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Harriet lächelte: «Ich hoffe, du gewinnst.»

«Das werde ich.» Carmen küßte Harriet. Sie ging zum Schrank und suchte ihre Sachen für das Match zusammen.

Harriet kämpfte gegen hämmernde Kopfschmerzen an und fragte sich, was passiert, wenn eine kleine Lüge Wirklichkeit wird - die Wirklichkeit zur Lüge.

Es gibt Augenblicke im Sport, da gelingt alles. Glückliche, glanzvolle Momente, denn wie perfekt man seine Rolle auch spielt, es können immer tausend winzige Dinge schiefgehen. Wenn sie es nicht tun, vergißt man es nie - die Spieler nicht, das Publikum nicht, nicht mal die Platzwarte. Der Sport entkleidet einen Menschen seiner Persönlichkeit und legt die weißen Kno­chen seines Charakters bloß. Der Sport gibt Spielern die Gele­genheit, sich zu erkennen und zu prüfen. Der große Unterschied zwischen Sport und Kunst liegt darin, daß Sport mittels seines Systems - wie ein Sonett - Schönheit erzwingt. Während die Kunst immer wieder Grenzen durchbricht und überschreitet.

Tennis, in feste Grenzen gesperrt, in ein Feld, in ein grünes Rechteck, fordert die menschliche Seele heraus. Ein Tennisplatz ist wie ein Sarg, nur größer. Jemand kann eine neue Technik erfinden, aber die Linien, die Regeln liegen fest. Trotz der trüben Intelligenz von Veranstaltern und der unseligen Indu­strie, die Tennis zu einem Werkzeug unter vielen reduziert haben, mit dem sich Intimpuder, Bier und Autos verkaufen lassen, bricht die kommerzielle Struktur doch gelegentlich auf und die menschliche Findigkeit kommt zum Vorschein.

Das Finale der Damen im French Open war solch ein Mo­ment. Page Bartlett Campbell gegen Carmen Semana, die klas­sische Grundlinienspielerin gegen die Königin des Aufschlags und Volleys - das gab den Leuten eine Ahnung davon, was hinter der puren Gier noch alles existiert.

Der erste Satz verlief nach den Erwartungen der Punktrich­ter. Page klebte an der Grundlinie und trieb Carmen zu Fehlern. Eine große Aufschlag- und Volleyspielerin lieferte sich aus. Page wußte, daß Carmen nach einem harten Aufschlag, nach jedem tiefen Schmetterball, ans Netz käme. Das war Carmens Domäne. Von diesem Angelpunkt aus konnte sie, wie Archime­des, die Welt drehen. Schlag direkt auf ihren Körper, und sie schmettert in kurzem Winkel zurück. Schlag weit, und sie springt in den Ball und wehrt ihn ab. Page, eine Grundlinien­spielerin, konnte sich nicht allzu viele unterschnittene Bälle leisten. Wenn sie Carmen Semana am Netz ausspielen wollte, mußte sie den Ball verteufelt flach und hart schlagen oder Carmen mit einem gemeinen Topspin passieren. Page würde haarscharf placieren müssen, denn selbst die schnellste Volley­spielerin kann die unerhörte Wucht eines Balls nicht abfangen, der mit aller Kraft die Linie entlanggeschossen wird.

Der erste Satz ging zwischen den beiden Frauen hin und her, aber Page Bartlett Campbell war imstande, eine Münze drei Meter hinter der Grundlinie zu treffen. Sie war besser als ein Scharfschütze in einem Flying Tiger. Carmen, die gut spielte, ließ sich davon nicht aus der Fassung bringen. Nur eine Göttin hätte diese tödliche Zielsicherheit über ein ganzes Match hin durchhalten können. Freilich glich Page einer solchen Göttin mehr als jede andere Sterbliche.

Carmen mußte dieses Finale gewinnen. Niemand glaubte, daß sie auf Asche siegen könne. Es war der Anfang ihres Traums, des Grand Slam, und es würde die anderen Spielerinnen ein­schüchtern, wenn sie wußten, daß sie die beste Ascheplatzspie­lerin der Welt besiegen konnte.

Carmen verlor den ersten Satz im Tie-Break.

Im zweiten Satz drückte Carmen von Anfang an aufs Tempo, ging Risiken ein, aber keine törichten. Mit Zuversicht entdeckte sie Gelegenheiten. Indem sie ins Mittelfeld lief, schlug sie einen Halbvolley, der über das Netz schnitt und tot war. Der Stopp­ball trug ihr den Applaus der Menge ein. Page winkte - ein großartiger Ball war ein großartiger Ball - und grub sich dann in die Grundlinie ein wie ein Infanterist vor Verdun. Diese Campbell war psychologisch nicht zu schlagen. Ihre Präzision hielt an. Ihr kurzer Rückhand-Cross zehrte an Carmens Durch­haltekraft. Page zog sie nach vorn, konterte dann mit Passierbäl­len, wenn sie konnte. Sie trieb sie von einer Seite des Feldes zur anderen. Carmen, ein Panther, erweiterte ihr Bewegungsvoka­bular. Es war, als dehne sich ihr Körper um einige Zentimeter. Sie war zur Stelle.

Betrachtete man sie als Göttinnen, dann war Page Athene. Ihr Spiel war das vollendete Ergebnis von Rationalität, Planung und tadelloser Ausführung. Carmen dagegen war Artemis, die Göttin der Jagd. Sie sprang, schnellte hoch und wirbelte in einem Ballett der Kraft umher. Ihr Spielaufbau war bei ihrer phänomenalen athletischen Brillanz von zweitrangiger Bedeu­tung. Page durchdachte jeden Ballwechsel; sie konnte den Grad des Dralls und die Höhe des Prellens ermessen, noch bevor der Ball auf ihrer Seite des Netzes war. Carmen verstand sich auf Strategie, aber in ihrer Bestform schien sie von göttlicher Ein­gebung geleitet zu sein.

Der Kontrast der Persönlichkeiten elektrisierte die Menge. Die Zuschauer ergriffen Partei, versuchten zu entscheiden, wel­che der beiden Frauen gegenwärtig wohl die größte lebende Spielerin der Welt sei. Die Zuschauer wußten, daß sie etwas Ähnliches für Jahrzehnte nicht wiedersehen würden. Zwischen Page Bartlett Campbell und Carmen Semana erreichte der Wett­kampf sein höchstes Niveau und wurde zu einer geistreichen Form von Zusammenspiel.

Carmen gewann den zweiten Satz mit 7:5.

Jeffrey Campbell mampfte vier Päckchen Kaugummi. Har­riet betete mit ausdruckslosem Gesicht darum, daß die Muskeln um ihr Zwerchfell sich nicht noch mehr verspannten. Sie konnte kaum atmen, und der Schweiß rann ihr aus den Achselhöhlen. Ihrer Nerven wegen entfernte sie sich vor jedem wichtigen Turnier die Achselhaare. Nervös zu sein war eine Sache. Zu stinken eine andere. Ihr Mund war trocken. Sie ließ Carmen nicht aus den Augen. Ihre Antennen - gewöhnlich begannen sie in der Nacht vor einem Match zu funktionieren - sagten ihr das Ergebnis vor. Sie wachte morgens auf und wußte, ob Carmen gewinnen oder verlieren würde. Heute morgen war sie mit dem Gefühl aufgewacht, daß Carmen gewinnen würde, doch als sie nun Page auf ihrem besten Belag erlebte bei einem Turnier, das sie wiederholt gewonnen hatte, stellte Harriet ihre Prophe­zeiung in Frage.

Mittlerweile waren die Frauen schon drei Stunden in der Nachmittagssonne. Jedes Spiel ging auf Gleichstand, Vorteil, Gleichstand, Vorteil. Der dritte Satz stand fünf beide. Aufschlag Page.

Pages Aufschlag war tückisch. Sie hatte nicht Carmens peitsehende Kraft. Was sie besaß, war jene tödliche Präzision und ausreichend Kraft, um sich eine Gegnerin vom Leib zu halten. Ihr feminines Aussehen täuschte über ihre Kraft hinweg. Wenn nötig, hatte Page einen überraschend flachen, kraftvol­len Aufschlag. Im allgemeinen bewahrte sie sich ihre Energie, entschied sich für Placiertheit und ein nettes Tempo. Ihre Grundschläge verließen sich aufs Drehmoment. Aus der Dre­hung ihres Körpers feuerte sie den Ball über das Netz. Wer oft gegen sie spielte, unterschätzte nie ihre Kraft. Die Sonntags­trainer auf den Tribünen glaubten, Page Bartlett Campbell habe bloß Kopf und keine Muskeln. Zu schade, daß sie nicht die Gelegenheit hatten, gegen sie zu spielen. Sie hätte Hack­fleisch aus ihnen gemacht.

Drei beide der Spielstand, und Page schmetterte einen Auf­schlag auf Carmens Rückhand, dem sie ans Netz folgte. Page kam sonst nur zum Händeschütteln ans Netz, wenn das Spiel vorbei war. Sie trickste Carmen aus und schmetterte einen Vorhand-Volley astrein in die Ecke.

Bei 40:30 pendelte Carmen vor und zurück und erwartete den Aufschlag. Sie wußte nicht, was sie zu erwarten hatte. Page servierte in üblichem Tempo. Carmen schickte eine überrissene Vorhand die Linie entlang. Gleichstand. Page bat den Balljun­gen kühl um einen Ball. Sie atmete tief, beruhigte sich und feuerte diesen flachen Aufschlag noch einmal. Carmen war wieder überrascht, und Page tanzte ans Netz; nie wirkte sie plump oder schwerfüßig. Carmen schlug den Return über Pages Körper hinweg. Page stand in dem Ruf, Angst vor dem Netz zu haben. Carmen nahm an, daß sie - statt Linienbälle zu spielen - lieber auf sie eindreschen und vielleicht zu einem Fehler treiben sollte. Ohne jedes Augenblinzeln nahm Page den Ball mit offe­nem Schlägerkopf, ohne Neigung. Der Ball prallte ab, Carmens Kraft schlug auf sie selbst zurück. Carmen jagte zu dem weiten Return, und mit einem übermenschlichen Ausholen und der Drehung ihres stähleren Handgelenks schmetterte sie einen klaren Gewinnpunkt zur Linie.