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Ihr Vorteil. Carmens ständige Pendelbewegung bei der Aufschlagannahme ließ nichts von ihrer Angst ahnen. Sie war jetzt seit dreieinhalb Stunden in der Sonne, auf mörderischer Asche. Sie wurde müde, und sie wußte es. Page wurde ebenfalls müde, aber keine konnte das Tempo vermindern. Eine Spur von Un­entschlossenheit, ein Anflug von Erschöpfung, und eine hätte die andere auseinandergenommen.

Page servierte hart auf Carmens Rückhand. Der ständig un­terschnittene Ball schoß über das Netz zurück. Pages beidhän­dige Rückhand machte mehr Schritte zum Ball erforderlich. Sie schaffte es kaum, doch gelang ihr ein redlicher Return. Carmen nützte die Chance und legte alles, was sie hatte, in diesen Ball. Sie schmetterte ihn zur Grundlinie zurück. Page schlug den Return fast in Schulterhöhe, aber er kam zu schwach und ging ins Niemandsland. Augenblicklich stand Carmen parat. Page lau­erte an der Grundlinie und erwartete den gewaltigen Schlag, der mit Sicherheit erfolgen würde. Carmen brachte den Ball so gefühlvoll über das Netz, als setzte ein Künstler einen Pinsel­strich auf die Leinwand. Der Ball fiel über das Netz, drehte sich rückwärts und war unerreichbar. Carmen durchbrach Pages Aufschlag. Sie mußte das gewonnene Terrain nur noch halten, um das Match zu gewinnen.

Das dauerte weitere zwanzig Minuten. Niemand konnte es fassen, wie sehr diese Frauen einander quälten. Jeder Punkt war eine Agonie. Page mobilisierte alles an Reserven und Mut, was sie besaß. Ihre mörderischen Passierschläge hätten einer schwä­cheren Spielerin das Rückgrat gebrochen. Carmen lief, bis sie glaubte, ihre Lungen platzten. Sie schlug einen Rückhand- Volley am Netz aus dem Sprung, donnerte den Ball, wirbelte einmal um sich selbst und hieb Pages Return als Vorhand- Volley. Und doch verlor sie diesen Punkt schließlich noch.

Das Publikum war in emotionaler Hochspannung. Jane und Ricky, hypnotisiert von der Qualität des Spiels, kommentierten die Punkte sehr spärlich. Das Tennis war so phantastisch, daß man besser still zusah. Das Publikum hielt den Atem an. Nichts war zu hören außer dem Ping des Balles auf den Schlägern und das Ächzen der Frauen, die offensichtlich am Ende waren.

Schließlich, bei eigenem Vorteil, legte Carmen ihre letzte Kraft in einen gewaltigen Aufschlag. Pages Aufschlagsreturn war scharf, aber kurz; Carmen spurtete nach vorn. Page schoß zur Linie. Carmen legte einen sechsten Sinn an den Tag, kata­pultierte ihren Körper parallel zum Netz und blockte den Ball. Page rannte auf ihn zu, konnte ihn aber nicht übers Netz brin­gen.

Carmen Semana gewann das French Open. Sie gewann das erste der großen vier, das Turnier, von dem niemand geglaubt hatte, daß sie es je gewinnen würde. Was oder wer könnte sie jetzt noch stoppen?

10

Nach dem French Open fanden in England zwei Vorberei­tungsturniere auf Rasen statt. Carmen ließ immer das erste aus und trainierte statt dessen lieber auf dem privaten Rasenplatz englischer Freunde.

Miguel, Harriet und Carmen schlichen sich auf dem letz­ten Tragflächenboot nach England ein. Die am Flughafen her­umhängenden Reporter waren ausgetrickst, aber sobald das Eastbourne-Turnier begann, würde es kein Entrinnen mehr geben.

Das Wetter, kalt und klamm, verlockte Carmen nicht zum Training, aber sie wußte, es mußte sein. Miguel nahm sie beson­ders hart ran, wenn er sie auf dem Platz drillte. Sein analytischer Verstand machte ihn zu einem guten Trainer.

Ehe sie zum Haus zurückkehrten, wickelte Miguel ihr ein Handtuch um den Hals und legte ihr die Trainingsjacke um. «Migueletta, du mußt Harriet heimschicken oder sie dazu brin­gen, mich noch diese Woche zu heiraten.»

«Ich will nicht darüber reden.»

«Wir müssen aber darüber reden. Lavinia ruft mich jeden Tag an.» Er erwähnte nicht, daß auch Seth, dieser Scheißer, einmal angerufen hatte, um seine Häme abzulassen.

«Lavinia lanciert einen Artikel über meine Heirat.»

«Was für eine Heirat?» Miguel war wie vom Donner gerührt.

«Sie hat in Los Angeles für mich einen Mann zum Heiraten aufgetan.»

Miguel mäßigte seine Stimme. «Wer ist dieser Mann? Was für ein Mann würde dich heiraten, ohne dich zu kennen? Ein Mann, der selbst eine Tarnung braucht! Und Geld!»

«Lavinia hat eine vernünftige Summe vereinbart.»

«Ohne mich um Rat zu fragen? Das verbiete ich!» Er be­herrschte seine Wut nicht länger.

«Du verbietest überhaupt nichts. Du hast einen Jaguar ange­nommen als Gegenleistung für meinen Auftritt bei einer Wohl­tätigkeitsveranstaltung, wovon ich nichts wußte und der Auto­händler ebensowenig. Ich habe die Vereinbarung nie getroffen, Miguel. Du hast sie gefälscht!»

Er wand sich. Sie bekam besser nie heraus, was er sonst noch gefälscht hatte. «Du darfst nie eine geschäftliche Entscheidung ohne mich treffen, nie», sagte er.

«Es ist ein guter Handel.»

«Das werde ich entscheiden, nachdem ich mir deinen Ehe­mann auf Bestellung angesehen habe.»

Carmen erklärte ihm, warum Lavinia glaubte, es könne funk­tionieren. Miguel hörte ausdruckslos zu. Er sah zwar den Sinn der Sache ein, aber es ging ihm völlig gegen den Strich, diesem Kerl ein jährliches Gehalt zu zahlen. Immerhin, besser das, als sämtliche Verträge einzubüßen. Der Plan hatte auch sein Gutes.

«Trotzdem will ich das prüfen. Mag sein, daß es eine Lösung ist, aber laß dich nie wieder auf etwas ein, ohne vorher zu mir zu kommen. Du hast doch wohl nichts unterschrieben, oder?»

«Nein.»

«Das Ganze ist der reine Wahnsinn.»

«Harriet kann mit dir zusammenstecken, oder mit Jane und Ricky. Wir werden in einem Privathaus wohnen, wer weiß also schon, in welchem Zimmer sie schläft. Und ich will sie bei mir haben.»

«Nein.»

«Der Artikel über meine Heirat wird die Leute von der Fährte abbringen.»

«Oh, Migueletta.» Er warf angewidert die Hände hoch.

«Ich liebe sie, und ich will sie bei mir haben. Ich brauche sie. Mach mir bloß in Wimbledon keinen Tanz.»

Sein Gesicht wurde nachgiebig. «Ich versuche nur, dich zu beschützen. Du hängst eine Menge Hoffnung an diesen Heirats­artikel.»

«Lavinia wird mich unterstützen, und die Sponsoren auch.»

«Im Augenblick vielleicht.» Er strich sich das Kinn. «Aber wir sind in Europa, und dies ist Wimbledon. Die Sponsoren haben in Wimbledon nichts zu melden.»

«Ich liebe Harriet.»

«Das weiß ich, aber du solltest sie heimschicken.»

«Das tue ich nicht.» Carmen war hin und her gerissen. Sie wollte nicht allein sein. Sie brauchte Harriet. Sie konnte sich selbst nicht eingestehen, daß sie nicht länger als eine Woche allein sein konnte. Wenn sie Harriet nach Hause verfrachtete, was sollte sie dann tun? Wie andere Entertainer sind auch viele Sportler auf Reaktionen angewiesen. Ohne ein Publikum, und sei es ein Ein-Personen-Publikum, bekommen sie Angst. Sie brauchen andere Menschen, die sie bestätigen, die ihnen sagen, wer sie sind.

Carmen hatte Harriet vor drei Jahren kennengelernt. Sie hatte an der Universität von Syracuse einen Sportmediziner wegen ihres steifen Ellbogens konsultiert. Harriet war dort Gastdozen­tin, sie spazierte in die Halle, und das war's.

Carmen war in der Liebe impulsiv. Sie glaubte, jede Geliebte sei die für alle Ewigkeit. Sie trennte sich rasch von ihrer dama­ligen Geliebten, einem hübschen Mädchen in ihrem Alter. Und als sie das hübsche Mädchen kennenlernte, hatte sie eine ältere Rechtsanwältin verlassen, der sehr an ihr lag. Nachdem Susan Reilly sie fallenließ, schwor sich Carmen, daß ihr nie wieder jemand den Laufpaß geben würde. Ihre Affäre mit Harriet dauerte jetzt drei Jahre, und Carmen war ihrer nicht überdrüs­sig, wenngleich sie sich langsam diesem Punkt näherte. Die Anspannung im Profitennis, der Druck von Kuzirians Artikel taten allmählich ihre Wirkung. Als Dozentin war Harriet aufre­gend gewesen, aber sobald sie Carmen folgte, verlor sie ein wenig an Reiz. Carmen war dies nicht ganz klar, aber sie wußte, daß es nicht mehr so intensiv und leidenschaftlich war wie damals, als sie sich gerade ineinander verliebt hatten. Allerdings war sie nicht bereit, Harriet gerade jetzt aufzugeben.