«Du hast ja Bonnie Marie Bishop.»
Carmens Gesicht erstarrte. «Wie hast du das rausgekriegt?»
«Du hast eine heimliche Spur von schlechtem Gewissen hinterlassen. Du hast die letzten zwei Wochen rumgebumst. Und weiß Gott nicht mit mir.»
Carmen faßte sich. «Sie ist sehr nett.»
«Es ist nicht meine Sache, deine Geliebte zu billigen. Du kannst nicht von mir erwarten, daß ich im Augenblick viel Freundlichkeit für sie oder dich aufbringe.»
«Wenn ich mit jemand anders zusammen bin, ist das deine Schuld.»
«Das hoffe ich nicht.»
«Man sucht sich nur jemand, wenn die Sache zu Hause nicht gut läuft.»
Dies verletzte Harriet tief. Zunächst einmal glaubte sie es nicht. Menschen brauchen verschiedene Dinge zu verschiedenen Zeiten. Wenn Geliebte als Waffen benutzt werden, ist das etwas anderes, als wenn ein Mensch einen anderen braucht. Im Augenblick war alles völlig durcheinander. Harriet gab nicht auf. Sie schwankte zwischen Wut und furchtbarem Schmerz, und sie wollte beides nicht herauslassen.
Carmen nahm die Schultern zurück und setzte sich aufrecht. «Übrigens, ich wollte dir von Lavinias Plan erzählen.»
«Was?» «Sie hat einen Mann gefunden, den ich heiraten kann.»
Schockiert griff Harriet nach der Tischkante. «Das kann nicht dein Ernst sein.»
«Das ist mein Ernst.» Ihr dunkles Gesicht verriet keine Emotion.
«Ist er schwul?»
«Weiß ich nicht. Er heißt Timothy Meeker. Ich lerne ihn nächste Woche kennen. Er lebt in Los Angeles.»
«Es ist grausam, einem heterosexuellen Mann etwas vorzumachen. Er hat auch ein Herz.»
«Es ist ein reines Geschäft. Er bekommt ein Gehalt.» Carmen hatte sich bereits auf diese Handlungsweise festgelegt. Sie war nicht mehr umzustimmen. Sie würde vor sich selbst rechtfertigen müssen, was sie da tat. «Das ist verrückt.»
«Es ist vollkommen vernünftig.»
Eine enorme Fülle von Neuigkeiten war gerade auf Harriets Haupt niedergeprasselt, allesamt schlechte. «Und was ist mit deiner neuen Freundin?» Sie sagte dies mit ebensoviel Herausforderung wie Neugier.
«Sie findet es großartig. Sie möchte auch nicht, daß jemand etwas über sie erfährt.»
«Zwei Lügnerinnen sind besser als eine, schätze ich.»
«Das ist nicht fair!»
«Bei aller Phantasie läßt sich das, was du da tust, nicht als fair bezeichnen», konterte Harriet. «Was tust du denn? Du verstrickst dich in ein Netz von Betrug.»
«Die Leute wollen sich ein bestimmtes Bild von mir machen. Sie werden glauben, was ich ihnen erzähle. Das weißt du. Die Leute sind doof.» Ein bitterer Unterton kam in ihre Stimme. «Jedenfalls tun Filmstars das dauernd.»
«Dadurch wird es nicht richtig.»
«Hör endlich auf! Du bist doch nicht mein Gewissen. Nach meiner Karriere kann ich tun, was mir gefällt.»
«Hiernach wirst du nicht mehr dieselbe sein.»
«Wie meinst du das?» Ein Schimmer von Verständnis flackerte in Carmens Augen auf und verschwand wieder.
«Jede Handlung, die ein Mensch in seinem Leben tut, prägt ihn. Was du tust, trägst du mit dir herum. Wie einen Fleck auf der Seele.»
«Ach, Scheiße.»
«Handlungen haben Folgen, Carmen, wenn auch vielleicht erst Jahre oder Jahrzehnte später. Was du tust, wird dich für den Rest deines Lebens verfolgen, und es ist mir scheißegal, wie viele Autos, Pelze, Brillanten, Häuser oder Frauen du kaufst.»
«Was du brauchst, ist eine Kanzel», höhnte Carmen.
«Du hast dir ein Preisschild aufgeklebt. Du hast dich schlicht und ergreifend verkauft. Wofür, Carmen? Für die gute Meinung von Leuten, die du nicht mögen würdest, wenn sie in deine Nähe kämen? Für Geld? Selbst wenn es um Millionen von Dollars geht, ist doch deine Integrität mehr wert, als dir irgendwer zahlen kann. Wie wirst du dich im Spiegel ansehen, nachdem du das getan hast? Du hast deine Integrität verplempert.»
«Du bist ja so weg von allem. Du bist eine alberne Idealistin. Mein Leben wird wunderbar sein! Ich kann tun, was ich will. Und ich kann's mit einer tun, die mich zu schätzen weiß. Du hast immer versucht, mich zu etwas zu machen, das ich nicht bin.»
«Ich habe dir zu helfen versucht, zu dir selbst zu finden. Die Carmen, die ich liebe, würde nie lügen.»
«Ich wußte ja, daß du mich nie wirklich verstanden hast.»
«Was für ein Mensch würde dich auch dazu auffordern, deine Selbstachtung zu untergraben?»
Ein verlegenes Schweigen legte sich über den üppig gedeckten Tisch.
Was keine von ihnen aussprach, war, daß Carmen panische Angst vor dem Alleinsein hatte. Ihre Karrieresorgen waren eine Tarnung für tiefere Dinge. Ein Mensch kann nur dann weiterkommen, wenn er das, was er am meisten fürchtet, annimmt. Carmen war weit davon entfernt, sich ihrer Einsamkeit zu stellen, die dann zu Alleinsein, schließlich zu Selbstkenntnis werden würde. Sie brauchte es, daß ihre Persönlichkeit ihr widergespiegelt wurde, wie sie es brauchte, daß der Ball von der anderen Seite des Feldes zurückgeschlagen wurde.
«Warum tust du das?» Eine Träne lief seitlich an Harriets Nase herab.
«Weil ich kein Vertrauen mehr zu dir habe. Wenn du mich liebtest, hättest du nicht allen erzählt, daß du lesbisch bist. Dir liegt nichts an mir oder meiner Karriere. Dir liegt nur an dir selbst.»
«Ich habe meine Karriere verpfuscht. Ich bin von einem Land zum anderen mitgezogen, von einem öden Ort zum nächsten öden Ort.»
«Ich habe dich nicht darum gebeten.»
«Warum hast du dann geweint und mir gesagt, ich soll meine Stellung aufgeben? Warum hast du mich fünfmal am Tag angerufen und geweint, wenn wir getrennt waren? War das etwa kein Bitten?»
Carmen bekam einen roten Kopf. «Jetzt bitte ich dich nicht.»
«Aber du hast es getan, und ich bin 36 Jahre alt, und mein Leben zu diesem Zeitpunkt zu ändern ist verdammt beängstigend. Mit 24 glaubst du, du kannst jederzeit neu anfangen. Das Leben ist eine einzige Einladung zu Neuanfängen. Ich stehe in meinem Leben an einem anderen Punkt als du, und du spielst schnell und locker, nicht nur mit meinem Kopf, sondern auch mit meiner Karriere. Gott, war ich ein Dummkopf zu glauben, daß du meinst, was du sagst. Du hast gesagt, du würdest für mich sorgen.»
«Ich zahle schließlich die Rechnungen.»
«Wie kannst du es wagen, das gegen mich auszuspielen, nachdem du mich gebeten hast, meine Arbeit aufzugeben!»
Carmen wußte, daß sie ihr Wort brach, und sie haßte es. «Ich habe keine Gewalt über mein Herz. Mir ist ja wohl noch ein Irrtum gestattet.»
«Aber wer von uns ist der Irrtum? Und was ist mit den anderen Frauen, die vor mir deine Geliebten waren?»
Carmen konnte das nicht ertragen. Sie wollte, daß alles einfach war. Gestern war gestern, und Gestriges galt heute nicht mehr. Frühere Geliebte wurden vergessen, oder man erinnerte sich gelegentlich liebevoll an sie. Carmen wechselte das Thema. «Miguel ist in großen Schwierigkeiten. Er schuldet Amalgamated-Banks über 600000 Dollar.»
«Was?»
«Er hat einen Kredit von 600000 Dollar plus Zinsen aufgenommen und meine Unterschrift als Mitunterzeichnerin gefälscht.»
«Was hat denn das mit uns zu tun?»
«Ich werde eine Menge Geld verlieren, wenn ich nicht hetero werde. Miguel hat sich auf ein Geschäft mit nachgemachter Designermode eingelassen. Ach, frag bloß nichts. Der Punkt, auf den es ankommt, ist: wenn die Umsätze fallen und er den Kredit nicht zurückzahlen kann, muß ich das Geld aufbringen.»
«Carmen, ich mochte dich lieber, als du dir noch um dein Herz Sorgen gemacht hast.»
«Ich und meine Karriere sind dir völlig schnuppe. Jede andere wäre außer sich. Bonnie Marie macht Miguels Scheiße ganz krank.»
Harriet knallte ihr eine. Das war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.