Bonnie Marie tauchte mit ein paar anderen Mädchen in Eastbourne auf. Sie fielen durch ihre amerikanischen T-Shirts und ihre Turnschuhe auf. Englische Damen trugen keine Turnschuhe. Englische, kesse Väter vielleicht, aber englische Damen nicht. Auf dieser Welt gibt es Lesbierinnen und kesse Väter. Die beiden haben nichts miteinander gemeinsam. Lesbierinnen sind Frauen, die Frauen lieben. Kesse Väter sind Frauen, die Männer imitieren.
Harriet und Miguel kamen an dem Rudel vorbei, als sie von Carmens Match heimschlichen. Carmen war jetzt im Viertelfinale und verschärfte ihr Rasenspiel mit jedem Schlag. Harriet seufzte innerlich auf, huschte an ihnen vorbei und sah kein zweites Mal hin. Traurig für Harriet, aber Carmen sah sehr wohl ein zweites Mal hin.
Wie zu erwarten, schmiß Carmen Eastbourne. Sie gewann im Doppel, eine erfreuliche Sensation, aber das Einzel bringt die Werbeverträge, nicht das Doppel, und ihre Verträge waren schon gefährdet genug. Niemand bemerkte, daß Carmen eine bessere Doppelspielerin als Einzelspielerin war. Ihr gefiel das Teamwork. Einzel waren für den Stolz, Doppel für die Liebe zum Spiel.
Die beiden verstauten ihre Sachen in einem gemieteten Häuschen am Rande von London. Das Dekor entsprach englischer Behaglichkeit - alte Möbel und höllisch feucht. Harriet zog die getönten Jalousien, imitierten Bauhausmöbeln und Teppichboden vor. Harriet erklärte, sie könne nie eine Frau lieben, die Teppichboden für ideal hielt.
Wimbledon begann wie üblich mit einem Terminchaos, noch ehe der erste Tag halb vorbei war, und Streitereien zwischen Spielerinnen und Spielern, Trainern und Gefolge. Die Leute, die in Wimbledon das Sagen hatten, gaben sich mit solchen trivialen Dingen selten ab, denn sie hielten sich für göttergleich. Da sie tot und nur zu dumm waren, um umzufallen, war diese Einstellung nicht allzu verkehrt.
Wimbledon ist nur beeindruckend, wenn man sich beeindrucken lassen möchte. Es ist nicht das Heiligtum des Tennis, sondern ein recht ordentlicher englischer Tennisclub, der den Tagen des britischen Empires verhaftet ist und am Leben erhalten wird, weil jeder Ausländer in der Welt dort spielen und gewinnen will. Offensichtlich wollen die Engländer dort nicht gewinnen. Sie haben sich seit Jahrzehnten nicht ums Tennis geschert, von Virginia Wade einmal abgesehen. Uganda hat ein besseres Tennisförderungsprogramm als England; aber da sich mittlerweile die halbe Bevölkerung von Uganda in England befindet, bessert sich vielleicht einmal etwas.
Fans stehen stundenlang Schlange, nicht weil sie glühende Tennisfanatiker sind - das sind nur einige -, sondern weil es nicht so viele Turniere im Land gibt, und dieses ist ihr Nationalturnier.
Die Anlage als solche ist nicht beeindruckend. Der Rasen ändert sich von Jahr zu Jahr, und das ist nicht die Schuld der Platzwarte. Das Wetter würde auch die Geduld von Heiligen auf die Probe stellen.
Wäre Wimbledon nicht Wimbledon, würde man es als recht angenehmes Turnier betrachten, zwar schlecht organisiert und überfüllt, aber mit unbestreitbarem Charme. Doch es wird ewig Wimbledon bleiben, also macht jeder Sportjournalist in der Branche seinen jährlichen Kniefall, Nachrichtenredakteure fabulieren sich Geschichten zusammen, Verknöcherung tarnt sich als Tradition, und die Spieler und Spielerinnen kämpfen mit Zähnen und Klauen, um das Große W zu gewinnen.
Für den Eröffnungstag zog Carmen ein Freilos. Sie brauchte erst am Dienstag zu spielen. Der Dienstag kam und ging mit einem Semana-Sieg, einem wackligen übrigens. Sie mußte nur durch die ersten Runden kommen.
Mit der Gnadenfrist der Presse war es nach dem nächsten Match urplötzlich vorbei. Carmen, Harriet und Miguel trafen aus verschiedenen Richtungen bei Carmens Auto ein. Miguel hatte Schmettie Kittredge seinen Wagen geliehen. Eine graue Wachsmasse auf zwei Beinen folgte der heißen Spur, und hinter ihr kamen weitere ähnliche Gestalten. Die Reporter.
«Scheiße, los ins Auto», kommandierte Miguel.
Dummerweise stand Harriet auf der Fahrerseite. Sie hatte vergessen, daß das Steuer hier auf der anderen Seite war, ein weiteres Beispiel für englische Perversität. Carmen bekam die Tür auf, sprang hinein und sah dann, daß Harriet noch immer draußen stand. «Steig auf der anderen Seite ein!» Miguel stieß sie ins Auto.
In Amerika wird Geschwindigkeit mit Leistung verwechselt. Carmen fuhr, als sei Geschwindigkeit eine Leistung. In England kam sie damit durch. Die Vororte von Wimbledon flogen vorbei. Angespannt zischte sie: «Warum mußtest du's auch Martin Kuzirian sagen? Gar nichts wäre passiert. Alles wäre in bester Ordnung.»
Verdattert, besorgt, reckte Harriet den Kopf. «Wenn du dich schämst, Lesbierin zu sein, schämst du dich, daß du eine Frau bist.»
Carmen fuhr in wütendem Schweigen nach Hause.
Miguel dachte über das nach, was Harriet gesagt hatte. Trotz all seiner schlüpfrigen Geschäfte war er doch nicht völlig unsensibel. Harriet hatte irgendwo recht. Er hoffte, daß andere Frauen nicht ihrer Meinung waren.
Ebenfalls in wütendem Schweigen bereitete sich Susan, von Ehemann und Tochter flankiert, auf Wimbledon vor. Schlief Alicia wirklich mit Rainey Rogers' Trainer, Gary Shorter? Was, zum Teufel, hatte sie sich bloß gedacht, als sie aus seinem Zimmer kam und sich wieder in ihr eigenes schlich? Bei großen Turnieren waren Susan und Alicia noch mehr auf der Hut als sonst. Susan wollte sich Alicia vorknöpfen, aber sie wollte die Antwort erst nach Wimbledon wissen. Nichts durfte ihre Konzentration stören, den Mantra-Gesang: «Siegen, siegen, siegen.»
Wäre Susan für irgendwen anders als sich selbst sensibel gewesen, hätte sie vielleicht bemerkt, daß Alicia Qualen ausstand, weil sie lesbisch war. Sex mit Männern war schon schlimm genug. Die junge Frau war absolute Puritanerin. Ihr Körper tat eine Sache; ihr Kopf schrie dagegen an. Was sie brauchte, war Mitgefühl, Angenommenwerden und, nötigenfalls, Beratung. Alicia wäre nie zu einem Psychiater gegangen, aber sie hätte mit einem Pfarrer geredet; viele Pfarrer sind kompetent als Berater und wissen mit Menschen in Krisen umzugehen. Hätte Susan überhaupt ein Herz gehabt, hätte sie Alicia dazu verholfen, sich selbst zu helfen. Statt dessen sann Susan darauf, wie sie die Wahrheit aus Alicia herausprügeln könnte. Sie kam gar nicht auf den Gedanken, Alicia schlicht zu fragen, was sie in Gary Shorters Zimmer zu tun hatte. Im Gegensatz zu Susan sagte Alicia im allgemeinen die Wahrheit.
Der Klatsch über Carmens Hochzeit war für die Zeitungen das gefundene Fressen. Harriet bekam es nicht zu Gesicht, weil sie aus dem Verkehr gezogen war. In das gemietete Haus wurden keine Zeitungen geliefert. Sie verbrachte ihre Zeit im Garten oder lesend in der Bibliothek. Sie fühlte sich elend. Sie sollte sich bald noch elender fühlen.
Jane bog in die Auffahrt ein, hupte und ging um das Haus herum. «Ju-hu.»
Die Tür flog auf. «Hallo! Komm rein.»
«Ich mußte weg von diesem Zoo. Jedenfalls habe ich meine Arbeit für heute erledigt. Ich bin Valerie die Tugendhafte.»
«Kaffee?»
«Nein, danke.» Jane ließ sich auf den Küchenstuhl plumpsen. «Sommer nennen sie das. Vielleicht möchte ich deinen Kaffee doch.»
Harriet machte sich am Herd zu schaffen. «Irgendwas Aufregendes im Job heute?»
«Teufel, nein. Alles läuft wie geschmiert. Bis jetzt ist alles absehbar. Ein paar Spiele der Herren waren gut.»
«Sie haben soviel Intensität.»
«Ja, ich weiß. Ich bat um einen Kaffee, Harriet, nicht um ein Menü mit zwölf Gängen.»
«Ich bin doch nicht die Küchenmamsell.»
«Hier.» Jane maß die richtige Menge Kaffeepulver ab. Langsam füllte das Aroma des durch den Filter sickernden Kaffees die winzige Küche. «Du siehst deprimiert aus. Lavinia steckt wieder dahinter.»
«Sie hat sich für Carmen starkgemacht. Ihren Normen entsprechend tut sie das Richtige.»
«Wie edel von dir. Falsche Hochzeitsgeschichten sind nicht das Richtige.»