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In England sind die Männer sehr maskulin, die Frauen freilich ebenfalls. Harriet mochte die Leute, aber sie fand sie pervers. Die Engländer haben einen natürlichen Impuls, freundlich zu sein, und verbringen ihr Leben damit, ihn brutal zu unter­drücken.

Devonshire Park in Eastbourne glänzte in einladendem Grün. Die Rasenflächen dieses Vorbereitungsturniers stellten selbst das große Wimbledon in den Schatten. Gelbe, rote und rosa Blumen betörten die Spaziergänger. Ulmen säumten den Tennisplatz. Die Begierde unter diesen Ulmen war allerdings rein sportlicher Natur.

Eastbourne, von den Spielerinnen und Spielern hochge­schätzt, war auch ein hochgeschätztes Turnier der Gurkensand­wich-Freunde. Sie schwärmten in ihren feinen Kleidern und vernünftigen Schuhen aus, am Arm das allgegenwärtige Symbol britischen Lebens, der Regenschirm.

Wenn die größten Geister des 19. Jahrhunderts den Rasenten­nis- und Kricketclub von Wimbledon beherrschten, dann mußte man den Veranstaltern von Eastbourne gratulieren - oder sie tadeln, je nach Einstellung -, weil für sie das 20. Jahrhundert bereits begonnen hatte.

In Eastbourne wurde Carmen immer vom Pech verfolgt. Oft verlor sie in den ersten Runden, obwohl sie es ein paarmal auch bis zum Finale schaffte. Statt dies für ein Omen zu halten, begann sie zu glauben, daß sie nur in Eastbourne verlieren brauchte, um in Wimbledon zu siegen. Jedenfalls war es nur ein Vorbereitungsturnier, warum sich da überanstrengen?

Auch die britische Presse lief sich in Eastbourne warm. Har­riet, die ständig von Miguel begleitet wurde, sobald sie sich in die Öffentlichkeit begab, entwickelte Geschick darin, sich un­sichtbar zu machen. Beide Frauen wußten, daß die Reporter sich ihre schärfste Munition und ihren Giftvorrat für Wimbledon aufhoben.

Die Reporter schrieben gemeine kleine Artikel über die «un­erwünschten Elemente im Tennis», nämlich Harriet, doch ei­gentlich war Carmen gemeint. Fotos von ihrem Haus in Gazenovia tauchten in den Zeitungen auf, in die man bald darauf Fisch und Chips einwickelte, für Harriet freilich nicht schnell genug. Gleich daneben standen schmeichelhafte Artikel, in de­nen Page Bartlett Campbell als «Zierde ihres Geschlechts» be­zeichnet wurde. Page haßte das. Wenn man schon gelobt wird, würde man gern für etwas gelobt, das man geleistet hat. Page war als Frau geboren. Warum sie dafür loben? Sie mochte Carmen und fand es widerlich, gegen sie ausgespielt zu werden. Lavinia lancierte tatsächlich die Hochzeitsnachricht. Sie war­tete ungeduldig darauf, daß sie veröffentlicht wurde, und der Reporter versprach ihr, sie werde erscheinen, noch bevor Wim­bledon zu Ende sei.

«Wollt ihr bei uns wohnen?» fragte Jane, am Steuer des Rolls­Royce, den sie und Ricky gemietet hatten. Ricky, Harriet und Jane verband eine Schwäche für englische Wagen. In den Ver­einigten Staaten konnten sie sich keinen Rolls leisten, also machte es ihnen großen Spaß, in England einen zu mieten.

«Ich glaube nicht.»

«Wir haben viel Platz.»

«Danke für das Angebot, aber wir werden weiter außerhalb von London wohnen. Carmen dreht in Wimbledon total durch. Ich bin jetzt das dritte Mal dabei, und es sieht so aus, als würde es mörderisch. Bei all dem Gedruckten einerseits und anderer­seits dem Druck, die Nummer zwei für den Slam zu schaffen, wird sie an die Decke gehen, glaube ich.»

«Sie ist ungewöhnlich nervös, aber sie pendelt hin und her. Entweder ist sie völlig aus dem Häuschen oder sie ist nicht ganz da.»

«Ich habe sie in letzter Zeit oft <nicht ganz da> erlebt.»

Sie kamen an einem glatten Teich mit zwei majestätischen schwarzen Schwänen vorbei, die über die Oberfläche glitten.

«Übrigens, es gibt pikanten Klatsch.» Harriets Gesicht hellte sich auf. «Ratet mal.»

Jane schnitt eine Kurve. «Sex in der Turnierrunde?»

«Hm, hm.»

«Eine der Spielerinnen?»

«Natürlich.»

«Rainey Rogers' Trainer?»

«Richtig. Gary Shorter, und jetzt mal weiter.»

«Harriet, ich halt's nicht aus. Erzähl's auf der Stelle.»

«Alicia Brinker wurde gesehen, als sie spät, sehr spät gestern nacht aus dem Zimmer dieses Kolosses kam.»

«Nein!» Dieser Skandal war zu toll, um wahr zu sein.

«Wie bist du dahintergekommen?»

«Durch Happy Straker.»

«Happy Straker redet nicht mit dir. Sie haßt dich.»

«Na, das weiß ich, aber sie redet mit Susan Reilly, und Happy beging den Fehler, Susan zu erzählen, was sie letzte Nacht gesehen hat, während sich eine dritte Person gerade zum Trai­ning umzog.»

«Wer hat es mitangehört?»

«Carmen, meine teure Pfirsichblüte.»

«Was?» Jane schnitt die nächste Haarnadelkurve.

«Sie war auf dem Klo, hörte sie in den Umkleideraum kom­men und zog die Füße auf den Sitz. Sie sagt, sie wüßte auch nicht, warum sie das machte, jedenfalls tat sie es. Carmen hörte jede Silbe.»

«Alicia Brinker! Daß sie in seinem Zimmer war, heißt noch nicht, daß sie mit ihm geschlafen hat!»

«Ha. Der würde es auch mit einem Hund treiben, wenn er nur richtig mit dem Arsch wackelt. Wenn sie sein Zimmer betreten hat, ist sie nicht unberührt da rausgekommen.»

«Was hat sie bloß vor? Susan wird sie umbringen.»

«Ich habe Alicia immer für eine Klette gehalten. Womöglich ändere ich noch meine Ansicht.»

Jane fuhr langsamer. «Bevor dieses Jahr um ist, werden wir wohl alle unsere Ansichten geändert haben.»

Bonnie Marie Bishop war im College in den höheren Semestern. Mit einer Gruppe amerikanischer Studentinnen reisten sie den Sommer über durch Europa. Bonnie Marie war groß, dünn und nichtssagend. Sie hatte selbst keine sportliche Begabung, schätzte sie aber bei anderen sehr.

Trotz empörter Behauptungen des Gegenteils nehmen die meisten talentierten Sportler allenfalls an Korbflechtkursen teil, werden durch das Studium geschleust und dann in die Welt entlassen, ohne irgendwelche Kenntnisse außer im Dribbeln, Schlagen oder Laufen. Bonnie Marie war das erspart geblieben. Sie wollte eine gute Ausbildung in Betriebswirtschaft. Sie brannte darauf, gleich nach dem Studium ihre eigene Firma zu gründen. Natürlich sollte es etwas mit Sportlerinnen zu tun haben, bloß was, das wußte sie noch nicht genau. Ganz genau wußte sie jedoch, daß sie reich werden wollte. Sie war also eine echte Vertreterin ihrer Generation.

Außerdem war sie Lesbierin. Und wenn Frauen im Geschäfts­leben benachteiligt sind, dann ist eine Lesbe gleich doppelt benachteiligt. Darum fürchtete sie sich sehr vor einer Enttar­nung, die arme Bonnie Marie. Dabei genügte ein Blick, um sie als kessen Vater zu identifizieren - wie aus dem Bilderbuch. Mannhaft bemühte sie sich, wie eine Dame zu wirken, doch Weiblichkeit und gutes Aussehen waren nicht ihre Stärken. Allerdings besaß sie ein gefälliges Wesen. In der Öffentlichkeit hängte sie sich bei jedem Mann ein, den sie zu fassen bekam, und verbal war sie beruhigend heterosexuell. Nicht daß ihr irgend­wer glaubte, aber die Leute gingen darauf ein, damit sie sich wohler fühlte.