«Der Sohn eines alten Freundes von mir. Er lebt in Los Angeles, wo er sich als Schauspieler durchschlägt. Er sieht entsetzlich gut aus und ist bestens erzogen. Er wird sich bei gesellschaftlichen Anlässen vollendet benehmen, und er ist ein netter Mensch.»
«Warum sollte er sich darauf einlassen? Ist er auch schwul?»
«Danach habe ich nicht gefragt. In seinem Beruf gibt es bekanntlich keine Sicherheit. Du wirst ein Haus kaufen und es unterhalten. Ihr werdet vor der Eheschließung notariell vereinbaren, daß er nicht an dein Geld heran kann, aber neben dem neuen Haus, das euch gemeinsam gehören wird, den laufenden Kosten und einem Auto für ihn wirst du ihm jährlich 60000 Dollar zahlen, der Inflationsrate entsprechend zu erhöhen. Wenn du es bedenkst, ist das ein billiger Ausweg aus deinen Problemen.» Sie hielt inne. «Er hat für sein Alter einen guten Geschmack. Er wird dir helfen, ein wunderbares Haus einzurichten.»
Carmen fand, sie habe bereits ein wunderbares Haus, nur daß es ihr gemeinsam mit Harriet gehörte. Lavinia, unermüdlich in ihrem Einsatz fürs Tennis, bot Carmen eine perfekte Lösung an. Carmen war nicht so stark, wie sie glaubte. Ihre Karriere mußte Priorität haben. Das sagten ihr alle.
«Und wann lerne ich diesen Mann kennen?»
«In der ersten Woche nach deiner Rückkehr in die Staaten. Du wirst ihn mögen. Ich denke, ihr solltet planen, zu Weihnachten zu heiraten. Gleich nach dem Australian Open.»
Als Carmen schließlich Lavinia verließ, ging sie zu ihrem Hotel zurück. Sie wußte nicht, wann oder wie sie es Harriet sagen würde. Sie blieb an einer Ecke stehen, als ihr einfiel, daß sie nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte. Die Straßenlaterne umrahmte ihren Kopf wie ein ranziger Heiligenschein.
Susan Reilly mochte Asche genausowenig wie Carmen, glaubte aber, sie könne Carmen austricksen. Susan war dieser Ansicht bei all ihren Gegnerinnen. Und oft hatte sie recht.
Alicia ließ sich auf der Tribüne nieder. Craig und Lisa würden für Wimbledon rüberkommen, also hatte sie Susan bis zur letzten Juniwoche ganz für sich. Susan zog sich während eines großen Turniers ganz von der Welt zurück. Jeden wachen Augenblick widmete sie dem Austüfteln von Strategien und dem Studieren der Psyche ihrer Gegnerin, ihrem Körper, dem Wetter. Im Gegensatz zu den meisten Spielerinnen sah sie nicht fern; vielleicht bei kleineren Begegnungen, aber nicht bei einem Grand Slam-Turnier. Ihre Trance dauerte an, bis sie verloren oder gewonnen hatte.
Schon als Schulmädchen hatte sie den Sport geliebt. Zwar haßte sie das Verlieren, aber sie liebte das Gewinnen. Sie ging vom College ab, weil die Damenturnierrunde zum richtigen Zeitpunkt für Susan gegründet wurde. Billie Jean King, Betty Stoye, Virginia Wade und andere nahmen die großen Risiken auf sich. Lavinia Sibley hielt die Fäden in der Hand; die Spielerinnen hielten sich zur Verfügung. Außer auf dem Tennisplatz nahm Susan nie ein Risiko auf sich. Es war nichts Schlimmes daran, aus der Arbeit anderer Kapital zu schlagen. Wir alle leben von der Arbeit der Toten und der lebenden älteren Generationen. Sie nahm an keiner Sitzung der Spielerinnenliga teil. Sie unterstützte keine Ferienlager für Kinder, sie unterrichtete nie in Camps oder Kursen. Susan tat nur, was für Susan gut war.
Leider war das Gewinnen mittlerweile für Susan nicht mehr gut. Sie haßte das Verlieren mehr, als sie das Gewinnen liebte. Was ihr in ihrer Jugend Selbstvertrauen und Freude geschenkt hatte, war für sie mit dreißig ein Kampf gegen den Wahnsinn geworden. Mit ihrer ganzen Willenskraft war sie auf Sieg aus. Sie mußte sich beweisen, daß sie noch einmal gewinnen konnte. Mit jedem weiteren Jahr verringerte sich ihre Chance, den Grand Slam zu gewinnen. Jedes weitere Jahr zehrte an ihr.
Sogar ihre Liebesaffären verloren an Reiz. In ihren Zwanzigern liebte und verließ sie ihre Gefährtinnen. Das tat sie noch immer, doch in ihren Zwanzigern hatte sie Wonnen, Schauer, Höhe- und Tiefpunkte erfahren. Auch wenn sie noch immer regelmäßig Orgasmen hatte, wurde sie immer gereizter über jede Störung in ihrem Leben und unterdrückte das heimliche Entsetzen darüber, daß niemand sie verstand. Sie litt unter geistiger Anorexie.
Der bedeckte Himmel hing so tief, daß es schien, als durchbohre ihn der Stacheldrahtzaun, der das Stadion umgab. Susan ging auf dem Platz in Position. Dies war das erste Turnier im Grand Slam. Wenn sie Carmen jetzt stoppen konnte, wäre sie befriedigt. Gewiß, sie wollte den Grand Slam gewinnen, aber sie war besessen von dem Wunsch, Carmen zu stoppen. Da sie die Niederlage haßte, erniedrigte sich Susan noch mehr, indem sie Carmen zu ihrer Feindin hochstilisierte. Sie verfluchte den Tag, an dem sie mit Carmen ins Bett gegangen war. Damals war sie vierundzwanzig gewesen und Carmen sechzehn. Sie mußte nicht ganz bei Verstand gewesen sein. In jener Zeit, ehe sich Harriet ihrer annahm, hatte Carmen ausgesehen wie ein Automechaniker. Susan wollte diese kurze, lächerliche Affäre vergessen. Sie war nicht einsam gewesen. Oben in den Bergen hatte sie eine heimliche Geliebte - und außerdem Craig. Es hatte noch nicht einmal etwas mit Lust zu tun gehabt. Sie hatte Carmen während eines Turniers in ihrem Haus in San Francisco wohnen lassen. Eines Nachts kroch Carmen zu ihr ins Bett, und Susan warf sie nicht raus.
Carmens Erinnerung war eine ganz und gar andere. In ihrem Gedächtnis hatte eine große Spielerin ihr zu einer Zeit Aufmerksamkeit gezollt, als sie lediglich ein Talent, noch keine Könnerin gewesen war. Sie erinnerte sich, mit welchem Vergnügen Susan sie ihren ersten Hamburger von McDonald's verspeisen sah, sie in den ersten amerikanischen Film ausführte und ihr San Francisco zu Füßen legte. Sie erinnerte sich daran, wie überwältigend charismatisch sie Susan gefunden und daß sie alles geglaubt hatte, was Susan sagte. Sie war darauf versessen gewesen, mit Susan zu schlafen, aber fairerweise mußte man hinzufügen, daß sie mit sechzehn einfach darauf versessen gewesen war, mit irgendwem zu schlafen. In den ersten drei Tagen jener Woche massierte sie Susan jeden Abend den Rücken, bevor sie sich ins Gästezimmer am Ende des Flurs verzog. Eines Nachts blieb sie da. Susan warf sie nicht raus. Sie rollte sich herum und tat so, als schliefe sie, aber Carmens tolpatschige Weckversuche wirkten.
Niemand hatte Carmen je gesagt, daß Gott, wenn er sie strafen wollte, ihre Gebete erhören würde. Die Person, die sie am meisten bewunderte, lag in ihren Armen. Diese Liebe war so vollkommen, daß es nicht zu ertragen war. Nach dem Turnier fuhr Susan nach Houston weiter, und Carmen kehrte nach Buenos Aires zurück. Immer wieder durchlebte in ihrer Phantasie sie jene Tage, jene Nächte mit Susan Reilly. Susan rief sie nicht an, aber schließlich ist es auch schwierig, in Buenos Aires anzurufen, und sehr teuer. Carmen nahm das nicht übel. Sie hatte in ihrem Adressenbuch einen Kalender; darauf strich sie jeden Tag mit einem roten X aus. Sie würde in drei Wochen in Amerika Turniere spielen. Es waren die längsten Wochen ihres Lebens. Sie beschloß, Argentinien ganz den Rücken zu kehren. Sie hatte Amerika gekostet. Sie hatte Susan gekostet.
Susan weigerte sich, die Verantwortung für Carmen zu übernehmen, indem sie sie fallenließ, sobald sie vor ihrer Tür stand. Da sie auch sonst jede Verantwortung verweigerte und ihre anderen Geliebten ebenso fallenließ, war dies nichts Besonderes. In jenen Monaten, in denen Carmen allein in einem fremden Land lebte, dessen fremde Sprache ihr zu schaffen machte, bewahrte Carmen nur ihre zunehmende Körperbeherrschung vor dem Verrücktwerden. Tennis hielt sie am Leben. Dann, nach Monaten des Schweigens und der Zurückweisung, fragte Susan, ob Carmen Semana ihre Partnerin im Doppel werden wolle. Susan wollte im Doppel ebenso viele Titel gewinnen wie im Einzel. Mit diesem Kind würde sie es schaffen. Und Carmen sagte ja. Sie hatte gehofft, es würde mehr bedeuten, aber es bedeutete nur, mit Susan im Doppel zu spielen. Resigniert spielte Carmen sich das Herz aus dem Leib. Sie konnte nicht aufhören, Susan zu lieben. Susan nahm nur vom Tennis Notiz.