Im Laufe der Jahre verblaßte die unschuldige Liebe einer Sechzehnjährigen. Je öfter Carmen sah, daß Susan Menschen wegwarf wie alte Schuhe, desto weniger mochte sie sie. Aber selbst heute noch konnte sie nicht begreifen, was Susan getan hatte. Einfach weil sie ihre erste Geliebte gewesen war, bewohnte Susan Reilly einen verschütteten Winkel in Carmens Herzen. Carmen vergaß nie die Liebe jener Tage in San Francisco, selbst als sie es lernte, Susan Reilly zu hassen.
Die beiden nahmen Aufstellung. Das Match begann langsam. Jede Spielerin gewann ihren Aufschlag. So weit keinerlei Überraschungen.
«Aus?»
Der Linienrichter antwortete auf französisch. Susan antwortete mit englischen Flüchen. Der Linienrichter, ein echter Pariser, tat, als verstünde er kein Wort. Susan stolzierte zur Grundlinie und erwartete den Aufschlag. Carmen gewann den ersten Satz 7:5.
Der zweite Satz, mit ein paar weiteren Reilly-Ausbrüchen gepfeffert, wurde schneller. Die Punkte waren nicht kürzer, nicht auf Asche, doch das Tempo wurde schärfer. Beide Frauen waren in glänzender Kondition.
Susan wurde über Carmens Aggression immer wütender. Warum war Carmen nicht in ein Dutzend Scherben zersprungen, die sich über den Platz verteilten? Hatte der Skandal sie denn nicht umgehauen? Demütigte es sie etwa nicht, ihr Gesicht auf dem Platz zu zeigen und zu wissen, daß alle sie für eine Lesbierin hielten? Susans Konzentration verlagerte sich unmerklich vom Spiel auf das, was im Kopf ihrer Gegnerin vorgehen mochte. Bevor Susan sich zusammenriß, nahm Carmen ihr den Aufschlag ab und ging mit vier zu drei in Führung. Susan kämpfte, aber sie war eine Spur zu unkonzentriert gewesen und konnte ihren Rhythmus nicht finden. Ihre wachsende Frustration schwächte ihr Spiel. Carmen gewann den zweiten Satz mit einem klaren 6:4.
Außer sich vor Wut schleppte Susan sich ans Netz. Sie ließ ihre Hand über Carmens ausgestreckte Handfläche gleiten. Sie konnte Carmen nicht ansehen. Sie hätte sie sonst wieder geohrfeigt.
«Ich hab's vermasselt!» Susan hieb ihren Schläger gegen den Schreibtisch des Hotelzimmers.
Alicia tätschelte ihr den Rücken. «In Wimbledon wirst du sie schaffen.»
«Ich Hornochse. Es war mein Fehler. Ich habe die Konzentration verloren.»
Alicia tätschelte sie wieder. Susan schlug ihre Hand weg. Die Stimmung wurde duster. «Das kann jedem passieren.»
«Jetzt muß ich bis zum nächsten Jahr warten, um den Slam in Angriff zu nehmen.» Susan trat gegen ihren zerbrochenen Schläger.
«Du hast noch Jahre vor dir», log Alicia.
«Ich dachte, ich hätte dieses Weib kleingekriegt. Ich dachte, diese Lesbenkiste lenkt sie vom Tennis ab.»
In Alicias Kopf blitzte ein Warnlicht auf. «Was?»
«Diese schlechte Presse - ich dachte, das würde sie fertigmachen. Du weißt ja, wie emotional sie werden kann.»
«Ja, das ist wirklich merkwürdig», meinte Alicia doppeldeutig.
«So eine Entfesselungskünstlerin! Ich kenne dieses Miststück seit sechs Jahren, fast seit sieben. Sie stellt sich einer Sache nur, wenn sie ihr unter die Nase gerieben wird. Zieht sich einfach aufs Tennis zurück. Scheiße. Na, die Welt wird ihr schon auf die Schliche kommen. Früher oder später wird sie schon noch ihr blaues Wunder erleben. Sie gewinnt den Slam nicht.»
Alicia hatte das vage Gefühl, daß Susan selbst keine allzu schlechte Entfesselungskünstlerin abgab. «Du haßt sie wirklich, nicht?»
«Noch schlimmer. Sie langweilt mich.» Susan feuerte ihre Socken gegen die Wand.
«Hast du eine Idee, wie diese Lesbengeschichte ins Rollen gekommen ist?»
Susan wurde bleich. «Wieso sollte ich das wohl wissen?» Ihre Stimme wurde schrill.
Alicia musterte sie. «Ich weiß nicht.»
«Laß uns morgen früh trainieren. Ich werde acht Stunden am Tag trainieren, wenn's sein muß.»
Die meisten Leute in Carmens Situation wären in Miguels Zimmer gestürmt und hätten eine Erklärung über den Jaguar verlangt. Außerdem hätten sie sich arge Sorgen um das Geschick ihrer Geliebten gemacht. Aber Carmen war nicht wie die meisten Leute. Sie verdrängte diese Fragen aus ihrem Kopf und konzentrierte sich ausschließlich auf das French Open. Wenn irgend möglich, würde sie erst nach Wimbledon wieder über irgendwas nachdenken.
In den Vereinigten Staaten konnte Howard Dominick von Tomahawk nicht aufhören, sich Sorgen zu machen. Lavinia Sibley Archers Versicherung, sie werde Carmen schon zur Räson bringen, beruhigte ihn nicht. Howard unterstellte, alle Sportjournalisten seien Schmierenschreiber. Sie kritisierten weder Spieler noch Organisationen, denn wenn sie es taten, unterdrückten deren Manager alle Kontakte zu ihnen. Und ein Reporter ohne Interviews ist wie ein Tennisspieler ohne Aufschlag.
In der Vergangenheit hatte man sich darauf verlassen können, daß die Sportjournalisten im Chor mit Lavinia oder Athletes Unlimited weinten, jubelten, Hiebe verteilten oder säuselten. Martin Kuzirian hatte dieses gemütliche Arrangement gründlich kaputtgemacht. Da Kuzirian keine Interviews mehr bekam, setzte Howard voraus, daß er aufgeben werde. Aber das tat Kuzirian nicht. Er wurde hartnäckiger. Er begann die finanziellen Vereinbarungen zwischen Veranstaltern, Sponsoren und Spielern auszuschnüffeln. Nicht daß diese Geschäfte immer unehrlich waren, aber bei mehr und mehr Turnieren wurde Geld verloren. Das war in Howards Augen schlimmer, als unehrlich zu sein.
Kuzirian benutzte die Lesbensache, um seine Karriere als unbestechlicher Reporter voranzutreiben. Wenn er schon im Funktionärsbüro verhaßt war, dann wollte er auch mit Stil verhaßt sein. Mehr Leute denn je lasen seine Kolumne.
Howard mochte angewidert sein, aber er wußte, daß einem Reporter, der Mut bewies, andere womöglich folgen würden. Der Sportreporter als verkappter Public-Relations-Mann würde bald passe sein. Howards einziger Trost war, daß die meisten von ihnen es noch immer nicht verstanden, an Beweismaterial heranzukommen und erst recht nicht schreiben konnten.
Das war sein einziger Trost. Tomahawk konnte sich einen Skandal im Damentennis nicht leisten, da die Firma so unmittelbar mit diesem Sport identifiziert wurde. Einmal verlorenes Prestige ließ sich gewöhnlich nicht zurückgewinnen.
Außerdem besaßen Frauen als Profisportler keinen Neuigkeitswert mehr. Je länger sie Lavinias Mädchen sponserten, desto weniger würde es Tomahawk bringen. Es mochte ja für das Damentennis gut sein, aber war es für Tomahawk gut? Als Chef der Tochterfirma Tomahawk innerhalb des Konzerns Clark & Clark wußte Howard genau, wo seine Verantwortung lag. Der Lesbenskandal lieferte ihm einen guten Grund auszusteigen, ohne daß jemand in die Bücher sah. Sein Arsch stand auf dem Spiel. Wenn er die Förderung des Damentennis beendete, dann mußte er es so tun, daß er seine Autorität wahrte. Und wenn Gott es gut mit ihm meinte, würde er im gleichen Augenblick die nächste Brooke Shields finden. Schluß mit dem Wildfang-Image für Tomahawk.
Am Morgen des Finales gegen Page Bartlett Campbell fauchte Carmen Harriet an, entschuldigte sich, drehte sich um und tat es wieder, als Harriet sie fragte, ob ein bestimmter Rock gebügelt werden solle. Harriet hatte immer ein Reisebügeleisen im Gepäck und bügelte jeden Dress von Carmen auf. Sie konnte es nicht ertragen, wenn sie auch nur mit einer Knitterfalte auf den Platz ging.
«Ich dusche jetzt.» Carmen knallte die Tür zu.
Carmen kam wieder ins Zimmer, nachdem sie ihr Haar geföhnt hatte, und setzte sich, um ihre Melone aufzuessen. Das Schweigen dauerte fünfzehn Minuten.
Harriet brach es schließlich. «Gibt es etwas, das du mir sagen willst?»
Carmen ließ den Löffel in der Luft schweben. «Hm, nicht vorm Finale.» Sie fragte sich, ob Harriet etwas über ihr Gespräch mit Lavinia wußte. Puterrot verschlang Carmen ihre Melone.