank. Ohne es zu merken, begann auch sie, ihre Träume zu verdrängen.
In der Mansarde, wo es kühl und frisch war, stand ein riesiger Zedernholzschrank. Baby Jesus machte es sich auf einem Bord bequem, nachdem sie sich vergewissert hatte, daß sie auf Harriets geliebten Kaschmirpullovern lag.
Harriet liebte die Mansarde mit ihren Giebeln. Die sechs Kilometer lange Fläche des Cazenovia-Sees lag spiegelglatt da. Vom Fenster aus konnte sie die Lichter in den Häusern am anderen Ufer sehen. Es ging die Legende, Hiawatha habe in diesem See gefischt. Eine von wütenden Einheimischen verfenkte Dampffähre ruhte am einen Ende des Sees.
Baby Jesus warf einen Pullover zu Boden. Harriet hob ihn auf, faltete ihn zusammen und merkte zu ihrem Erstaunen, daß sie weinte. Die Katze sprang ihr auf die Schulter und versuchte, ihr das Gesicht zu lecken. Harriet wischte sich über die Augen und trat ans Giebelfenster.
Muß wohl von dieser Spannung kommen, dachte Harriet.
Ein gigantischer Nachtfalter saß reglos innen am Fenster. Seine Flügelspannweite betrug mindestens achtzehn Zentimeter. Flügel und Körper schimmerten in blassem Minzgrün, seine Schultern und sein Schwanz waren kastanienbraun umrandet. Auf jeder Seite pulsierte ein kastanienbrauner Tupfen, der wie das Yin-Yang-Symbol aussah. Die dicken Falterbeine waren tiefbraun, während seine Fühler wie gelbe Farne leuchteten. Seine irisierenden Augen glühten. Der Nachtfalter war fast sechs Wochen verfrüht, aber er war da.
Von der Kreatur fasziniert, bewegten sich Harriet und Baby Jesus nicht. Schließlich öffnete Harriet das kleine Fenster, und der Riesenfalter flatterte in die Dämmerung, auf der Suche nach Freiheit oder Vergessen.
Als die beiden die Treppe hinunterstapften, sah Carmen vom Fernseher auf.
«Ihr wart ja reichlich lange da oben.»
«Wenn Baby hilft, dauert die Arbeit doppelt so lange.»
«Ich habe gehört, daß sie an einem neuen Roman schreibt.» Baby hörte unbeeindruckt zu, als Carmen fortfuhr:«Katapult, ein Roman über Katzenkriege!»
«Baby, du hast mich an der Nase rumgeführt», sagte Harriet zu dem alten Tier, das blinzelte. «Du hast gesagt, du schreibst an Katatonie.»
Inzwischen von der Glotze abgelenkt, fragte Carmen: «Oh, worum geht es denn da?»
«Katatonie handelt davon, wie man Cocktails für Parties und gepflegte Zusammenkünfte mixt.»
Aufgekratzt schlug Carmen ihr auf den Rücken und forderte sie zu einer Partie Romme heraus. Genau in diesem Augenblick wurde Harriet etwas an ihrer Einstellung gegenüber Carmen bewußt. Sie sah in Carmen mit ihren schimmernden Muskeln und hervortretenden Venen nie eine Frau. Carmen enttäuschte sie nicht. Sie verhielt sich selten wie eine Frau. Sie war weder einfühlsam noch fürsorglich. All ihre Energie war auf ein Ziel außerhalb ihrer selbst gerichtet. Wenn es nach Carmen ging, trug sie Trainingsanzüge oder Jeans. Jetzt, da Lavinia auf einer feminineren Aufmachung bestand, konnte man Carmen dazu bringen, daß sie ein Kleid und Make-up trug, aber sie wirkte nie wirklich glücklich oder weiblich in solchem Aufzug. Sie sah aus wie ein verkleideter Junge. Und vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so, dachte Harriet. Der Sport ist immer eine Männerdomäne gewesen. Wenn Frauen sich auf die Härte und das Konkurrenzdenken des Sports einlassen, ist es unvermeidlich, daß sie sich wie Männer verhalten. Carmen ist der einzige Mann, den ich je geliebt habe, dachte sie und mußte insgeheim lachen.
Und Harriet liebte Carmen wirklich. Ihre Spontaneität, ihre sorglose Attitüde und ihre Unbekümmertheit um das Morgen, ihre animalisch gute Gesundheit fand Harriet berauschend, denn sie war alles andere als sorglos. Das Anziehendste an Carmen war, daß sie, wenn sie liebte, mit nichts zurückhielt. Sie lachte für Harriet. Sie siegte für sie, oder jedenfalls sagte sie das. Harriet wurde zur wichtigen Triebkraft bei Carmens Streben nach Erfolg, sie schätzte und bewunderte Harriet. Bewunderung macht süchtig.
Und die Details des täglichen Lebens ebenso. Wie viele Löffel Zucker nahm sie im Kaffee? Mochte sie Coca-Cola oder Pepsi, Kartoffelchips oder Salzbrezeln? War sie eine Früh- oder Spätaufsteherin? Las sie gern die Zeitung beim Frühstück? Solche Details verführen die Menschen zu dem Glauben, sie würden einander kennen.
Dann taucht plötzlich eine Krise auf, und die Person, die man so gut zu kennen glaubte, kann einen höllisch überraschen. Ein stiller Mensch kann vor Zorn explodieren. Eine quicklebendige Person kann erstarren. Ein rechtschaffener Mensch kann absinken und abscheulich werden. Eine Person am Rande der Gesellschaft, ein Säufer vielleicht, kann edel und stark werden. Keine weiß es, bis es ihr passiert. Harriet wußte nicht, wie Carmen sich sonst noch verhalten konnte, aber sie wußte, sie würde es erleben.
Etwa 400 Kilometer südlich von Cazenovia standen Jane und Ricky in Princeton vorihrer Krise. Die Tests stellten sich als positiv heraus. Jane hatte einen Gehirntumor. Die Ärzte erklärten, er sei inoperabel, aber mit Chemotherapie könne man vielleicht sein Wachstum aufhalten.
Jane kannte die Folgen von massiver Chemotherapie. Haarausfall, Erbrechen, räumliche Orientierungslosigkeit bei manchen und Gedächtnisschwund bei anderen. Manchmal schlug sie an, manchmal wirkte sie eine Zeitlang und manchmal wirkte sie überhaupt nicht. Sie haßte den Gedanken, das durchmachen zu müssen. Die Chancen waren gering, doch selbst eine vage Chance war besser als überhaupt keine.
Sie beschloß, sofort mit der Behandlung zu beginnen. Ihr Arzt sagte, sie könne wahrscheinlich zum French Open und Wimbledon fahren, solle aber die Therapie dort fortsetzen. Er machte alle Behandlungstermine in Frankreich und England für sie aus. Nach ihrer Rückkehr würde sie sich weiteren Tests und höchstwahrscheinlich weiterer Chemotherapie unterziehen.
Ricky und Jane beschlossen, niemandem etwas davon zu sagen, zumindest vorläufig nicht. Noch war zu vieles ungewiß und warum Freunde und Verwandte unnötig beunruhigen?
Als sie im Bett lagen, bettete sie ihren Kopf auf seine Brust. Er streichelte ihr herrliches Haar.
«Ich dachte immer, der Tod habe genau die gleiche Gestalt und Größe wie ich. Ein unsichtbares Seil ist um meine Taille geschlungen und das andere Ende um die Taille des Todes. Je jünger du bist, desto länger das Seil. Wenn der Tod mit einem Ruck daran reißt, kann ich voll auf der Nase liegen - verletzt, krank oder mit gebrochenem Herzen. Aber wenn ich standhaft am Seil ziehe, werde ich leben. Ich dachte immer, daß mit zunehmendem Alter die Distanz kleiner würde, bis der Tod und ich verschmelzen und einfach zusammen fortgehen.»
«Wir werden gemeinsam am Seil ziehen.» Ricky küßte ihr Haar, und Tränen liefen ihm über die Wangen.
9
Die Periphérique umschlingt Paris wie ein Asphaltschlauch. Die verschiedenen Abfahrten können einen in vergangene kulturelle Jahrhunderte versetzen oder ins Verkehrschaos oder in die Vorortsterilität, die vor keinem Land haltmacht. DasSofitel, das offizielle Hotel der Teilnehmer am French Open, lag direkt an diesem Ring. Pendelbusse beförderten die Spieler und Spielerinnen zu den Trainingsplätzen und Spielen und zurück. Die Franzosen gaben vor, den männlichen und weiblichen Spielern gleiche Behandlung angedeihen zu lassen, aber in Wirklichkeit galt wie üblich die Regeclass="underline" Männer zuerst.