«Du irrst dich, was den Tennismarkt angeht!» schrie sie hinterher.
Siggy war unterwegs zum Fahrstuhl.
Lavinia erkannte eine Krise, wenn sie eine sah. Sie schluckte ihren Stolz hinunter und rannte Siggy nach. «Warte eine Minute, warte eine Minute. Ich habe den Kopf verloren. Komm zurück and laß uns darüber reden.»
Gelassen trat Siggy von der aufgehenden Fahrstuhltür zurück.
Dann redeten sie fünf Stunden lang. Siggy Wayne schlug eine Neuorganisation des Profitennis vor. Alles würde heruntergeschraubt werden. Außerdem versprach er, einen neuen Sponsor beizuschaffen, einen, den man nicht speziell mit Weiblichkeit oder weiblichen Produkten gleichsetzte. Und schließlich, wenn sie ihn nicht zum gleichberechtigten Partner machte, ginge er.
Lavinia zögerte dies hinaus, bis er einen neuen Sponsor präsentieren konnte. Das tat er. Ein Schnapsfabrikant wollte einen neuen Drink auf den Markt bringen, einen alkoholischen Milchshake namens «Avalanche». Sie beschlossen, es ein Jahr lang auszuprobieren. Der Vertrag konnte gelöst werden, falls ein Skandal losbrach. Avalanche war für die neuen Konsumenten gedacht, die Achtzehn- bis Vierundzwanzigjährigen; im übrigen warb die Firma für ihr Hauptprodukt, Gin.
Siggy war nun gleichberechtigter Partner. Das Damentennis würde unter seiner Regie Zukunft haben. Veranstaltern, die früher ohne weiteres Turniere bekamen, wurden jetzt eine Reihe von Bestimmungen auferlegt, die Siggy Wayne ausarbeitete. Die Tennisveranstaltungen wurden unter Siggys Regie leicht an Zahl verringert und zentralisiert. Es war nun wirklich ein Geschäft und steuerte durch das Fahrwasser der Wirtschaft wie jede andere stabile Firma. Auf seine Weise war Siggy von größerer Bedeutung als Wimbledon.
Carmens Hochzeit, ein gesellschaftliches Spitzenereignis in Los Angeles, füllte alle Zeitungen und Sportblätter. Auch wenn sie sich ihrer Mediennutten nicht mehr sicher war, wußte Lavinia doch, daß niemand dieser Hochzeit widerstehen könnte. Der Witz war, daß Bonnie Marie Bishop als Carmens Brautjungfer fungierte. Arturo Semana übergab seine Tochter, während Theresa, ihre Mutter, in der ersten Reihe in Tränen zerfloß. Auch Miguel weinte. Er wußte, daß dieser hübsche Schauspieler sich früher oder später auf einen Machtkampf mit ihm einlassen würde. Miguel und Carmen kitteten ihr Verhältnis zueinander, so gut sie konnten. Sie liebte ihn noch immer, aber sie würde ihm nie mehr trauen. Sie würde nie wieder jemandem wirklich trauen, außer Bonnie Marie - und derjenigen, die nach Bonnie Marie kam.
Die Hochzeit sollte zwar ursprünglich Weihnachten stattfinden, aber die mittsommerlichen Ereignisse erschütterten Lavinia zutiefst. Dies war eine Notheirat, und das Damentennis war das Baby.
Vor der Hochzeit organisierte Happy Straker, zusammen mit den meisten anderen Mädchen im Profitennis, einen Polterabend. Filmkameras en masse waren dabei. Anschließend legten die lesbischen Spielerinnen ein Schweigegelübde ab. Keine würde je zugeben, daß sie lesbisch war, und keine würde sich je mit einer öffentlich bekannten Lesbierin sehen lassen. Damit war natürlich Harriet gemeint. Lavinia sorgte dafür. In all ihren Presseverlautbarungen war nur von «jener unglückseligen Freundschaft» die Rede. Nach Carmens Heirat, wenn ihre Mädchen in Sicherheit waren, würde sie aufhören, auf Harriet herumzuhacken.
Susan Reilly glänzte durch Abwesenheit. Alicia ebenfalls. Diese Geschichte flüsterte man sich nur hinter geschlossenen Türen zu. Happy überwachte jetzt das Schweigen. Es war eine Rolle, die ihr auf den Leib geschrieben war.
Mit einem verständnisvollen Timothy verheiratet, war Carmen nun in Sicherheit und mit Bonnie Marie wahnsinnig glücklich. Bonnie Marie wurde in einem hübschen Haus in Westwood versteckt, während Tim und Carmen in ihrem neuen, riesigen Anwesen mit Tennisplatz in Bel Air wohnten.
Carmens einzige Sorge galt dem Sieg im US Open. Sie trainierte inbrünstig mit Miguel. Sie würde den Grand Slam gewinnen, und allein darauf kam es an.
So fieberhaft Carmens Training auch war, an die Intensität desjenigen von Susan Reilly reichte es nicht heran. Susan begab sich in die Obhut von Marvin Wheelwright, einem der größten Trainer in dieser Sportart. Er war in den fünfziger Jahren ein guter Spieler im Doppel gewesen, aber seine wahre Rolle war die eines Trainers. Marvin konnte eine Spieltechnik genauer und schneller ändern als irgend jemand sonst im Sport. Er war teuer, und seine Schützlinge arbeiteten täglich acht Stunden.
Susan stand morgens um sechs auf. Da Marvin in Florida lebte, arbeiteten sie von sieben bis elf Uhr, machten eine Mittagspause, an die sich Krafttraining und Strategiestunden anschlossen, und waren dann wieder von vier bis acht Uhr abends auf dem Platz.
Marvin drillte sie auf Kunstrasen, dem Belag des US Open, und für das Australian Open auf Rasen. Er war einer der wenigen Profis in Amerika, die einen Rasenplatz besaßen.
Marvin war sich seiner Sache nicht sicher, was Susan und das US Open anging. Ihre Ungeduld mit dem Kunstbelag konnte ihr schaden; auf Rasen hingegen - wenn sie sich an das hielt, was er ihr einbleute, vor allem hinsichtlich ihrer Spurts ans Netz - auf Rasen würde sie mörderisch sein.
Auf ihre Weise war Susan bereits jetzt mörderisch. In Ermangelung von Liebe - dessen, was sie von der Liebe kannte - trat Susans manische Veranlagung offen zutage. Nach acht Uhr abends sich selbst überlassen, stürzte sie in den Kraftraum, um ihren Körper weiter zu traktieren. Sie war eine Besessene.
Harriet machte schlimme Zeiten durch. Sie konnte es sich nicht leisten, das Haus in Cazenovia zu halten, aber alle ihre Ersparnisse steckten darin. Sie hatte Carmen nie für kleinlich gehalten, wurde nun aber eines Besseren belehrt. Wahrscheinlich gibt es so was wie eine gute Trennung nicht, dennoch war das Gerangel mit Carmens ausgefuchsten Anwälten über das Haus keine beglückende Sommerbeschäftigung für eine Frau, die von ihrer Geliebten ohne Geld sitzengelassen worden war. Die schönen Geschenke, die Carmen ihr gemacht hatte, waren in dieser Situation nutzlos. Sie hatten nur dazu gedient, daß Harriet noch mehr zu einer Geisel von Carmens Reichtum wurde.
Schließlich wurde das Haus verkauft. Die Auszahlung wurde verzögert, da Carmens Anwälte erklärten, Harriet hätte nicht die Hälfte des Kaufpreises beigesteuert. Sie hatte das auch nie behauptet, denn schließlich war Geld nicht die Basis ihrer Beziehung mit Carmen gewesen. Sie waren Geliebte, keine Buchhalter. Trennung ist die einzige menschliche Tragödie, die alles auf Geld reduziert. Harriet haßte das. Carmen, wenn sie sich überhaupt dafür interessierte, bot nie an, diese Misere zu erleichtern. Als endlich alles geregelt war, schäumte Carmen, wie sehr sie von Harriet, dieser Lesbe, ausgebeutet worden sei. Harriet nahm ihre Hälfte des Hauserlöses, legte sie in hochverzinslichen Wertpapieren an und mietete ein Haus in der Stadt. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken.
Außer dem Geld aus dem Haus hatte sie keine Einkünfte. Freunde am College von Cazenovia und der Universität von Syracuse verschafften ihr Arbeit als Tutorin für Doktoranden. Damit konnte sie knapp die Miete und das Essen bezahlen. Harriet kam dahinter, daß Lesbischsein eine sehr kostspielige Sache war. Sie bedauerte, daß Carmen sie verlassen hatte, und sie bedauerte Lavinias Schmutzkampagne. Aber sie bedauerte nicht, daß sie die Wahrheit gesagt hatte.
Zu Lavinias und Siggys neuer Strategie für die Damentennisliga gehörte, daß sie wie ein Tornado in die Reihen der Angestellten fuhren. Alle kessen Väter waren draußen. Alle weiblichen Angestellten mußten Nagellack, Perlonstrümpfe, Parfüm und Röcke tragen. Eine Spielerin mußte nicht einmal lesbisch sein, sie brauchte dessen nur verdächtigt zu werden, um ihnen zum Opfer zu fallen. Es war die McCarthy-Ära im Tennis. Leider waren die Homosexuellen an Verfolgungswahn gewöhnt. Nur die Heteros beschwerten sich.