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Zu Carmens Glück war Justine Haverford auf dem Platz schwerfällig. Carmen bügelte sie mit 6:2, 6:3 nieder. Danach kam Susan Reilly. Hierfür mußte Carmen sich zusammenreißen. Was zwischen Rainey Rogers und Page passieren würde, blieb abzuwarten.

Je größer ein Turnier, desto genervter wurde Carmen. Klei­nigkeiten gingen ihr auf den Geist. Der Ton von Harriets Stimme konnte sie vor Wut erzittern lassen. Der Verkehr brachte sie zur Raserei. Das Wetter verstärkte ihre Emotionen, nichts war schlimmer, als wenn ein Match mittendrin wegen Regen abgebrochen werden mußte, außer sie verlor das Match. Sie drehte psychisch auf und mußte dann plötzlich loslassen. Im Umkleideraum auf besseres Wetter zu warten, war wie das Warten auf die Guillotine.

Lavinia hatte zwar auf die europäischen Turniere keinen Einfluß, war aber überall sichtbar. Sie heftete sich Carmen an die Fersen und sorgte dafür, daß Carmen mit einer Vielzahl von Männern in Restaurants fotografiert wurde. Miguel folgte Har­riet wie ein Schatten.

Eine kleine blaue Ader pochte über Lavinias Schläfe. Mit Mühe hatte sie Siggy Wayne und Seth Quintard aus dieser Bespre­chung hinausmanövriert. Seth war Carmen nun zwar dank Miguel mehr als gleichgültig, aber Athletes Unlimited wünschte keinen Ärger im Damentennis. Männern fehlt einfach das Fein­gefühl für eine solche Mission, dachte Lavinia. Niemand pries ihren Einfall als genial, aus dem einfachen Grund, weil das, was sie Carmen Semana nahelegen würde, absolut üblich war. Sie hatte dafür gesorgt.

Lavinia nahm einen Tennisschuh auf. Die Sohle glich einer Mondlandschaft. Man benutzte unterschiedliche Sohlenoberflä­chen für jeden Belag - Rasen, Asche, Teppich oder Kunstrasen. Soweit Lavinia wußte, plante niemand ein Turnier auf dem Mond. Sie legte den Schuh seitlich auf den Boden, denn sie war abergläubisch; es bedeutete Unglück, wenn man einen Schuh auf einen Tisch oder Stuhl stellte, und heute brauchte sie Glück.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie aufspringen. Mit müder Erhabenheit durchquerte sie das Zimmer. «Carmen».

Carmen schlüpfte herein und setzte sich Lavinia gegenüber. Der Schuh auf dem Boden entging ihr nicht, und so war es auch geplant.

«Möchtest du etwas trinken?»

«Nein, danke.» Carmens Haar war kürzer geschnitten als gewöhnlich.

«Wann hast du das gemacht?» Lavinia deutete auf Carmens Kopf.

«Gestern. Ich hatte das Föhnen satt. Nach dem Grand Slam lasse ich es wieder wachsen.»

«M-m-m.» Lavinia hielt Carmens Traum vom Grand Slam für total illusorisch. «Ich will gleich zur Sache kommen, Carmen. Dieser Lesbenskandal muß ein Ende haben.»

Carmen hörte schweigend zu.

Lavinia fuhr fort: «Mein linkes Ohr ist schon ganz geschwol­len von den Telefongesprächen mit Turnierveranstaltern, Spon­soren und Howard Dominick, dem es bis oben steht. Wirklich, das Damentennis kann sich so etwas nicht leisten.»

«Ich auch nicht.»

«Miguel hat sein eigenes Vermächtnis hinterlassen. Du weißt natürlich, daß du den Jaguarhändler in Detroit auszahlen oder eine Gratiswerbung für ihn machen mußt.»

Carmen wand sich auf ihrem Stuhl. Sie wußte von nichts.

«Er bekam einen weißen Jaguar, Zwölfzylinder, im Aus­tausch für deine Leistungen.»

«Ich habe ihn nie gesehen.»

«Er hat ihn nach Argentinien verschifft und wahrscheinlich gleich verhökert.»

Carmen stöhnte.

«Du sitzt in der Klemme. Ich weiß noch, was diese vier großen Turniere bedeuten.» Wie sehr es das alte Mädchen liebte, in die Vergangenheit zurückzutauchen. Wie Schauspieler sind offenbar auch Sportler unfähig, über ihren Applaus hinwegzu­kommen. Vielleicht hatte Lavinia keine Zukunft, aber Carmen hatte noch eine, zumindest bis ihr Spiel langsam schlechter wurde. Lavinia packte sie bei dieser Zukunft - jedenfalls glaubte sie das. «Weißt du, ich mochte das French Open. Die meisten Amerikaner zwar nicht, aber ich mochte es immer und mag es auch heute noch. Es hat einfach eine Atmosphäre, findest du nicht?»

«Ja. Aber ich bin auch keine Amerikanerin.»

«Das ist nicht zu ändern.» Lavinia lächelte ihr würdevollstes Lächeln. «Wegen dieses Schlamassels könntest du glatt aus Amerika abgeschoben werden. Wenn du zugibst, homosexuell zu sein.»

«Ich glaube nicht, daß sich deine Regierung an mir vergreifen wird. Ich hab keine Angst», bluffte Carmen.

Lavinia sah ihren Schützling an. Homosexualität störte sie nur wenig. Was diese Mädchen miteinander trieben, überstieg ihre Phantasie. Es kam ihr wie Verschwendung vor. «Warum es drauf ankommen lassen?»

«Ich habe nicht gesagt, daß ich lesbisch bin.»

«Das wird deine Rettung sein. Es gibt da einen Ausweg. Du kannst deine Haut retten, etwas fürs Damentennis tun und obendrein die Sponsoren und Veranstalter glücklich machen.»

«Und zwar?»

«Zuerst mal, kannst du Harriet aufgeben?»

«Ich liebe Harriet.»

«Danach habe ich nicht gefragt.»

Carmen zuckte die Achseln. «Ich weiß nicht.»

«Ich kenne dich, seit du sechzehn bist, Carmen.»

Mit glühendem Gesicht antwortete die Spielerin: «Was soll das heißen?»

«Homosexuelle Beziehungen halten nicht. Ihr scheint eine Drehtür an eurem Schlafzimmer zu haben. Wenn du Harriet verläßt, findest du jemand anders.» Lavinia war fast beleidigend.

«Ich habe keine Drehtür an meinem Schlafzimmer!»

«Na, lang halten deine Beziehungen doch nicht, oder?»

«Harriet und ich sind seit drei Jahren zusammen.»

«Dann ist das Stadium des Kennenlernens vorbei. Du kannst nicht auf die nächste Stufe der Liebe schalten. Ich kenne keine Homosexuellen, die das können. Willst du etwa so dein Leben verbringen?»

«Lavinia, was ich tue, ist meine Sache.»

«Da irrst du dich. Was du tust, ist jedermanns Sache, meine ganz besonders. Meine Lösung für dieses Problem ist einfach. Du wirst heiraten.»

Carmen saß, wie vom Donner gerührt da. Sie griff hinüber und nahm einen Schluck von Lavinias allgegenwärtigem Wodka. «Nur weiter.»

«Andere tun das auch.» Diskret vermied Lavinia, Namen zu nennen.

«Hast du da jemanden bestimmten im Auge?» Carmens Stimme klang fremd.

«Ja. Einen amerikanischen Jungen. Das wird dir helfen, wenn es zu Hause je Schwierigkeiten gibt. Oh, nicht bloß wegen Homosexualität, obwohl eine Ehe das in Ordnung bringt; ich meine, politisch.»

Carmen hörte zu, als Lavinia ihr erklärte, wie instabil Argen­tinien sei. Amerikaner sind doch alle gleich, wenn es um Süd­amerika geht, dachte Carmen. Es fällt schwer, sie nicht zu hassen. «Wer ist dieser Mensch?»