Miguel ging ihm an die Kehle. «Warum?» Dann ließ er den erschrockenen Spieler los.
«Mein Spiel war beschissen, und er rückte mir auf die Pelle. Also hab ich's ihm schließlich erzählt - hatte zuviel Koks genommen. Es ist einfach passiert, weißt du.»
«Baldwin, ich breche dir jeden Knochen im Leib, wenn du nicht das Maul hältst.»
«Er war der einzige, dem ich's erzählt habe. Ehrlich.»
«Das reicht ja wohl. Ich hab für dich was riskiert, du Scheißkerl.»
«Das weiß ich. Das weiß ich, Miguel, und ich werd's wiedergutmachen. Echt. Ich schwör's dir.»
Angewidert kehrte ihm Miguel den Rücken zu und ging davon.
Das emotionale Wechselgeld, die kleinen Münzen der Liebe, die Küsse auf die Wange, das Vorlesen aus den Zeitungen, gab es ungehindert weiter. Carmen wachte jeden Morgen auf, tastete nach Harriet, umarmte sie, stand auf, putzte sich die Zähne, duschte und machte sich dann in der Küche ein riesiges Schinkensandwich. Sie machte auch eines für Harriet. Sie plauderten, wenn Carmen die Zeitung gelesen hatte. Harriet erfand Liebesbriefe von Baby Jesus und las sie vor. Carmen lachte.
Aber Harriet spürte, daß auf ihrem Paradiesweg Unkraut sproß. Wäre Carmen älter gewesen oder emotional weniger sprunghaft, hätte sie diese Affäre vielleicht mit der Würde fortgesetzt, die sie beide verdienten. Harriet war nicht so dumm zu glauben, daß Carmen ihr körperlich treu bleiben würde, bis daß der Tod uns scheidet. Allerdings glaubte sie, ihre Freundschaft und die gemeinsamen Ziele würden sie lebenslang fest aneinander binden. Einmal hatte Carmen auf den Knien gelegen und geschluchzt, sie werde Harriet lieben, bis eine von ihnen stürbe. Harriet hatte ihr geglaubt.
Eine wahre Partnerschaft bedeutete für sie gute Zeiten, schlechte Zeiten und Zwischenzeiten. Wenn eine der anderen eine Verletzung zufügte, heilt sie wieder. Es machte wenig Unterschied, ob jemand einen Mann oder eine Frau heiratete. Was den Unterschied ausmachte, war die Fähigkeit, eine Person zu lieben, wenn sie nicht liebenswert war. Die Ehe unterwirft letztlich jede Partnerschaft dieser harten Prüfung. Die meisten bestehen sie nicht.
Carmen hatte Heimlichkeiten vor ihr. Harriet haßte das. Sie wußte, daß alle ihre Instinkte hellwach waren. Wenn Carmen mit einer anderen schlief, lebte sie. Aber sie spürte, wie Carmen ausbrach, ihr entglitt und sich von ihr zurückzog. Sie wußte nicht, ob sie ohne Carmen leben konnte. Da Harriet selbst die geringste Abhängigkeit fremd war, durchfuhr sie dieser Gedanke wie ein Bajonett. Und dabei hatte sie früher über Leute gelacht, die das Gefühl hatten, sie müßten sterben, wenn ihre Ehegefährten oder Geliebten sie verließen.
«Wie toll, daß du vor Rainey noch einen Tag spielfrei hast.» Harriet studierte die Buchrezensionen in derTimes.
«Ich denke, ich werde heute zweimal trainieren. Heute nachmittag im Doppel. Vielleicht bleibe ich auch gleich draußen.»
Carmen zog ihr Leben in einer Weise durch, daß es aussah, als verhielte sie sich wie immer, dabei schworen sie und Bonnie sich bereits, sie hätten einander vom ersten Augenblick an geliebt. Nachdem sie zwei Wochen in Wimbledon zusammenwaren, hatten sie in der Phantasie bereits ein Haus gekauft, Möbel dafür ausgesucht und die Freundinnen der anderen kennengelernt. Niemand verstand Carmen so wie diese neue Frau. Carmen vergaß völlig, daß sie vor drei Jahren dasselbe zu Harriet gesagt hatte.
Am nächsten Tag streckte sich Jane in Harriets und Carmens Haus auf dem ramponierten Sofa aus. Carmen hatte einen spielfreien Tag, ehe sie auf Hilda Stambach traf, die Page Bartlett Campbell zu Fall gebracht hatte. Page litt unter einer Sehnenentzündung im Knie, sagte der Presse aber nichts davon. Hilda war gut, und Rasen war nicht ideal für Page. Allerdings konnte Page auf allem gewinnen. Nun mußte sie ein weiteres Jahr auf Wimbledon warten, und das bedeutete, sich ein weiteres Jahr eine Familie aus dem Kopf zu schlagen. Sie fragte sich, ob es das wert sei.
Jane hatte Page kurz interviewt und erzählte Carmen und Harriet, daß Page nach dem Finale noch einige Tage dabliebe.
«Jane, möchtest du einen Drink? Wein, Bier oder scharfe Sachen?»
«Weißwein. Es ist noch zu früh am Tag, um ernsthaft zu trinken.»
Carmen schenkte Jane Weißwein ein. Jane spürte die Spannung. Sie kannte Carmen; ihre Sorge galt Harriet. Seit Susan Reilly ihr damals den Laufpaß gab, sorgte Carmen dafür, daß keine andere Frau ihr je das gleiche antat. Jane hielt Carmen für einen in vieler Hinsicht reizenden Menschen, aber auch für den Modellfall einer Liebessüchtigen.
Jane dachte auch ein wenig über sich selbst nach. Veränderung. Das Leben bestand anscheinend nur aus Veränderungen, selbst wenn sich an der Oberfläche absolut nichts regte.
Als Carmen ihr das Weinglas reichte, fragte Jane: «Wofür würdest du sterben?»
«Ich denke nicht ans Sterben.»
«Nicht in Wimbledon.» Harriet nippte an einer Coca-Cola.
Jane sagte: «Aber ich frage mich, ob das Leben lebenswert ist, wenn es nichts oder niemanden gibt, wofür man sterben würde?»
«Nein», antwortete Harriet.
«Nein, was? Gibt's da was, wofür du sterben würdest?» fragte Carmen.
«Ich hoffe, ich würde für dich sterben oder für eine Freundin; für ein Kind, wenn ich eines hätte; für mein Land, je nach den Umständen; für eine Idee, wenn sie großartig genug wäre, obwohl es leichter ist, für Fleisch und Blut zu sterben.»
Carmen sagte nichts darauf.
«Manchmal glaube ich, daß wir morgens aufstehen, bloß weil wir es nicht geschafft haben, mitten in der Nacht zu sterben.»
Jane schüttelte ein Kissen auf.
«Es ist leichter zu leben, wenn du ein Ziel hast.»
«Der Grand Slam», sagte Carmen.
Jane, die jetzt bequem lag, antwortete: «Äußere Ziele lassen einen im Stich. Nicht daß sie nicht wunderbar wären, sie geben uns ein Gefühl von Leistung, aber das ist nicht genug.»
«Der Grand Slam wird für mich genug sein.» Carmen blendete Janes Gedankengang aus.
«Ich meine nicht, daß es nicht wichtig ist», sagte Harriet. «Sport gibt uns wirklich ein Beispiel von Mut. Wahrscheinlich hoffte ich, es gebe einen Sinn hinter den Dingen, ganz sicher aber außerhalb meiner Fähigkeit, ihnzu beschreiben. Vielleicht suche ich nach dem Geist, dem kollektiven Bewußtsein.»
«Wäre das etwa nichts?» Jane trank ihren Wein.
«Ein Planet miteinem Herzschlag.» Harriet stieß mit Jane an. Carmen ließ ihr Perrierglas gegen Janes Glas klicken und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie sich davor gedrückt hatte, Harriet von Lavinias Plan zu erzählen.
«Auf Carmens Grand Slam und auf die Offenbarung», sagte Jane und hob ihr Glas.
«Eine Offenbarung ist mir willkommen», sagte Harriet. «Die Logik ist zu zeitraubend.»
Hilda Stambach, eine von Seth Quintards Klientinnen, kam ins Finale. Eigentlich waren sie beide Klientinnen von Athletes Unlimited, nur hatte Miguel da reingepfuscht. Aber Seth bekam seine Rache.
Am Tag vor dem Finale, üblicherweise ein Ruhetag für beide Finalistinnen, wartete er geduldig auf Carmen, während sie trainierte. Ein angeblicher englischer Wollfabrikant half Seth dafür sorgen, daß Miguel garantiert außer Sichtweite war. Miguel und der falsche Fabrikant besprachen gerade Carmens künftige Sockenwerbung.
Seth überfiel sie, sobald sie vom Training kam. Er hatte die imitierte Kleidung aus Hongkong bei sich. Als Seth ihr haarklein auseinanderlegte, was da vor sich ging, fiel sie fast in Ohnmacht. Seth wußte zwar nichts von der gefälschten Unterschrift für den Kredit der Amalgamated-Bank, aber er war schlau genug, um zu wissen, daß Miguel das Geld irgendwoher gekriegt haben mußte.
Carmen nahm die Sachen ungläubig in Augenschein. Seth erinnerte sie daran, daß ihr Name für ein Schundprodukt mißbraucht wurde, und ging dann triumphierend davon.